App herunterladen

Liebesromane an einem Ort

Kapitel 1Das verborgene Leben


Alruna

Das leise Knistern des Feuers in der steinernen Esse der Schreibstube war für Alruna von Waldeck fast so beruhigend wie die gemurmelten Gebete, die von der Kapelle zu ihr drangen. Der glatte Griff der Gänsefeder, die sie in den Händen hielt, fühlte sich vertraut an, ebenso wie der schwache Geruch von Tinte, der die Luft erfüllte. Der Raum war erfüllt von einer stillen, fast heiligen Konzentration, unterbrochen nur durch das Kratzen der Feder auf dem Pergament. Die Nonne vor ihr, eine ältere Frau mit faltigen Händen und einem sanft gezeichneten Gesicht, war tief in einen lateinischen Text vertieft, den Alruna abgeschrieben hatte.

Doch trotz der friedlichen Umgebung lastete ein Gewicht auf Alrunas Brust – ein unsichtbares Band, das sie hier festhielt, in diesem abgeschiedenen Tal, fernab von allem, was sie einst als Leben gekannt hatte. Der Raum, der einst ein Refugium gewesen war, fühlte sich an wie eine Zelle, die sie immer enger umschloss.

Nachdem die Nonne ihr Werk geprüft hatte, nickte sie mit einem zufriedenen Lächeln und erhob sich langsam. „Du hast eine Gabe, Schwester Alruna,“ sagte sie sanft, bevor sie die Schreibstube verließ. Alruna nickte mechanisch, blieb zurück, die Feder immer noch in der Hand, und starrte auf den unvollständigen Text vor sich. Es kam ihr vor, als hätte sie nicht nur Worte, sondern auch einen Teil ihrer Lebenskraft auf das Pergament übertragen.

Sie legte die Feder beiseite, erhob sich und strich ihre schlichte braune Kutte glatt. Die Wände der Schreibstube, die sie einst als Zuflucht empfand, erschienen ihr nun wie ein Käfig. Sie wollte hinaus, weg von der Enge, hinaus in die Welt, die sie so lange nur durch die Seiten alter Texte betrachtet hatte.

„Vielleicht ein Spaziergang,“ murmelte sie zu sich selbst, als sie den Raum in Richtung des Innenhofs verließ.

Die Luft war kühl an diesem frühen Frühlingsmorgen, und der Garten des Klosters war ein Ort stiller Schönheit. Junge Kräuter sprossen aus dem dunklen Erdreich, und die knorrigen Apfelbäume, die den Hof säumten, zeigten erste zarte Knospen. Alruna zog den Umhang enger um ihre Schultern, als sie einen der schmalen Pfade einschlug, die in den nahegelegenen Wald führten. Der Garten allein konnte ihre Unruhe nicht lindern – sie musste tiefer in die Natur eintauchen, die Freiheit und das Ungewisse spüren.

Der Wald schien sie zu rufen, mit seiner Mischung aus Schatten und Licht, dem Duft von feuchtem Moos und den fernen Rufen der Vögel. Die dichten Bäume, deren Äste sich wie Kathedralengewölbe über ihr wölbten, flüsterten von Geheimnissen, die sie nicht entschlüsseln konnte. Doch heute war diese Ruhe anders. Die Stille lastete auf ihr, und sie fühlte sich beobachtet, obwohl sie allein war.

Ihre Füße trugen sie tiefer in das Dickicht, als sie es normalerweise wagte. Eine seltsame Rastlosigkeit trieb sie voran, ein Wunsch, die engen Grenzen ihres Lebens zu durchbrechen. Der kalte Wind, der ihr entgegenwehte, fühlte sich wie eine Warnung an.

Nach einer Weile hielt sie inne, um Atem zu schöpfen. Die Stille war beinahe drückend, nur unterbrochen vom gelegentlichen Rascheln der Blätter im Wind. Als sie sich umblickte, bemerkte sie einen großen, flachen Stein, der halb unter Moos verborgen lag. Er wirkte fehl am Platz, fast wie ein Fremdkörper in diesem natürlichen Umfeld, und seine Oberfläche schimmerte seltsam im diffusen Licht.

Alruna kniete sich hin, um ihn genauer zu betrachten. Ihre Finger strichen zögernd über die kalte, glatte Oberfläche, auf der sich seltsame Linien abzeichneten. Mit einem Mal erkannte sie, dass es sich um eine Rune handelte. Sie war grob in den Stein geritzt, doch die Konturen waren klar genug, um ihre Bedeutung zu erahnen.

