Kapitel 1 — Spiegelungen im Glas
Marlene Weiss
Der Morgennebel hing schwer über Hamburg, als Marlene Weiss mit einem leisen Seufzen die bodentiefe Fensterfront ihres Penthouses betrachtete. Die Stadt lag unter ihr wie ein kunstvolles Gemälde aus Glas und Stahl, jede Linie perfekt, jeder Winkel makellos. Das Licht der aufgehenden Sonne schien an den Hochhausfassaden entlangzuwandern, doch die Reflexionen wirkten seltsam leer – wie eine sterile Kopie des echten Lebens.
Marlene wandte sich ab, die kühle Distanz der Szene drückte auf ihre Brust. Sie ließ sich auf den ergonomischen Designerstuhl an ihrem Schreibtisch sinken, der in der Mitte des weitläufigen Wohnbereichs stand. Die Oberfläche war so aufgeräumt wie alles in ihrem Leben: ein glänzender Laptop, eine schlichte Keramiktasse mit dampfendem Kaffee, ein hübsch arrangierter Stapel Notizen und ein perfekt gespitztes Bleistiftpaar. Auf dem Bildschirm leuchtete die Präsentation ihres neuesten Projekts – eine Serie moderner Stadthäuser, die sie entworfen hatte.
Die geometrischen Linien, so klar und funktional wie immer, sollten den Geist des Fortschritts symbolisieren. Es war ein Triumph der Architektur, ein weiteres Projekt, das zweifellos Lob einbringen würde. Marlene sollte zufrieden sein. Sie wusste, wie viel Anerkennung ihr sicher war.
Doch irgendetwas nagte ständig an ihr.
Sie zog die Tasse näher, um die Wärme auf ihren Händen zu spüren, doch selbst der teure Kaffee schmeckte heute bitterer als sonst. Gedankenverloren spielte sie mit dem Bleistift, rollte ihn zwischen ihren Fingern, als ob sie damit die Unruhe besänftigen könnte, die tief in ihr brodelte. Ihr Blick wanderte erneut zur Skyline. Die grauen Wolken zogen müde über die Dächer, und ein Hauch von Sehnsucht durchzog ihren Geist.
Ein kurzer Ton aus ihrem Smartphone riss sie aus ihrer Trance. Sie griff danach und las die Nachricht von Niklas, ihrem Verlobten.
„Vergiss nicht das Dinner heute Abend bei meinen Eltern. Wir sollten wirklich pünktlich sein – das ist ihnen wichtig.“
Sie starrte die Worte an und spürte, wie eine Welle von Ernüchterung sie überkam. Ihre Lippen pressten sich zu einer schmalen Linie. Niklas war immer höflich, immer korrekt – genau wie seine Eltern. Doch in seinen Worten lag ein kühler Unterton, als ob es nicht um ihre gemeinsame Zeit oder ihre Meinung ging, sondern darum, dass sie einfach funktionierte.
Marlene schloss für einen Moment die Augen, sammelte sich. Die Treffen mit Niklas’ Eltern verliefen stets nach dem gleichen Drehbuch: oberflächliche Gespräche über Erfolge, Aktienmärkte und Pläne für den nächsten Urlaub. Sie fühlte sich dabei jedes Mal wie eine Statistin in einem perfekt inszenierten Stück – dekorativ, aber bedeutungslos.
Ihr Blick fiel auf den Kalender auf ihrem Bildschirm. Ihre Woche war ein streng getaktetes Puzzle: Meetings, Präsentationen, Dinner mit Niklas, das Wohltätigkeitskonzert in der Elbphilharmonie. Es gab keinen Raum für Überraschungen, keine Lücken, die sie mit dem Ungeplanten füllen konnte. Der Gedanke fühlte sich gleichzeitig tröstlich und erstickend an.
Tief in ihrem Inneren sehnte sich Marlene nach etwas anderem. Aber was, das wusste sie nicht.
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Der Abend kam schneller, als sie erwartet hatte. Pünktlich um 19 Uhr stand Marlene im eleganten Esszimmer von Niklas’ Eltern, umgeben von perfekt gedecktem Porzellan und dem sanften Glanz eines Kronleuchters. Die Wände waren in warmen, cremigen Tönen gestrichen, doch selbst diese geschmackvolle Umgebung wirkte auf sie kalt.
„Marlene“, begrüßte sie Niklas’ Mutter mit einem schmalen Lächeln, das nie die Augen erreichte. „Wie schön, dass du es rechtzeitig geschafft hast. Niklas hat uns schon von deinem neuen Projekt erzählt. Es klingt … vielversprechend.“
„Vielen Dank“, entgegnete Marlene höflich, während sie einen Anflug von Unsicherheit in der Bemerkung wahrnahm. Ihr Ton klang neutral, doch in ihrem Inneren spürte sie einen kleinen Stich.
