Kapitel 1 — Der Überfall im Wald
Runa
Der Abendhimmel glühte in sanftem Amber, während das Fest des Stammes seinen Höhepunkt erreichte. Der Duft von gebratenem Wild und frisch gebackenem Brot vermischte sich mit dem würzigen Aroma der Kiefern, die den Rand der Lichtung säumten. Kinder lachten, während sie um das knisternde Feuer tanzten, das hoch in den Himmel züngelte. Runas Hände ruhten auf dem hölzernen Tisch, und ihre eisblauen Augen durchkämmten die Menge. Ihre Lippen umspielte ein Lächeln, doch ihr Blick blieb wachsam, wie immer.
Neben ihr saß Hagar, ihr älterer Bruder, dessen breiter Brustkorb bebte, als er in lautes Gelächter ausbrach. Die goldenen Reflexe seines Bierschaleninhalts schwangen mit, während er sie mit einer Geste zum Trinken aufforderte. „Komm schon, Runa! Heute ist nicht der Tag für Sorgen! Selbst Vater hätte heute gelacht“, sagte er mit seiner tiefen, warmen Stimme, die zugleich die Verantwortung eines Anführers trug.
Runa schnaubte leise und hob ihre Schale an, trank jedoch nur einen kleinen Schluck. „Jemand muss wachsam bleiben, Hagar. Die Römer schlafen nicht.“ Ihr Tonfall war ruhig, aber bestimmt.
„Die Römer…“, begann Hagar und ließ seinen Blick in die Dunkelheit jenseits der Lichtung wandern, „sie sind weit weg. Wir haben die Späher ausgesandt.“ Er lehnte sich näher zu ihr und fügte, mit einem sanften Lächeln auf den Lippen, hinzu: „Du bist heute nicht nur meine Schwester, du bist eine Tochter unseres Volkes. Also, feiere mit uns. Vergiss für einen Moment die Schattenwelt der Politik.“
Runa seufzte, lehnte sich zurück und blickte in die Wipfel der sich sanft wiegenden Bäume. Doch tief in ihrem Inneren wusste sie, dass Hagars Zuversicht trügerisch war. Die letzte Jagd hatte Spuren hinterlassen, die auf eine römische Patrouille hindeuteten. Und die Römer waren keine Söldner, die sich zurückzogen. Sie waren wie die Flut: Kommen sie, dann gnadenlos.
Ein merkwürdiges Rascheln ließ sie innehalten. Für einen kurzen Moment war es, als hätte sich der Wind verändert. Der vertraute würzige Geruch der Kiefern schien schwächer, fast überlagert von etwas Fremdem – Rauch? Das Gefühl, beobachtet zu werden, kroch ihr über den Nacken.
„Hast du das gehört?“ flüsterte sie und richtete sich auf.
Hagar hob die Brauen, runzelte dann jedoch die Stirn, als er ihre Ernsthaftigkeit bemerkte. „Runa, du bist wie eine wilde Katze – immer auf der Jagd nach Schatten.“
Ein dumpfes, fast unmerkliches Geräusch – das rhythmische Stampfen schwerer Stiefel – drang an ihr Ohr. Es war kaum mehr als ein Flüstern im Wind, doch Runas trainierte Sinne erkannten die Bedrohung. Ihre Augen weiteten sich, und sie griff instinktiv nach dem Messer an ihrem Gürtel.
„Hagar!“ Ihre Stimme durchbrach die ausgelassene Stimmung des Festes, die Gespräche verstummten augenblicklich. Ihr Bruder stand langsam auf, seine vorherige Heiterkeit wich einer angespannten Wachsamkeit.
Dann kam es: Ein durchdringender Hornstoß, der die Nacht erschütterte. Und innerhalb von Sekunden brach die Hölle über die Lichtung herein.
Die Römer stürmten aus dem Wald, ihre Augen kalt und berechnend, die Klingen ihrer Schwerter blitzten im flackernden Licht. Schreie erfüllten die Luft, als die friedliche Feier in schieres Chaos überging. Runa packte das Handgelenk eines Kindes, das zu nah am Feuer stand, und drückte es in die Arme einer älteren Frau, die ebenfalls Schutz suchte.
