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Liebesromane an einem Ort

Kapitel 1Flammen der Vergangenheit


Belle Devereaux

Die Nacht war von einer unheilvollen Stille erfüllt, wie das tiefe Einatmen eines Raubtiers, das auf den richtigen Moment lauerte, um zuzuschlagen. Der Geruch von Rauch und brennendem Holz kroch schwer über die Plantage, und der Himmel, einst von Sternen übersät, war nun ein blutroter Schleier aus Glut und Asche.

Isabelle „Belle“ Devereaux stand auf dem knirschenden Kiesweg vor dem Haupthaus der Plantage, ihr Atem kam stoßweise, brannte wie Feuer in ihrer Kehle. Sie hatte das erste Knacken der Flammen gehört, als ob das Haus selbst unter der Last des Krieges stöhnte. Dann folgte das Aufblitzen von Gewehrläufen am Waldrand, ein Moment, der sich in ihre Erinnerung brannte. Jetzt war die weiße Villa, das Herzstück ihres gesamten Lebens und ihrer Familie, ein flammendes Inferno. Die lodernden Zungen der Flammen griffen gierig nach den Säulen und Fenstern, als wollten sie die letzten Überreste von Stolz und Geschichte verschlingen.

Die Magnolienbäume, die den Garten umgaben, ihre Blüten immer ein Symbol von Hoffnung und Heimat, waren zu schwarzen Silhouetten geworden, ihre breiten Blätter rauchverhangen und verbrannt. Belle erinnerte sich daran, wie sie als Kind oft unter diesen Bäumen saß, das Geräusch der summenden Insekten und den süßen Duft der Blüten genießend. Jetzt erschien es ihr, als ob diese Erinnerungen von den Flammen ausgelöscht wurden.

„Mama! Samuel!“ schrie sie, ihre Stimme zerschnitten von Angst und Verzweiflung. Sie rannte zwischen den lodernden Schatten der Ruinen, ihre Beine trugen sie über den Kies, den sie so oft barfuß im Sommer durchquert hatte. Doch heute fühlte sich der Boden unter ihr brüchig und fremd an. Ihr honigblondes Haar war aus ihrer eleganten Hochsteckfrisur gefallen, die Locken klebten an ihrem schweißnassen Nacken. Ihr Kleid, einst aus den feinsten Stoffen gefertigt, war jetzt schmutzig und zerrissen, während sie sich durch die Dunkelheit kämpfte.

Ein erneutes Splittern ließ Belle innehalten. Sie wandte sich um und sah eine der korinthischen Säulen der Veranda unter der sengenden Hitze zusammenbrechen, als ob selbst die Struktur des Hauses vor Schmerz aufgab. In diesem Moment schien es unmöglich, dass etwas von ihrer Welt übrigbleiben könnte.

„Belle!“ Eine Stimme drang durch das Chaos, und Belle erkannte den heiseren Klang ihrer Mutter, Charlotte. Sie drehte sich abrupt um und erblickte ihre Mutter, die den kleinen Samuel eng an sich gedrückt hielt. Charlottes blasses Gesicht wirkte fahl im flackernden Licht, ihre Augen weit aufgerissen vor Furcht.

„Wir müssen weg, jetzt!“ Charlotte hustete heftig, ihre Stimme war krächzend vom Rauch. Belle stürzte auf sie zu und packte ihre Mutter am Arm, ihre Finger zitterten, doch sie hielten fest. „Kommt mit mir! Schnell!“

Ein Teil von Belle wollte stehen bleiben, wollte kämpfen, wollte ihrer Familie und ihrem Zuhause treu bleiben. Ihr Blick wanderte unwillkürlich zurück zum brennenden Haupthaus, wo die Flammen unerbittlich ihre Geschichte auslöschten. Das Medaillon ihrer Mutter, das sie um den Hals trug, schien sich auf ihrer Haut zu erhitzen, ein stiller, brennender Zeuge der Katastrophe.

„Nein, ich kann nicht gehen!“ Belles Stimme brach, als sie sich weigerte, den Ort zu verlassen, der alles, was sie war, verkörperte. „Das ist alles, was wir haben, Mama! Papa hat dafür gelebt, und jetzt…“

Charlotte schüttelte energisch den Kopf, ihre eigene Panik in mütterliche Entschlossenheit verwandelnd. „Dein Vater hätte gewollt, dass wir leben, Belle! Es gibt nichts mehr hier, nur Asche und Tod. Bitte, wir müssen Sam in Sicherheit bringen!“

Ein mitschwingender Donner hallte in der Ferne wider, der Klang von marschierenden Stiefeln, ein unheilvolles Echo, das das Herannahen der Unionstruppen ankündigte. Belle wusste, dass keine Zeit mehr blieb. Die Realität verschlang ihre Hoffnung wie die Flammen die Mauern des Hauses.

