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Liebesromane an einem Ort

Kapitel 2Flüstern der Legenden


Der große Saal des Anwesens war seit Generationen nicht mehr voll gewesen. Jetzt war er voll.

Sophie zählte über sechzig, und Johannes trug immer noch Stühle herein. Sie standen in Gruppen an den Wänden, Familien beieinander, und es roch nach nassen Mänteln und nach der Kälte, die sie von draußen mitgebracht hatten. Die Kinder waren nicht da. Das sagte alles.

Es war kein festlicher Raum mehr. Der lange Eichentisch war an die Stirnwand geschoben und trug jetzt Thermoskannen, einen Korb mit Hefezopf und eine Kiste mit Verbandszeug; über den Kaminsims hatte jemand eine Karte der Insel genagelt, mit Reißzwecken in vier Farben — grün für die Wachposten, rot für die Stellen, an denen es still war.

An der Wand darunter lehnten Wanderstöcke, ein Wagenheber und zwei Heugabeln, und Sophie sah sie an und dachte: Das ist es also, womit sechzig Wölfe sich bewaffnen, wenn der Gegner keinen Körper hat.

Alexander sprach kurz. Was er sagte, war wahr, und es war die Hälfte.

„Neunzehn Nächte“, sagte er. „Vier auf der Insel, zwei im Dorf. Es geht immer gleich: Sie werden in der Nacht gefunden, nicht verletzt, nicht krank. Sie können gehen, essen, arbeiten. Sie wissen nur nicht mehr, wer sie sind.“

„Und sie kommen nicht zurück“, sagte eine Frau vorn.

„Nein. Bisher nicht.“

Ein Raunen ging durch den Saal, das kein Erschrecken war. Es war das Geräusch von Menschen, denen etwas bestätigt wurde, das sie längst wussten.

Sophie stand seitlich am Kamin, wo sie nicht im Weg war, und beobachtete die Gesichter. Manche sahen zu Alexander. Die meisten sahen zu dem alten Mann, der sich vorn auf seinen Stock stützte und wartete, bis der Alpha fertig war.

„Brandt“, sagte Alexander. „Sag ihnen den Rest.“

Brandt kam nach vorn, langsam, mit der schlechten Hüfte, und Sophie sah, dass er dieselbe Jacke trug wie in der Nacht, in der er sie im Keller des Klosters hatte aufhalten wollen. Er sah sie an, ehe er sprach. Es lag kein Vorwurf darin, aber auch keine Vergebung. Nur die Feststellung, dass sie beide da waren.

„Ihr kennt die Geschichten“, sagte Brandt in den Saal. „Ihr habt sie euren Kindern erzählt und geglaubt, es seien Geschichten. Der Fährmann, der nicht mehr wusste, an welches Ufer er wollte. Das Mädchen aus Allensbach, das auf jeden Namen hörte. Die Nacht, in der man in Gaienhofen die Kirchenbücher verbrannt hat.“

Er machte eine Pause und ließ es wirken.

„Das sind keine Märchen. Das sind Berichte. Unsere Großeltern haben aufgeschrieben, was passiert, wenn die Bindung dünn wird, und weil es hundert Jahre nicht passiert ist, haben wir daraus Gute-Nacht-Geschichten gemacht.“

„Und wie heißen sie in den Geschichten?“, fragte ein junger Mann.

„Die Hohlen“, sagte Brandt.

Das Wort landete im Saal wie ein Stein in einen Teich, und der ganze Raum wurde still davon.

„Sie nimmt nicht das Leben“, sagte Brandt. „Merkt euch das, es ist das Einzige, was hilft. Sie nimmt den Namen. Alles, was einer ist — seine Mutter, seine erste Angst, der Weg zu seinem eigenen Haus. Sie nimmt es, und den Rest lässt sie stehen und weitergehen. Deshalb hat man sie früher nicht begraben. Man konnte sie ja nicht begraben. Sie kamen zum Essen.“

Eine Frau in der zweiten Reihe fing an zu weinen, lautlos, die Hand vorm Gesicht.

„Dann versiegelt es fester“, sagte eine junge Stimme aus dem hinteren Drittel. „Was auch immer im Fels unter dem Kloster liegt: schüttet es zu, mauert es ein, sprengt den Gang.“

Sophie drehte sich um. Die Sprecherin war jung, vielleicht fünfundzwanzig, mit einem schmalen, scharf geschnittenen Gesicht und dem Hemdkragen eines Menschen, der sich zum Reden nicht extra umzieht.

