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Liebesromane an einem Ort

Kapitel 1Flüsternde Schatten


Hanna/Siv

Dunkelheit umgab Hanna, nur unterbrochen von den flackernden Bildern, die in ihrem Traum wie Schatten über die Wände einer unsichtbaren Grenze tanzten. Das Amulett, das sie einst in diese Welt gebracht hatte, schwebte inmitten von Flammen. Es glühte pulsierend und beängstigend, als würde es vor etwas warnen. Eine Stimme drang aus der Ferne durch das lodernde Feuer – drängend, eindringlich, ohne dass sie die Worte klar verstehen konnte. Doch die Warnung war unmissverständlich. Schatten, die zu leben schienen, griffen nach ihr, und ein Gesicht, fremd und doch vertraut, tauchte plötzlich aus den Flammen auf. „Die Schatten nähern sich, und die Flammen werden alles verschlingen.“

Hanna schreckte aus ihrem Schlaf hoch, ihr Atem ging schnell, ihr Herz schlug wie ein Kriegstrommel. Der Raum um sie herum lag still im Dämmerlicht, abgesehen vom leisen Knistern der Glut im Herd. Ragnar lag ruhig neben ihr, sein Atem gleichmäßig und tief. Sie widerstand dem Impuls, ihn zu wecken, und schwang ihre Beine aus dem Bett, ihre Füße berührten den kühlen Holzboden.

Mit zitternden Fingern griff sie nach dem Amulett auf dem kleinen Holzschemel neben ihrem Bett. Kaum hatte sie es berührt, durchzog ein eisiger Schauer ihren Arm. Es war kalt – unnatürlich kalt, so, als hätte es die Wärme dieser Welt abgestoßen. Sie betrachtete es im spärlichen Licht und sah, wie die Runen, die es zierten, blass und leblos wirkten. Unruhe stieg in ihr auf, ein beunruhigendes Echo des Traumes, das sich weigern wollte, zu verschwinden.

„Was bedrückt dich, Hanna?“ Ragnar hatte sich aufgerichtet, seine dunklen Augen musterten sie aufmerksam. Seine Stimme war rau vom Schlaf, doch voller der unverkennbaren Stärke, die sie an ihm bewunderte.

Hanna hielt inne, das Amulett fest in ihrer Hand. Sie spürte den Drang, ihm von dem Traum zu erzählen, doch die Worte blieben in ihrer Kehle stecken. „Ich… ich konnte nicht schlafen.“ Ihre Stimme klang leise, fast erstickt.

Seine Stirn legte sich in Falten, ein Zeichen seines Zweifels. „Träume sind nicht nichts,“ murmelte er, bevor er sich wieder zurücklehnte. „Doch du wirst mir sagen, wenn es wichtig ist.“

Hanna nickte stumm. Sein Vertrauen war beruhigend, aber auch eine Last, die schwer auf ihr wog. Sie wollte ihn nicht belasten, nicht jetzt, wo das Dorf endlich einen Moment der Ruhe fand. Ragnar hatte genug Sorgen, und sie musste ihre Unruhe selbst tragen.

Der Morgen brach kühl und klar an, doch über den Bergen lag eine unheilvolle Schwere. Hanna schlang sich ihren wollenen Umhang um die Schultern und trat aus dem Haus. Der Duft von frisch gebackenem Brot und Räucherfisch hing in der Luft. Kinderlachen hallte zwischen den Werkstätten, eine trügerisch friedliche Szene. Doch als Hanna die blassen Gesichter und müden Augen einiger Kinder bemerkte, zog sich ihr Magen zusammen.

„Siv!“ Der Ruf riss sie aus ihren Gedanken. Dorothea, die junge Frau mit wirrem Haar und tränenverschmierten Wangen, eilte auf sie zu, einen Jungen auf dem Arm. Das Kind war blass, die Lider flatterten, und sein Atem ging flach. Schweiß glänzte auf seiner Stirn, und sein kleiner Körper wirkte fiebrig.

„Bitte, hilf uns!“ Dorotheas Stimme zitterte vor Verzweiflung, und ihre Hände klammerten sich an Hanna, als wäre sie die einzige Rettung.

„Bring ihn in mein Haus. Ich werde sehen, was ich tun kann,“ erwiderte Hanna und legte beruhigend eine Hand auf die Schulter der jungen Mutter, obwohl auch in ihr die Sorge nagte.

Im Haus suchte sie hastig ihre Heilkräuter und mischte eine Tinktur aus Weidenrinde und getrocknetem Thymian. Sie versuchte, das Fieber zu senken, die Symptome zu lindern, doch nichts schien zu wirken. Der Junge wurde blasser, und sein Atem wurde flacher. Dorotheas Blicke schienen wie Anklagen auf Hanna zu ruhen, obwohl die junge Mutter kein Wort des Vorwurfs äußerte.

„Es wird besser werden,“ flüsterte Hanna, mehr zu sich selbst als zu Dorothea. Doch Zweifel nagten an ihr. Konnte sie wirklich helfen?

Im Laufe des Tages wurde der Ernst der Lage deutlicher. Mehr Kinder zeigten ähnliche Symptome. Es war, als hätte eine unsichtbare Krankheit das Dorf ergriffen, und Hannas Heilmethoden blieben wirkungslos. Die Dorfbewohner begannen, sich zu versammeln, und ihre Flüstereien wurden lauter, ihre Blicke drängender.

Später suchte Hanna Unterschlupf in der Werkstatt, um einen Moment nachzudenken. Freydis fand sie dort, wie immer wachsam und unermüdlich. „Etwas ist nicht in Ordnung,“ sagte sie mit gedämpfter Stimme. „Die Tiere im Wald verhalten sich seltsam. Vögel fliegen in Schwärmen nach Osten, das Wild hat die üblichen Pfade verlassen. Es ist, als würde die Natur selbst vor etwas fliehen.“

Hanna fühlte das Gewicht des Amuletts in der Tasche ihres Umhangs und erinnerte sich an ihren Traum. Die Schatten, die Flammen, die Stimme. Gab es eine Verbindung? Aber wie?

Als die Sonne hinter den Bergen verschwand und das Dorf in Dunkelheit tauchte, versammelten sich die Bewohner am großen Feuerplatz. Ein unheilvolles Schweigen lag über der Menge, nur unterbrochen von Flüstereien über Flüche und erzürnte Götter. Hanna spürte die Verantwortung schwer auf ihren Schultern. Sie war die Fremde, diejenige mit Wissen und Fähigkeiten, die sie von den anderen unterschied. Es war an ihr, Antworten zu finden.

„Ich werde den Hain der Götter aufsuchen,“ sagte sie schließlich, ihre Stimme laut und fest, auch wenn Unsicherheit in ihrem Inneren nagte. „Vielleicht finde ich dort Hinweise.“

Ragnar legte eine Hand auf ihre Schulter, sein Griff warm und beruhigend. „Ich komme mit dir.“

Hanna zögerte, bevor sie den Kopf schüttelte. „Ich muss das alleine tun. Es ist wichtig, Ragnar. Bitte vertrau mir.“

Sein Blick suchte den ihren, bevor er schließlich nickte. „Sei vorsichtig.“

Hanna wandte sich ab und zog ihren Umhang enger um sich, als sie den Pfad durch den Wald einschlug. Der Mond war ihr einziger Begleiter, sein bleiches Licht ließ die Schatten der Äste wie Gespenster erscheinen. Die Welt war still, doch in ihrem Inneren tobte ein Sturm.

Die Schatten hatten ihre Warnung gesandt. Was immer sie im Hain finden würde, sie war entschlossen, nicht zurückzuweichen.