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Liebesromane an einem Ort

Kapitel 1Am Rand der Stille


Der Wind kam nicht mit.

Das war das Erste, was Lila auffiel, nachdem sie die Baumgrenze durchschritten hatte. Zwei Schritte vorher hatte ihr der Wind ins Gesicht gestanden. Zwei Schritte danach war er weg – nicht abgeflaut, nicht gedreht. Weg, als hätte jemand eine Tür geschlossen.

Sie drehte sich um. Hinter ihnen standen die Stämme wie ausgerichtet, und dahinter lag der Wald, in dem sie aufgewachsen war, und der sah aus wie immer.

„Nicht stehen bleiben“, sagte Taren.

Sie gingen bis zum Mittag, wenn es überhaupt Mittag war. Über ihnen hing ein heller Fleck im Dunst, weder Sonne noch Mond, der sich nicht bewegte. Ihre Stiefel machten Geräusche, aber die Geräusche kamen nicht zurück. Kein Vogel. Kein Knacken im Unterholz, das nicht von ihnen stammte.

„Wie lange sind wir drin?“, fragte Lila irgendwann.

Taren sah zu dem Fleck hinauf. „Keine Ahnung.“

„Rate.“

„Ich rate nicht bei so was.“ Er ging weiter. „Malric hat gesagt, hier misst niemand in Tagen. Ich dachte, er redet in Bildern.“

Lila tastete nach dem Wald, wie sie es seit Tagen tat, aus reiner Gewohnheit. Etwas antwortete – aber verspätet, wie ein Echo aus großer Entfernung, das nicht mehr zum Ruf passte. Sie ließ es los, bevor sie sich daran gewöhnen konnte.

Am Nachmittag stand ein Baum vor ihnen, dessen Rinde bleich war wie Knochen. Dünne Linien liefen darüber, und unter den Linien bewegte sich etwas.

Sie blieb stehen, ohne es zu wollen.

„Lila.“

„Ich weiß.“

„Dann geh weiter.“

Sie ging nicht weiter. Der Baum zog nicht an ihr wie ein Sog; es war einfacher und schlimmer als das. Er kannte sie. Er formte etwas in der Luft, das fast ihr Name war – zwei Silben, dicht daran vorbei, so wie damals der Steinkreis hinter dem Haus ihrer Großmutter, als sie acht gewesen war und noch geglaubt hatte, der Wald sei freundlich.

Ihre Finger berührten die Rinde.

Sie war wieder in der Küche in Willow Creek. Sie war neun. Ihre Mutter stand am Herd und sprach Worte über einer Schale mit Wasser, und Lila hatte damals nicht gewusst, dass es eine Sprache war, sondern gedacht, so klinge Kochen.

Raes Hände bewegten sich über der Schale und zogen Fäden, die niemand sehen konnte. Und im Türrahmen, hinter ihrer Mutter, stand ein Schatten, der zu lang war für die Tageszeit.

Dann schnappte es zurück, und Lila stand keuchend vor einem Baum, und aus ihren Fingerspitzen kroch ein blasses Licht in die Rinde hinein wie Wurzeln, die Boden suchen.

„Was war das?“, fragte Taren. Er hatte das Messer halb gezogen und schien es selbst nicht bemerkt zu haben.

„Meine Mutter. Vor elf Jahren.“ Sie wischte sich die Hand am Mantel ab, als ließe sich das abwischen. „Sie hat gezaubert, während ich Hausaufgaben machte, und mir gesagt, es sei nichts.“

„Und der Schatten in der Tür?“

Lila sah ihn an. „Woher weißt du, dass da ein Schatten war?“

Taren antwortete nicht sofort. „Weil ich ihn gesehen habe“, sagte er dann. „In dem Moment, als du die Rinde angefasst hast, habe ich ihn auch gesehen.“

Sie standen einen Moment und ließen das zwischen sich stehen.

