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Liebesromane an einem Ort

Kapitel 3Die verborgene Schatulle


Die Bibliothek des Klosters Reichenau roch nach Leder, Staub und kaltem Stein, und Sophie hätte sie mit verbundenen Augen wiedererkannt. Es war der einzige Geruch auf dieser Insel, der ihr nichts antat.

Der Mann am Empfangspult sah nicht auf, als sie eintrat. Er hatte graues, sorgfältig gekämmtes Haar, einen grauen Gehrock und eine schmale Brille, und er schrieb etwas in ein Verzeichnis, mit der Bedächtigkeit eines Menschen, der weiß, dass er nicht gestört werden will.

„Wir öffnen um zehn“, sagte er.

„Es ist Viertel nach zehn.“

Er sah auf. Er hatte helle, aufmerksame Augen hinter der Brille, und er brauchte drei Sekunden, in denen er ihr Gesicht las wie ein Titelblatt.

„Dr. Friedrich Weber“, sagte er. „Ich leite diese Sammlung. Und Sie sind eine Keller.“

„Sophie Keller. Woran sehen Sie das?“

„Am Kinn.“ Er legte die Feder hin. „Ihr Urgroßvater hat in diesem Raum gesessen, an dem dritten Tisch, weil dort das Licht am längsten steht. Wir haben ein Foto. Sie haben sein Kinn und offenbar auch seine Angewohnheit, zu spät zu kommen und dann zu tun, als sei die Uhr schuld.“

Sophie setzte die Tasche ab. „Dann wissen Sie, warum ich hier bin.“

„Ich weiß, dass im Dorf ein Fischer sitzt, der auf jeden Namen hört“, sagte Weber. „Ich weiß, dass die Herrschaften vom Waldrand seit Wochen Wache stehen. Und ich weiß, dass es in dieser Bibliothek eine Abteilung gibt, die seit 1863 verschlossen ist. Was ich nicht weiß, ist, ob Sie zu denen gehören, die etwas reparieren wollen, oder zu denen, die etwas finden wollen.“

„Ist das ein Unterschied?“

„Es ist der einzige, der mich interessiert.“

Er ließ sie drei Stunden warten. Sie wusste, dass es eine Prüfung war, und sie bestand sie auf die einzige Art, die ihr einfiel: Sie setzte sich an den dritten Tisch, packte ihr Werkzeug aus und arbeitete.

Auf dem Stapel lag ein Antiphonar aus dem fünfzehnten Jahrhundert mit gelöstem Rücken. Sophie zog die weißen Handschuhe an, prüfte den Fadenverlauf, mischte Weizenstärkekleister an und begann, das Kapital neu zu unterlegen. Es war eine ruhige, langsame Arbeit, bei der man nichts denken muss, und genau deshalb tat sie sie.

Sie packte dafür aus, was sie immer dabeihatte: den Falzbeinspatel aus Rinderknochen, die feine Pinzette, die Schere mit der abgebrochenen Spitze, die sie seit der Ausbildung nicht ersetzt hatte, zwei Bogen Japanpapier in verschiedenen Grammaturen und ein Glas mit Methylcellulose für die Stellen, an denen Weizenkleister zu stark zöge.

Der Pergamentstaub setzte sich in den Nahtstellen ihrer Handschuhe ab und roch nach Kalk und nach etwas Tierischem, das nach sechshundert Jahren immer noch da war.

Nach der dritten Stunde stand Weber neben ihr und sah ihr eine Weile schweigend zu.

„Sie kleistern sparsam“, sagte er.

„Man kann immer mehr geben. Wegnehmen kann man nichts.“

„Nein“, sagte Weber. „Das kann man nicht.“ Er sagte es so, dass Sophie den Kopf hob, aber sein Gesicht war unbewegt. „Kommen Sie mit.“

Die verschlossene Abteilung lag hinter einer Tür, die auf keinem Plan der Bibliothek verzeichnet war, und dahinter ging es sieben Stufen hinunter. Die Luft war trocken und kalt. Weber zündete eine Lampe an, keine elektrische.

„Es gibt hier unten keinen Strom“, sagte er. „Das war eine Bedingung. Fragen Sie mich nicht, wessen.“

Auf den Regalen standen keine Bücher, sondern Kästen. Weber ging die Reihe entlang, ohne die Aufschriften zu lesen — er wusste, wo er hinwollte —, und stellte eine flache Schatulle aus dunklem Holz auf den Tisch.

Auf dem Deckel war ein Halbmond eingeschnitten, umgeben von geschwungenen Linien, die aussahen wie Wellen oder wie Flammen, je nachdem, wie das Licht fiel.

Sophie legte die Hand darauf und zog sie wieder zurück.

„Ja“, sagte Weber. „Das tut jeder.“

Sie öffnete den Deckel.

Kein Schmuck. Sie hatte, ohne es sich einzugestehen, mit einem zweiten Anhänger gerechnet, und sie wusste nicht, ob sie erleichtert oder enttäuscht war. Was darin lag, war unscheinbarer und schlimmer.

Ein schmales Buch in dunklem Leder, kaum größer als eine Hand. Und daneben, in eine Rille aus Filz gebettet, ein Stift aus Silber, so lang wie ein Zeigefinger, an einem Ende zu einer feinen, dreikantigen Spitze ausgezogen.

