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Liebesromane an einem Ort

Kapitel 1Flüsternde Schatten


Im zweiten Winter träumte Hanna jede Nacht dasselbe, und sie hatte den Traum nicht selbst gefunden. Ein Kind hatte ihn ihr geliehen.

Eine Frau stand bis zu den Hüften im Wasser unter Draugaskär, mit dem Rücken zur Brandung, und sah herauf. Sie hatte Hannas Gesicht. Sie sagte nichts. Es war kein Albtraum, es passierte nichts darin, und das war das Schlimmste daran: Der Traum hatte es nicht eilig.

Hanna wachte davon auf, wie man von einem gleichmäßigen Geräusch aufwacht.

Die Glut im Herd stand tief. Ragnar schlief neben ihr, auf dem Rücken, mit dem Arm über den Augen, wie er es tat, seit sie ihn kannte. Auf dem Schemel neben dem Bett lag die Scheibe.

Sie nahm sie in die Hand, wie in jeder Nacht, und es war in jeder Nacht dasselbe: Metall, kalt, ohne Gewicht im Gedächtnis. Neun Runen standen im Kreis darauf, alle neun grau, alle neun erloschen. Sie hatte sie gezählt, als sie noch brannten, und sie zählte sie weiterhin, obwohl es nichts mehr zu zählen gab.

Draußen war es still. Ende Januar, sechzehn Wochen Frost, und über dem Dorf ein Himmel wie gewaschene Wolle.

Sie stand auf.

Ingrid kam mit dem ersten Licht, und sie klopfte nicht.

„Er ist wieder nicht aufgewacht“, sagte sie.

Sie hatte den Jungen auf dem Arm, obwohl er neun war und zu schwer für sie, und sie hatte ihn den ganzen Weg über den gefrorenen Platz getragen. Hanna räumte den Tisch mit dem Unterarm frei.

„Leg ihn hier hin. Wann hast du ihn hingelegt?“

„Als es dunkel wurde.“

„Wann genau?“

Ingrid sah sie an. Sie hatte gelernt, diese Frage nicht mehr komisch zu finden. „Nach dem zweiten Melken. Die Kienspäne waren neu, und es war noch keiner heruntergebrannt.“

„Gut. Das sind sieben Stunden bis jetzt.“

Bjarni lag auf dem Tisch und atmete. Das war das Erste, was Hanna jedes Mal feststellte, und jedes Mal fiel eine Last von ihr ab und legte sich sofort schwerer wieder hin. Er war warm. Er hatte kein Fieber.

Er war nicht blass, seine Lippen waren nicht blau, seine Pupillen antworteten auf das Licht. Nach allem, was Hanna in ihrem anderen Leben gelernt hatte, war der Junge auf ihrem Tisch gesund.

Sie legte zwei Finger an seinen Hals und die andere Hand an die Kerbe, die sie in den Tischrand geschnitten hatte, wo der Sandlauf stand.

„Vierundvierzig“, sagte sie nach einer Weile.

„Ist das schlecht?“

„Ein Kind hat achtzig bis hundert. Im Schlaf sechzig.“ Sie drehte den Sandlauf um und zählte noch einmal. Sie hatte es sich zur Regel gemacht, alles zweimal zu zählen, was sie nicht glauben wollte. „Vierundvierzig.“

„Und im Herbst?“

„Im Herbst waren es achtundfünfzig.“

Ingrid stand am Tischende und rührte sich nicht. Sie war eine Frau, die weinte, wenn Arbeit getan war, und niemals währenddessen.

„Er wird langsamer“, sagte sie.

„Ja.“

„Wie langsam wird er noch.“

Es war keine Frage, und Hanna beantwortete sie nicht.

Sie zog Bjarni das Hemd hoch und sah nach dem Schnitt an der Rippe, den er sich vor elf Tagen an einem Beilblatt geholt hatte. Sie hatte ihn genäht, sie hatte ihn am nächsten Morgen gesehen, und der Schnitt hatte da ausgesehen wie ein Schnitt, der einen Tag alt ist.

Er sah heute noch genauso aus.

Elf Tage, und die Wundränder standen so weiß und so offen wie am zweiten Morgen. Kein Eiter, keine Röte, keine Kruste. Nichts. Als hätte jemand den Jungen an dieser Stelle angehalten.

„Ich nehme die Fäden noch nicht raus“, sagte Hanna. „Bring ihn heute Abend wieder. Und leg ihn nicht ins Bett am Fenster. Leg ihn zu dir an die Feuerseite.“

„Warum?“

„Weil ich es wissen will.“

Ingrid nahm ihren Sohn und trug ihn zurück über den Platz, und Hanna stand in der Tür und sah ihr nach, und sie sah dabei das, was sie inzwischen immer sah.

Quer über den Dorfplatz, drei Männer breit, lag das weiße Band.

Es war seit dem Herbst da. Es hatte den Regen überstanden, den ersten Frost, das Tauwetter im Advent und zwei Schneefälle, die auf ihm nicht liegen blieben. Im Sommer war es nicht warm geworden und im Winter nicht kälter.

Wenn man die Hand darauflegte, hatte es die Temperatur der Luft, und es war trotzdem hart wie Stein, und es taute nicht, weil es keinen Grund hatte zu tauen.