„Der Wald zeigt uns Dinge“, sagte Taren. „Ab jetzt sagen wir einander sofort, was wir sehen. Nicht später.“

„Einverstanden.“

„Und wir fassen nichts mehr an.“

„Das“, sagte Lila, „kann ich dir nicht versprechen.“

Eine Stunde später kamen sie zum zweiten Mal an derselben Wurzel vorbei.

Taren sagte nichts dazu. Er zog das Messer, kniete sich hin und schnitt einen Strich in die Rinde des nächsten Baums, tief, mit Grat. Dann standen sie auf und gingen weiter.

Beim dritten Mal stand der Strich auf der anderen Seite des Weges.

„Gut“, sagte Taren, und es klang fast heiter. „Dann wissen wir wenigstens, dass es Absicht ist.“

„Wieso ist das gut?“

„Absicht hat einen Grund. Ein Grund hat eine Regel. Regeln kann man brechen.“ Er steckte das Messer weg. „Zufall kann man nicht brechen.“

Lila versuchte, einen Faden ihrer Magie zu greifen und ihn nach vorn zu werfen, wie sie es zwölf Jahre lang getan hatte. Der Faden drehte sich nach innen und wickelte sich um sich selbst. Sie versuchte es ein zweites Mal, mit demselben Ergebnis, und beim dritten Mal merkte sie, dass ihre Hände zitterten, und hörte auf.

Unter ihren Füßen, tief unten, rührte sich etwas Schweres. Kein Geräusch. Ein Gewicht, das aufmerksam wurde.

„Es kommt von unten“, sagte sie. „Nicht aus den Bäumen. Von unter dem Boden.“

Taren sah sie an, und in seinem Gesicht arbeitete etwas, das sie noch nicht lesen konnte. „Sag das noch einmal.“

„Von unten.“

„Bei uns im Norden hieß es“, sagte er langsam, „wo der Wald krank wird, muss man nicht nach oben schauen. Ich habe das für Aberglauben gehalten.“

Am Abend – wenn es Abend war, das Licht änderte sich nicht – gab der Pfad sie frei, und vor ihnen lag ein See.

Er war schwarz und vollkommen glatt. Kein Windzug, keine Insekten, kein Schilf. Ihre Spiegelbilder standen darin und sahen zu ihnen herauf.

Lila trat ans Ufer. Ihr Spiegelbild trat ebenfalls ans Ufer, aber einen Herzschlag zu spät. Dann lächelte es, bevor sie es tat.

Sie wich zurück und stieß gegen Taren, der schon hinter ihr stand.

„Nicht hinsehen“, sagte er.

„Zu spät.“

Er hob einen Stein und warf ihn. Die Wellen liefen viel zu langsam nach außen, und die Gesichter zerbrachen – und darunter kam etwas hoch. Keine Bilder. Stimmen. Bruchstücke von Lachen, ein Schrei, Namen, die niemand mehr aussprach.

Und eine Stimme, die Lila kannte, obwohl sie sie seit zwölf Jahren nicht gehört hatte. Verzerrt, wie über brechendes Eis gezogen, aber unverwechselbar.

Lucien.

Ihre Hand ging an den Anhänger unter dem Hemd und blieb dort.

„Was ist?“, fragte Taren.

„Der See hat ein Gedächtnis“, sagte sie. Ihre Stimme kam ruhiger heraus, als sie erwartet hatte. „Und er hat gerade jemanden ausgespuckt, den unser Wald vor zwölf Jahren geschluckt hat.“

„Ist das schlimm?“

„Ich weiß es nicht.“ Sie sah auf die schwarze Fläche, auf der die Wellen ausliefen und die Gesichter sich wieder zusammensetzten. „Aber wenn er hier noch existiert, dann ist er nicht verschwunden. Dann liegt er nur woanders.“

Sie gingen weiter, bevor der See fertig war mit dem Erinnern.