Kapitel 2 — Bedrohung aus dem Norden
Rorik
Die Gischt des Meeres schlug Rorik ins Gesicht, während er auf dem schmalen Steg stand und auf die träge in der Dämmerung treibenden Langboote seines Clans blickte. Der salzige Geruch mischte sich mit dem herben Duft von Teer und der feuchten Erde, die den kleinen Hafen des Dorfes umgab. Die Männer arbeiteten fleißig an den Schiffen, ihre Stimmen hallten über das Wasser, als sie Taue spannten und das Deck der Sturmdrache beluden. Der vertraute Rhythmus der Vorbereitungen drang wie ein Trommelwirbel in Roriks Ohren, doch in seinem Inneren herrschte ein Sturm, der weit weniger geordnet war.
Vor nicht einmal einer Stunde hatte sein Vater, Jarl Skallagrim, ihn zu sich gerufen. Die Szene in der düsteren Halle des Langhauses brannte sich noch immer in sein Gedächtnis. Die geschnitzten Drachenköpfe des Dachs hatten im flackernden Schein der Feuerstelle bedrohlich gewirkt, als der Jarl mit seiner tiefen Stimme gesprochen hatte. „Das Kloster Sankt Walburga birgt alte Texte. Du wirst dorthin segeln und sicherstellen, dass sie in unsere Hände fallen – bevor Harek sie erreicht.“
Schon der Name brachte Roriks Kiefer zum Knirschen. Harek war mehr als nur ein Rivale; er war eine stetige Bedrohung, ein Schatten, der sich wie giftiger Rauch durch ihren Clan zog. Rorik erinnerte sich an einen Überfall, den Harek vor Jahren angeführt hatte – ein Dorf, das er zu schützen versucht hatte, ging in Flammen auf. Die Schreie der Sterbenden, das beißende Brennen von Rauch in seiner Kehle – diese Bilder jagten ihn bis heute. Harek war nicht nur ein Gegner, er war der Inbegriff des skrupellosen Machtstrebens.
„Du willst also, dass ich das Kloster plündere?“ hatte Rorik versucht, seine Abscheu zu verbergen, doch sein Vater hatte nur gelächelt, eine Mischung aus Stolz und Spott. „Ich will, dass du die Texte beschaffst. Wenn du dabei ein paar Franken abschlachtest, umso besser.“
Jetzt, während der Wind an seiner Tunika zog und das metallene Schwert an seiner Hüfte kühl gegen seinen Oberschenkel drückte, fragte sich Rorik, ob er tatsächlich bereit war, diesen Auftrag auszuführen. Sein Vater sah in ihm nur einen weiteren Krieger, einen weiteren Arm, der für den Clan kämpfte. Doch Rorik wollte mehr. Nicht für seinen Vater, sondern für sich selbst. Er wollte beweisen, dass er nicht nur ein Werkzeug war, sondern ein Mann, der sein eigenes Schicksal bestimmte.
„Rorik!“ Die Stimme seines Steuermanns riss ihn aus seinen Gedanken. Bjorn, ein Mann mit einem breiten Lächeln und einem noch breiteren Rücken, trat zu ihm. „Die Männer sind bereit. Die Sturmdrache wartet nur noch auf ihren Kapitän.“
Rorik nickte knapp und folgte Bjorn an Bord. Das Schiff war ein Kunstwerk aus Eichenholz, mit Schnitzereien an Bug und Heck, die Geschichten von tapferen Kriegern und siegreichen Schlachten erzählten. Die roten und weißen Segel knatterten im Wind, als die Mannschaft die letzten Vorbereitungen traf. Ihre Gesichter waren eine Mischung aus rauen Narben und entschlossenen Blicken – Männer, die daran gewöhnt waren, auf den Wellen zu kämpfen und zu überleben.
„Setzt die Segel!“ Roriks Befehl hallte über das Deck, und die Männer reagierten sofort. Die Ruder wurden ins Wasser gedrückt, und das Langschiff begann sich langsam vom Steg zu lösen. Der Wind füllte die Segel, und die Sturmdrache glitt majestätisch über das ruhige Wasser hinaus in die offene See.
Rorik stand nahe der Reling und beobachtete, wie das Dorf hinter ihnen kleiner wurde. Die letzten Rauchschwaden aus den Feuerstellen vermischten sich mit dem blassen Morgennebel. Die See breitete sich vor ihm aus, ein endloses Blau, das Versprechen und Gefahr zugleich in sich trug.