„Das Verzeichnis der Wächter“, sagte Weber. „Und das Werkzeug, mit dem geschrieben wurde. Nicht auf Papier.“

Sophie nahm den Stift nicht in die Hand. Sie sah nur, dass die Spitze dunkel angelaufen war, und was Silber so anlaufen lässt, wusste sie.

Das Buch war schwerer, als es aussah. Auf der ersten Seite stand nichts als eine Randnotiz, in einer engen, alten Kanzleischrift, die sie ohne Mühe las, weil sie tausend solche Hände gelesen hatte:

Lunam argentum et vincula animae.

„Der silberne Mond und die Fesseln der Seele“, sagte sie.

„Wörtlich, ja.“ Weber setzte sich auf den einzigen Stuhl und legte die Hände auf den Griff seines Schirms. „Ich habe zwanzig Jahre gebraucht, um zu verstehen, dass es kein Gedicht ist. Es ist eine Inhaltsangabe.“

Sie blätterte weiter. Listen. Seite um Seite Listen, in wechselnden Händen, über Jahrhunderte: links ein Datum, in der Mitte ein Name, rechts ein zweiter Name in Klammern und dahinter ein Wort, immer dasselbe Wort.

Träger.

„Erklären Sie es mir“, sagte Sophie.

„Ich kann es Ihnen nur so erklären, wie ich es verstanden habe, und ich bin Bibliothekar, kein Priester.“ Weber sprach trocken und präzise, wie er vermutlich alles sprach. „Was unter diesem Kloster liegt, ist nicht eingesperrt wie ein Tier in einem Käfig. Es ist gebunden wie eine Partei in einem Vertrag. Und ein Vertrag hält nicht durch Steine. Er hält durch Unterschriften.“

„Und die Unterschrift ist —“

„Ein Name. Ein wirklicher, ein ganzer, mit allem, was daran hängt.“ Er tippte auf die Liste. „Jede Zeile hier ist eine Erneuerung. Und in jeder Zeile steht, wer den Namen gegeben hat, und in Klammern, wessen Name genommen wurde.“

Sophie sah auf die Klammern, und dann sah sie sie an, richtig, und die Bibliothek wurde sehr still.

„Das sind nicht immer dieselben Namen.“

„Nein.“

„Der Wächter gibt. Aber gegeben wird ein anderer.“

„Manchmal“, sagte Weber. „Nicht immer. Es gibt Zeilen, in denen beide Namen gleich sind. Es sind die wenigsten, und sie sind die einzigen, bei denen die Bindung länger gehalten hat als zwei Generationen.“ Er nahm die Brille ab und putzte sie, ohne Not. „Ein erzwungener Name hält schlecht. Das ist die ganze Weisheit dieses Kellers, Frau Keller, und ich habe zwei Jahrzehnte dafür gebraucht.“

Sophie stand da, die Hand über dem Buch, und in ihr ordnete sich etwas mit dem hässlichen, sauberen Klicken, mit dem ein Schloss zufällt.

Neunzehn Nächte. Ein Muster, das den Hals hinaufwuchs. Ein Mann, der sagte, es sei schlimmer, als er dem Clan sagen dürfe.

„Dr. Weber. Steht in diesem Buch, wer 1863 unterschrieben hat?“

Weber setzte die Brille wieder auf.

„Es steht darin“, sagte er. „Und ich werde Ihnen die Seite zeigen. Aber nicht heute.“

„Warum nicht?“

„Weil Sie es heute lesen würden wie eine Auskunft.“ Er stand auf und nahm die Lampe. „Es ist aber keine Auskunft. Es ist eine Rechnung. Und Rechnungen liest man erst, wenn man weiß, ob man sie bezahlen kann.“

Er ließ sie die Schatulle mitnehmen. Das hatte sie nicht erwartet.

Oben, im Licht der bleiverglasten Fenster, kam er ihr auf halbem Weg zur Tür nach.

„Frau Keller. Eines noch.“ Zum ersten Mal an diesem Tag klang er nicht trocken. „Ich habe niemandem in dreiundzwanzig Jahren diese Treppe gezeigt. Wenn Sie das da unten aufwecken, indem Sie darin herumlesen, dann habe ich es getan. Ich bitte Sie also nicht um Vorsicht. Ich bitte Sie um Anstand.“

„Sie haben ihn“, sagte Sophie.

Draußen ging sie durch den Kreuzgang, die Schatulle unter dem Arm, und in ihrer Brusttasche lag der Anhänger, still und kalt und unbeteiligt.

Erst am Tor, im Durchgang zwischen den alten Mauern, wurde er warm. Nur einen Herzschlag lang, so warm wie eine Hand, und dann wieder kalt.

Sophie blieb stehen. Sie sah zurück auf den Turm, unter dem sieben Stufen hinabführten und darunter, viel tiefer, die Katakomben lagen, in denen sie im Herbst ihr Blut auf einen Altar gedrückt hatte.

„Ich weiß“, sagte sie leise. „Ich komme ja.“

Im Bann des Wolfes - Band 2 - Kapitel 3 | EpicBooks.app