Die Leute gingen darum herum. Kinder sprangen darüber, denn Kinder springen über alles. Hakon hatte im November einen Karren quer darüber gezogen, um zu sehen, was passiert, und es war nichts passiert, und danach hatte er nie wieder darüber gesprochen.

Das Band lief von Nordwesten nach Südosten. Hanna hatte im Oktober mit zwei Stangen und einer Schnur nachgemessen, wohin es zeigte, wenn man es verlängerte, und die Antwort hatte sie nicht überrascht. In der einen Richtung lag die Kante von Draugaskär. In der anderen, siebzehnhundert Schritt landeinwärts, lag der Hain der Götter.

Zwischen diesen beiden Punkten hatte sie im Herbst die letzten drei Runen auf einmal verbrannt, um Ulfrik aus ihrem Dorf zu bekommen, und sie hatte es geschafft.

Der Rest war die Rechnung.

Freydis kam vom Wald herunter, mit der Axt im Gurt und dem Bogen quer über dem Rücken, und sie hatte nichts dabei.

„Nichts“, sagte sie, bevor Hanna fragen konnte. „Vier Tage, kein Rotwild. Keine Spur, kein Losungshaufen, nichts. Ich war bis an den Ostgrat.“

„Und dahinter?“

„Dahinter ist alles.“ Freydis wischte sich das Eis aus den Brauen. „Hinter dem Grat stehen sie im Rudel, als wäre Mai. Sie kommen nicht zurück über die Linie. Die Vögel auch nicht.“

„Was machen die Vögel?“

„Was sie den ganzen Winter machen. Sie fliegen bis ans Band und teilen sich.“ Freydis machte die Geste mit beiden Händen, die alle im Dorf inzwischen machten, und ärgerte sich sichtbar darüber, dass sie sie machte. „Wie Wasser am Boot.“

Am Nachmittag setzte Hanna sich an den Tisch und holte die Rinde heraus.

Sie hatte im Herbst mit drei Streifen angefangen und inzwischen einen ganzen Korb voll. Birkenrinde, geschabt, in Streifen geschnitten, mit Ruß beschrieben, in ihrer eigenen Sprache und in ordentlichen Spalten: wer, wann, was, wie lange.

Es war die einzige Arbeit in diesem Dorf, für die sie sich nie hatte rechtfertigen müssen, denn niemand konnte lesen, was da stand, und was niemand lesen kann, hält man für Gebet.

Sie legte die Streifen aus, wie sie es alle vierzehn Tage tat, und ordnete sie nicht nach Namen, sondern nach Häusern.

Und dann saß sie da und sah es an, und es war so klar, dass es ihr fast peinlich war, dafür vier Monate gebraucht zu haben.

Elf Häuser standen mit einer Wand oder einem Giebel auf dem Band oder keine zwanzig Schritt daneben.

In diesen elf Häusern lagen alle Kinder, die zu lange schliefen. In diesen elf Häusern heilte nichts richtig, und in einem davon ging seit dem Advent eine alte Frau um vier Uhr nachmittags schlafen und wachte um vier Uhr nachmittags auf.

Aus den übrigen dreiunddreißig Häusern von Skjoldheim war seit dem Herbst niemand krank geworden, außer der üblichen Zahl an Husten und Brüchen und einem Fischer mit einem schlechten Zahn.

Kein Fieber. Kein Ausschlag. Nichts, was von einem Menschen auf den anderen ging.

Es war keine Krankheit. Es war ein Ort.

Hanna saß sehr lange still. Dann nahm sie einen frischen Streifen und schrieb oben eine Überschrift darauf. Sie brauchte eine. Sie sagte seit vier Monaten das und die Sache und das mit dem Band, und ein Ding, das keinen Namen hat, lässt sich nicht in Spalten schreiben.

Die Sprache dieses Dorfes hatte kein Wort dafür. Ihre eigene auch nicht, aber ihre eigene ließ sich zusammensetzen, und dafür war sie sechs Jahre lang ausgebildet worden.

Sie schrieb: Chronoriss.

Es sah lächerlich aus auf einem Streifen Birkenrinde in einem Haus aus Torf. Es sah aus wie der Titel eines Vortrags, den niemand hören wollte.

Sie ließ es stehen.

„Was schreibst du da?“

Ragnar stand in der Tür, mit Schnee auf den Schultern, und sie hatte ihn nicht kommen hören. Er kam nie leise. Sie war nur nicht da gewesen.

„Einen Namen“, sagte sie.

„Wofür?“

„Für das, was mit deinem Dorf passiert.“ Sie legte den Streifen zu den anderen. „Ich habe es vier Monate lang nicht benannt, und ich habe gemerkt, warum. Solange etwas keinen Namen hat, muss man den Leuten nicht sagen, dass es da ist.“

Ragnar sah auf die Rinde, die er nicht lesen konnte, und dann auf sie.

„Und jetzt musst du es ihnen sagen.“

„Jetzt muss ich ihnen sagen“, sagte Hanna Berger, „dass elf Familien vor dem Frühjahr ihre Häuser abreißen müssen.“

Draußen ging die Sonne unter, was im Januar hieß, dass es kurz nach dem Mittagessen dunkel wurde, und über dem weißen Band stand keine einzige Krähe.