Bjorn trat an seine Seite und lehnte sich gegen die Reling. „Was ist los, Rorik? Du bist stiller als sonst.“
Rorik zog die eisblaue Kapuze tiefer ins Gesicht. „Ich denke nach. Über den Auftrag, über Harek.“ Er warf Bjorn einen kurzen Blick zu. „Was weißt du über dieses Kloster?“
Bjorn kratzte sich am Kinn. „Nicht viel. Es heißt, die Franken bewahren dort alte Schriften auf. Religiöser Kram, nehme ich an. Aber wenn Harek dahinter her ist, dann steckt mehr dahinter, meinst du nicht auch?“
„Ja,“ murmelte Rorik. „Das denke ich auch. Und ich wette, Harek wird keinen Moment zögern, uns zu folgen.“
Bjorn lachte trocken. „Harek kann es nicht ertragen, wenn jemand ihm zuvorkommt. Aber mach dir keine Sorgen, Kapitän. Wir sind schneller – und besser.“
Rorik zwang sich zu einem kurzen Lächeln, doch die Worte seines Steuermanns konnten den Knoten in seiner Brust nicht lösen. Er sah in die Ferne, wo die See am Horizont mit dem Himmel verschmolz, und spürte die Verantwortung, die auf ihm lastete. Die Texte waren nicht einfach Beute – sie waren ein Schlüssel zu etwas Größerem, etwas, das möglicherweise das Gleichgewicht der Macht verändern konnte.
Die Reise zog sich hin, und Tage vergingen, während die Männer zwischen der Routine des Ruderns und den Geschichten von vergangenen Raubzügen wechselten. Rorik hielt sich meist zurück, beobachtete und plante. Wenn das Kloster wirklich so wertvolle Texte beherbergte, mussten sie vorsichtig vorgehen. Ein direkter Angriff könnte die Texte zerstören – oder sie in die Hände falscher Leute spielen.
Am dritten Tag, als die Sonne hinter einer grauen Wolkendecke verschwand und die Wellen höher schlugen, suchte Rorik die Abgeschiedenheit der Reling. Er schloss die Augen und spürte die salzige Gischt auf seiner Haut, das Knarren des Holzes unter seinen Füßen. Für einen Moment fragte er sich, ob er die richtige Entscheidung traf. Er hatte das Erbe seines Vaters nie gewollt, doch konnte er sich leisten, es zu verweigern? Sein Blick wanderte über die Mannschaft. Sie vertrauten ihm, und das war eine Bürde, die schwerer wog als jedes Schwert.
Als die Küstenlinie der Franken endlich in Sicht kam, wirkte sie wie eine andere Welt. Grüne Hügel erstreckten sich bis zum Horizont, und kleine Dörfer lagen verstreut wie Perlen auf einer Schnur. Doch Rorik hatte keinen Blick für die Schönheit der Landschaft. Sein Fokus lag auf dem, was vor ihnen lag: das verborgene Kloster, irgendwo in diesem fremden Land, geschützt von Wäldern und Gebeten.
Die Sturmdrache legte an einer geschützten Bucht an, und die Männer begannen, ihre Waffen zu schärfen und sich für den bevorstehenden Angriff vorzubereiten. Rorik versammelte sie am Bug des Schiffes. Ihr Kreis war eng, ihre Gesichter ernst.
„Hört mir zu,“ begann er. Seine Stimme war ruhig, aber klar. „Das Kloster, das wir angreifen, ist kein gewöhnlicher Ort. Wir sind nicht hier, um zu plündern oder zu zerstören, sondern um etwas Wertvolleres zu holen als Gold oder Silber. Diese Texte bedeuten etwas – nicht nur für die Franken, sondern auch für uns.“
Ein Raunen ging durch die Runde, doch Bjorn trat vor und nickte. „Wir stehen hinter dir, Rorik. Sag uns, was wir tun sollen.“
Rorik spürte eine Welle von Erleichterung, doch sie wurde von der drückenden Verantwortung überschattet. „Wir werden vorsichtig vorgehen. Keine unnötigen Verluste – weder auf ihrer noch auf unserer Seite. Wir nehmen, was wir brauchen, und verschwinden, bevor Harek uns aufspüren kann.“
Die Männer nickten, und Rorik konnte die Spannung in der Luft spüren. Dies war mehr als ein einfacher Raubzug. Es war eine Prüfung – für ihn, für sie alle.
Als die Sonne unterging und der Himmel in Flammen zu stehen schien, führte Rorik seine Männer in den dichten Wald, der sich wie ein Schutzschild um das Kloster zog. Die Schatten der Bäume wurden länger, und das Knistern der Blätter unter ihren Stiefeln war das einzige Geräusch, das sie begleiteten. Rorik spürte, wie sein Herz schneller schlug, während sie sich dem Kloster näherten. Doch im Rauschen der Blätter und dem Flüstern des Windes glaubte er, ein düsteres Versprechen zu hören – ein Vorbote der Gefahr, die vor ihnen lag.