„Das ist nordisch...“ flüsterte sie, während sie ihre Hand auf den Stein legte. Die Bedeutung der Rune war ihr bekannt: „Wyrd“ – Schicksal. Warum war sie hier? Wer hatte sie hinterlassen?

Eine seltsame Unruhe durchlief sie, und ein eisiger Schauder kroch ihr den Rücken hinauf. Es war, als würde der Wald selbst den Atem anhalten. Sie zog ihre Hand zurück, doch das Gefühl der Berührung blieb, als hätte die Rune ihre Finger mit einem unsichtbaren Brandzeichen markiert.

Mit klopfendem Herzen erhob sie sich und schüttelte den Kopf, als wolle sie die düsteren Gedanken vertreiben. „Es ist nur ein alter Stein,“ flüsterte sie, doch ihr Atem war flach, und ihre Hände zitterten leicht.

Als sie zum Kloster zurückkehrte, war der Himmel grau geworden, und ein kühler Wind hatte sich erhoben. Im Innenhof begegnete sie Schwester Ingrid, der einzigen Person hier, die sie als Freundin betrachtete. Ingrid war eine Frau von sanftem Wesen, doch ihre Augen konnten eine scharfe Intelligenz verbergen, die Alruna bewunderte.

„Du siehst aus, als hätte der Wald dich mit einem Rätsel zurückgelassen,“ bemerkte Ingrid mit einem Lächeln, das zugleich neckend und besorgt war.

„Vielleicht hat er das,“ antwortete Alruna, wobei sie den Blick abwandte. Sie zögerte, bevor sie hinzufügte: „Ich habe etwas Seltsames gesehen. Eine Rune, eingeritzt in einen Stein, tief im Wald.“

Ingrids Stirn legte sich in Falten. „Eine nordische Rune? Hier? Das ist ungewöhnlich.“

„Es war die Rune für ‚Wyrd‘,“ sagte Alruna nachdenklich. „Schicksal. Ich frage mich, ob es eine Warnung ist.“

„Oder ein Zeichen,“ entgegnete Ingrid. „Aber du solltest vorsichtig sein, Alruna. Diese Symbole bedeuten oft mehr, als man auf den ersten Blick erkennt. Es gibt Geschichten… düstere Geschichten über solche Runen.“

Alruna nickte, doch Ingrids Worte brachten keine Ruhe in ihr Inneres. Stattdessen fühlte sie, wie die Unruhe in ihr wuchs, wie ein Sturm, der sich langsam aufbaute.

Später am Abend, als das Kloster in Dunkelheit gehüllt war und die Nonnen sich in die Kapelle zum Gebet versammelten, kehrte Alruna in die Schreibstube zurück. Sie wollte die Rune skizzieren, um sie später zu analysieren, doch stattdessen fand sie auf dem Tisch eine Pergamentrolle vor, die sie nicht dort gelassen hatte.

Mit zitternden Fingern entrollte sie das Pergament. Es war ein Brief, adressiert an sie, mit dem Siegel ihres Vaters. Graf Eberhard.

Ihre Hände bebten, während sie die Worte las:

„Alruna, mein Kind, das Schweigen zwischen uns währt zu lange. Du wirst bald an die Welt erinnert, die du hinter dir gelassen hast. Deine Fähigkeiten werden benötigt, und das Schicksal duldet keinen Aufschub. Halte dich bereit.“

Die Worte brannten sich in ihren Geist ein, und sie fühlte eine kalte Wut in sich aufsteigen. Nach all den Jahren, nach seinem Verrat, wagte er es, sie zu kontaktieren? Bilder von schmerzhaften Erinnerungen stiegen in ihr auf – das Kloster, das ihr zur Strafe wurde, die Tränen, die sie allein vergoss, und die leeren Versprechungen eines Mannes, der Vater hätte sein sollen.

Sie faltete den Brief und verbarg ihn in ihrem Ärmel. Die Rune, die Worte ihres Vaters, die unheilvolle Stille des Waldes – all das fügte sich zu einem unklaren, aber beunruhigenden Bild zusammen.

Alruna wusste, dass ihr Leben, so wie sie es kannte, bald enden würde. Und dieses Mal würde sie nicht stillschweigend gehorchen.