„Das ist Rieke“, murmelte Johannes neben Sophie. „Sie spricht für die Jungen. Ob die Jungen wollen oder nicht.“

„Man kann eine Tür nicht zumauern“, sagte Alexander. „Der Fels ist nicht das Schloss.“

„Was dann?“

„Das ist die falsche Frage.“ Er sagte es ruhig, und Sophie, die ihn inzwischen lesen konnte, sah, wie viel ihn diese Ruhe kostete. „Die richtige lautet, wie lange wir noch Zeit haben. Die Antwort kenne ich nicht.“

„Dann geht“, sagte Rieke. „Wir sind ein Clan, keine Festung. Bringt die Familien aufs Festland, nach Konstanz, nach Ulm, meinetwegen nach Hamburg. Wir sind schon einmal fortgegangen, als die Seuche kam.“

„Und die im Dorf?“, fragte jemand. „Die Menschen? Die nehmen wir wohl nicht mit.“

Rieke antwortete nicht sofort, und Sophie rechnete ihr das hoch an. Sie hatte in Lindau genug Leute reden hören, die auf so eine Frage sofort eine Antwort hatten.

„Nein“, sagte Rieke schließlich. „Nehmen wir nicht.“

„Es reist mit“, sagte Sophie.

Sie hatte nicht sprechen wollen. Sechzig Köpfe drehten sich zu ihr, und sie merkte, wie sich die Luft im Saal veränderte: Neugier, Misstrauen, und bei einigen etwas Schärferes. Sie war die Keller. Für die Hälfte des Raumes war sie die Frau, die in jener Nacht die Tür gehalten hatte. Für die andere Hälfte war sie die Frau, die sie aufgestoßen hatte.

Beides stimmte.

„Es hängt nicht am Ort“, sagte Sophie. „Es hängt an der Bindung, und die Bindung hängt an euch. Wohin ihr geht, geht sie mit. Wenn ihr euch verteilt, verteilt ihr nur die Nächte, in denen es zuschlägt, über mehr Städte.“

„Und woher weiß eine Buchbinderin das?“, fragte ein Mann bei der Tür.

„Restauratorin“, sagte Sophie. „Und ich weiß es nicht. Ich vermute es. Aber ich weiß, wo es aufgeschrieben steht, und ich bin die Einzige hier, die es lesen kann.“

Es war Brandt, der lachte. Ein kurzer, trockener Laut, mehr Husten als Lachen.

„Lasst sie lesen“, sagte er. „Was habt ihr denn Besseres? Fünf von uns halten Wache mit Stöcken gegen etwas, das keine Zähne hat.“

Die Versammlung löste sich schlecht auf, so wie sich Versammlungen auflösen, in denen nichts entschieden wurde. Sophie blieb am Kamin stehen, bis der Saal fast leer war.

„Sie haben eine Meinung“, sagte Rieke, die auf einmal neben ihr stand. „Über das Fortgehen.“

„Ich habe eine Vermutung.“

„Meine Schwester hat zwei Kinder.“ Rieke sah geradeaus in die Glut. „Ich hätte gern eine Meinung.“

„Die kann ich Ihnen in drei Tagen geben“, sagte Sophie. „Vielleicht.“

„Dann in drei Tagen.“ Rieke nickte einmal, kurz, wie jemand, der einen Termin notiert, und ging.

Später, als es dunkel war, ging Sophie mit Johannes noch einmal ins Dorf. Er trug einen Korb mit Brot und Speck, und er sagte auf dem ganzen Weg kein Wort darüber, was sie taten, sondern erzählte vom Wetter im Oktober.

Werner Baumann saß in der Stube am Tisch, die Hände flach vor sich auf dem Holz. Seine Frau nahm den Korb und bedankte sich zu oft.

„Er isst“, sagte sie. „Er schläft. Er repariert sogar die Reuse, wenn ich ihm zeige, wie es geht. Er ist nur —“ Sie brach ab.

„Höflich“, sagte Sophie.

Die Frau sah sie an, und dann fing sie an zu weinen, und diesmal nicht lautlos.

„Ja“, sagte sie. „Genau das. Er ist höflich zu mir.“

Sophie setzte sich zu ihm an den Tisch. Der Anhänger unter ihrer Bluse war so kalt, dass sie ihn an der Haut spürte wie eine Münze aus dem Winter.

„Guten Abend“, sagte sie.

„Guten Abend“, sagte der Mann freundlich.

„Ich heiße Sophie.“

„Das ist schön.“ Er dachte einen Augenblick nach, ernsthaft, wie über eine Rechenaufgabe. „Ich glaube, ich hatte auch einen.“

Sie musste den Blick abwenden.

Auf dem Rückweg über die Felder blieb Johannes stehen und sah zum Wald hinüber, dessen Kontur sich schwarz gegen den kaum helleren Himmel abhob.

„Meine Mutter hat das Lied gesungen“, sagte er unvermittelt. „Von dem Mann, der über den See fährt und vergisst, wohin. Ich habe es meiner Tochter vorgesungen, Frau Keller. Als Schlaflied.“

Er ging weiter.

Sophie folgte ihm, und in ihrem Kopf ordnete sich, ganz gegen ihren Willen, alles zu einer Frage, die sie in Lindau nicht gehabt hatte und die sich nicht mehr wegschieben ließ.

Nicht: Wie hält man die Tür zu.

Sondern: Womit ist sie überhaupt verschlossen worden — und was hat das gekostet.