„Im Kreis formieren!“ Hagars donnernde Stimme hallte über die Lichtung, während die Männer des Stammes ihre Äxte und Speere zückten. Doch die Römer waren vorbereitet. Ihre Schildmauer rollte vorwärts, unaufhaltsam wie eine eiserne Flut. Die präzise Disziplin der Legionäre schuf eine Wand aus Metall, die selbst die wildesten Schläge der Germanen absorbierte.
Runa duckte sich, als ein Pfeil knapp an ihrem Kopf vorbeizischte, und ihr Herz raste, während sie nach einer Schwachstelle in der feindlichen Formation suchte. Hagar kämpfte wie ein Berserker, seine Axt spaltete den Helm eines Legionärs, doch schon zwei weitere traten an seine Stelle.
Runa rannte zu ihm, ihre Bewegungen präzise und kontrolliert. „Hagar! Wir müssen uns zurückziehen! Sie sind zu viele!“
„Nein!“ Hagars Stimme war ein Gebrüll aus Trotz und Hoffnungslosigkeit. „Dies ist unser Land! Kein Römer wird es uns nehmen!“
Doch selbst während er sprach, bemerkte Runa die Müdigkeit in seinen Schlägen. Der Bruder, der einst unbesiegbar schien, hatte ihre Heimat zuletzt allein getragen. Und nun drohte er, unter der Last zusammenzubrechen.
Ein Schatten bewegte sich hinter Hagar, und Runas Warnung kam zu spät. Ein römischer Soldat, kräftig und erfahren, hob sein Schwert. Runas Schrei schnitt durch die Luft, als sie nach vorn sprang, ihr Messer in der Hand. Doch Hagar drehte sich im letzten Moment um, sein Gesicht verzog sich vor Schmerz, als das Schwert ihn in die Seite riss.
„Nein!“ Runa ließ ihr Messer fliegen, und es bohrte sich zitternd in die Kehle des Angreifers. Doch der Schaden war angerichtet. Hagar sank auf ein Knie, während Blut aus seiner Wunde strömte.
Runa kniete neben ihm, ihre Hände suchten verzweifelt nach einer Möglichkeit, die Blutung zu stoppen. „Hagar, bleib bei mir! Du darfst nicht…“
Er packte ihre Hand, seine Finger so stark wie immer, doch die Farbe wich bereits aus seinem Gesicht. „Runa… hör auf mich.“ Seine Stimme war gepresst, jedes Wort eine Anstrengung. „Du darfst nicht sterben. Nicht hier, nicht heute.“
Tränen liefen über Runas Gesicht, doch sie nickte stumm. „Ich werde nicht aufgeben, Hagar. Ich schwöre es dir.“
Ein letztes schwaches Lächeln huschte über seine Lippen. „Weißt du noch, wie wir früher im Wald gespielt haben? Du warst immer schneller… Zeig ihnen, was unsere Familie kann. Lebe. Für unser Volk.“
Dann war er fort.
Die Welt um Runa schien zu verschwimmen. Sie fühlte nichts außer der Kälte in ihrem Herzen, die sie zu ersticken drohte. Doch die Realität holte sie rasch ein. Ein harter Griff packte ihren Arm, und als sie aufsah, blickte sie in das grimmige Gesicht eines römischen Offiziers, dessen Helm im Licht der Flammen glänzte. Seine Stimme war ruhig, fast gleichgültig. „Bindet sie. Sie ist noch nützlich.“
Runas Blick wanderte über die Lichtung, die nun voller Rauch, Blut und schreiender Menschen war. Ihr Dorf brannte, ihre Heimat wurde verschlungen. Der letzte Blick auf Hagars reglosen Körper war wie ein Dolchstoß in ihre Seele.
Doch sie biss die Zähne zusammen. Sie hatte ihm ein Versprechen gegeben. Und sie würde es halten.
Während die Römer sie in Ketten legten, schwor Runa in ihrem Inneren, dass sie nicht brechen würde. Nicht vor ihren Feinden. Und nicht vor dem Tod.
Im fernen Osten begann die Sonne zu steigen, das blasse Licht ein schwaches Versprechen. Für Runa war dies der Beginn der dunkelsten Stunde ihres Lebens – und der Funke eines neuen Kampfes.