Das Gespräch bewegte sich in gewohnten Bahnen. Niklas sprach über einen neuen Mandanten, sein Vater über eine kürzlich getätigte Investition in Immobilien, und seine Mutter wechselte elegant zwischen Kommentaren zu Architekturtrends und beiläufigen Überlegungen zu ihrer bevorstehenden Reise in die Provence. Marlene beantwortete die Fragen mit ihrer geübten Präzision, nickte an den richtigen Stellen und lächelte höflich. Doch während sie die kunstvoll arrangierte Vorspeise aus Jakobsmuscheln und Spargel betrachtete, fiel es ihr schwerer denn je, bei der Sache zu bleiben.
Ein Gesprächsfetzen aus der Runde ließ Marlene aufhorchen. „Es ist wirklich beeindruckend, wie Niklas all das unter einen Hut bekommt“, bemerkte seine Mutter, während sie mit der Gabel über ihren Teller fuhr. „Er bringt so viel Leidenschaft für seine Arbeit mit. Aber Leidenschaft ist wohl nicht unbedingt nötig, wenn die Ergebnisse stimmen, oder?“
Marlene spürte, wie sich ihr Rücken unwillkürlich anspannte. War das eine beiläufige Bemerkung über ihre eigene Arbeit? Oder interpretierte sie zu viel hinein? Es war schwer zu sagen, doch die Worte hinterließen einen bitteren Nachgeschmack.
Sie zwang sich, ihren Gedanken zu entkommen und lenkte ihren Blick auf Niklas, der gerade über das bevorstehende Konzert sprach.
„Die Elbphilharmonie ist wirklich der perfekte Ort dafür“, sagte er. „Und natürlich ist es wichtig, dass wir Präsenz zeigen. Es wird ein wunderbarer Abend.“
Marlene nickte mechanisch, fühlte aber, wie sich ein dumpfer Widerstand in ihr regte. Präsenz zeigen. Gesehen werden. All das erschien ihr wie eine hohle Choreografie, eine endlose Wiederholung von Oberflächlichkeiten.
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Später, zurück in ihrem Penthouse, schlüpfte Marlene aus ihren Schuhen und ließ sich erschöpft auf das cremefarbene Sofa sinken. Sie lehnte ihren Kopf zurück und schloss die Augen. Die Stille des Raumes war beinahe erdrückend, doch in ihr hallten die Stimmen des Abends wider.
Ihr Blick wanderte zu einem unscheinbaren Schrank in der Ecke des Wohnzimmers. Er passte nicht in das durchdachte Design der Wohnung – ein Stück ihrer Vergangenheit, das sie nie losgeworden war.
Nach einem Moment des Zögerns stand sie auf und zog die Schranktür auf. Der Duft von Holz und alten Erinnerungen stieg ihr in die Nase. Es war, als hätte sie eine längst vergessene Truhe geöffnet. Zwischen den Fächern lagen vergilbte Briefe, alte Fotos und ein paar Kinderzeichnungen, die sie als Kind gemacht hatte. Ihre Finger zitterten leicht, als sie ein Foto aus der obersten Schublade hob.
Das Bild zeigte sie selbst, vielleicht fünf Jahre alt. Sie stand auf einem Spielplatz, die Sonne schien hell, und neben ihr war ein anderes Mädchen – ein Mädchen, das ihr wie aus dem Gesicht geschnitten war.
Eine plötzliche Welle von Emotionen traf sie, so stark, dass sie kurz die Luft anhielt. Ihre Augen wanderten über die kleinen Details des Fotos, doch kein noch so analytischer Blick konnte die Fragen erklären, die jetzt auf sie einstürmten. Wer war das? Warum war dieses Bild hier? Und warum fühlte es sich an, als würde etwas in ihr aufbrechen, das sie jahrelang verdrängt hatte?
Marlene legte das Foto zurück, ihre Hand zitterte leicht. Sie war nicht bereit, sich diesen Fragen zu stellen – noch nicht. Mit einem leisen Klicken schloss sie die Schranktür und kehrte zum Sofa zurück.
Der Mond stand hoch über der Stadt, sein Licht spiegelte sich in den Fenstern der Hochhäuser. Marlene nahm einen tiefen Atemzug. Irgendwo da draußen, hinter all dem Glas und Stahl, musste es doch etwas geben, das echter war, oder?
Sie wusste: Dies war erst der Anfang.