Zähne zusammenbeißend unterdrückte sie die Tränen, die ihre Sicht verschleiern wollten, und nickte schließlich. Gemeinsam eilten die drei durch die verwüsteten Gärten, vorbei an den verkohlten Überresten der einst prächtigen Sklavenquartiere. Belle spürte die Bedeutung dieses Verlustes – nicht nur für ihre Familie, sondern für alle, die hier gelebt und gearbeitet hatten. Ein bitterer Kloß bildete sich in ihrem Hals, als sie kurz innehielt und das verkohlte Holz betrachtete, das einst die Hütten der Arbeiter gestützt hatte.

Samuel stolperte plötzlich und fiel auf die Knie. Charlotte beugte sich sofort hinunter, huschte vor Angst von einem Fuß auf den anderen, während sie versuchte, ihn hochzuziehen. „Mama, ich kann nicht...“ jammerte er, sein Körper zitterte vor Erschöpfung.

Belle kniete sich schnell zu ihm hinunter, verdrängte ihre eigenen Ängste und suchte seinen Blick. Ihre grünen Augen funkelten voller Entschlossenheit, obwohl ihr Herz schwer war.

„Samuel, hör mir zu. Du bist ein Devereaux, und wir geben niemals auf. Verstanden?“ Ihre Worte waren fest, doch ihre Hand, die sanft sein Gesicht hielt, zitterte leicht. „Ich brauche dich, Bruder. Mama braucht dich. Du bist unser kleiner Held. Also steh auf.“

Sein Blick, verweint und verschüchtert, erhellte sich für einen Moment. Mit einem schluchzenden Nicken rappelte er sich schließlich auf, und Belle zog ihn an sich. Charlotte griff zitternd nach Belles Rücken, während sie gemeinsam weiterliefen, immer weiter weg von der brennenden Vergangenheit.

Als sie den Rand des Grundstücks erreichten, blieb Belle ein letztes Mal stehen. Die Flammen hatten das Haupthaus vollständig verschlungen, und der Rauch verdunkelte den Himmel. In der Ferne sah sie die Silhouetten der Unionstruppen, ihre Gewehre wie düstere Schatten im orangefarbenen Licht.

Eine Erinnerung flammte in ihrem Geist auf: Ihr Vater, stolz auf der Veranda stehend, das Medaillon in der Hand, hatte ihr einmal gesagt: „Egal, was passiert, Isabelle, wahre Stärke liegt nicht in diesen Mauern. Sie liegt in dir.“

„Es wird nicht das Ende sein“, flüsterte Belle und versuchte, sich an seine Worte zu klammern. Doch die Worte fühlten sich hohl an, ein dünner Schleier über der Kluft ihres Verlustes.

„Belle!“ rief Charlotte erneut und zog sie aus ihrer Starre. Belle wandte sich ab, ihre Schritte schwer, als sie mit ihrer Familie in die Nacht verschwand.

Der süße Duft der Magnolienblüten, der einst so tröstlich gewesen war, haftete jetzt wie ein bitterer Fluch in ihrer Nase. Es war, als ob die Natur selbst über das Ende ihrer Welt weinte. Die heiße, stickige Luft des Südens schien sie zu ersticken, und doch wusste sie, dass sie weitergehen musste. Für ihre Familie, für Samuel – und für das Versprechen, das sie ihrem Vater gegeben hatte: nicht unterzugehen, egal, wie tief das Dunkel werden mochte.

Die Ruinen der Devereaux-Plantage verblassten hinter ihnen, ein geisterhaftes Mahnmal für alles, was sie verloren hatten. Doch tief in ihrem Inneren flackerte ein leiser, trotziger Funke. Die Flammen konnten ihre Heimat zerstören, aber sie würden niemals ihren Geist brechen.

Die Nacht war lang, und der Weg in die Ungewissheit noch länger. Doch Belle wusste eines: Dies war nicht das Ende ihrer Geschichte. Es war erst der Anfang.