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Liebesromane an einem Ort

Kapitel 2Alte Wunden


Der Stein stand am Ostrand des Platzes, wo im Herbst das Tor gewesen war, und trug neunzehn Namen.

Freydis hatte sie geschlagen, in vier Tagen, mit blutigen Händen und ohne einen einzigen davon auszubessern, und die vier untersten standen so schief, dass jeder sofort sah, welche Hand müde geworden war. Skjoldheim hatte sich daran gewöhnt.

Die Frauen legten Kräuter davor, die Kinder gingen im Bogen darum herum, und Torbjörn stellte jeden Monat einen Sack Sand daneben, ohne ein Wort zu sagen; er hatte im Herbst etwas begriffen, wofür er keine Worte besaß.

Hanna ging an diesem Morgen daran vorbei zur Halle des Jarls, die keinen Jarl mehr hatte und trotzdem so hieß, und sie hatte ihre Rinde unter dem Arm.

Die Sechs saßen an der langen Seite: Olav, Torbjörn, Hakon, die alte Rannveig, der Fischer Sten und Ragnar, der als Einziger stand, da er im Sitzen nicht zuhören konnte.

Sie legte die Streifen auf den Tisch und erklärte es zweimal, und beim zweiten Mal ohne ein einziges Wort ihrer eigenen Sprache.

Elf Häuser. Vor dem Frühjahr. Balken raus, Torf runter, hundert Schritt nach Süden neu setzen.

Es blieb sehr lange still.

„Und weil die Kinder in diesen Häusern lange schlafen“, sagte Torbjörn schließlich, „sollen elf Familien im Frost ihre Dächer verlieren.“

„Ja.“

„Meine Enkelin schläft lange. Sie ist vier.“

„Deine Enkelin schläft neun Stunden und wacht nach neun Stunden auf. Bjarni schläft sieben Stunden und wacht nach fünfzehn auf.“ Hanna hielt seinem Blick stand. „Das ist nicht dasselbe, und ich kann es dir zeigen, wenn du bereit bist, mit einem Sandlauf neben einem Kind zu sitzen.“

„Ich bin bereit, viel zu tun. Ich bin nicht bereit, im Januar ein Haus abzureißen, weil eine Frau Striche in Rinde ritzt.“

Olav hob die Hand, bevor Ragnar antworten konnte, und sagte, was Älteste sagen, wenn sie Zeit kaufen: dass man reden müsse, dass niemand hier gegen die Heilerin sei, dass man bis zum Tauwetter sehen werde. Rannveig fragte, wer die neuen Häuser bauen solle, wenn die Männer im Frühjahr aufs Meer müssten, und das war die einzige Frage an diesem Vormittag, die Hanna nicht beantworten konnte.

Sie packte die Rinde wieder ein.

An der Tür sagte Hakon, ohne aufzusehen: „Ich glaube dir.“

„Danke.“

„Das heißt nicht, dass ich für dich stimme.“ Der Schmied rieb sich den Ruß von den Fingerknöcheln. „Mein Haus steht auf dem Band. Ich habe keine Kinder mehr, die schlafen könnten. Nimm zuerst die, bei denen es was nützt.“

Kurz nach Mittag rief der Wächter vom Nordhang.

Es waren keine Reiter, kein Rauch, keine Schilde. Es war ein einzelner Mann, und er kam nicht über den Küstenpfad, den trockenen Bogen um die Bucht, den jeder benutzte.

Er kam über das Eis unterhalb von Draugaskär, in einer geraden Linie, direkt auf das Dorf zu.

„Der geht auf dem Band“, sagte Freydis neben ihr.

„Ich weiß.“

„Der geht darauf, als wäre es ein Weg.“

Am Tor warteten sie zu acht. Ragnar stand vorn, ohne die Hand am Schwert, was bei ihm eine Aussage war, und Freydis stand schräg hinter ihm, was bei ihr eine andere war.

Der Mann blieb sechs Schritt vor ihnen stehen und schlug die Kapuze zurück.

Hannas erster Gedanke war: siebzig.

Ihr zweiter Gedanke, eine Sekunde später, war: nein.

Das Haar war weiß, aber nicht dünn. Die Haut im Gesicht lag in tiefen Falten um Mund und Augen und war an Stirn und Hals glatt wie bei einem jungen Mann.

Die Hände, die er offen zeigte, waren die Hände eines Greises, mit Knoten an den Gelenken und Flecken auf dem Rücken. Und dann trat er einen Schritt vor, und er trat wie jemand, der mit vierunddreißig zwanzig Kilometer geht, ohne darüber nachzudenken.

Es passte nichts zusammen. Es war, als hätte jemand einen Mann aus drei Männern gebaut und die Nähte nicht verputzt.

„Ich heiße Leif“, sagte er.

Seine Stimme war das Angenehmste an ihm.

„Ragnar Schwarzwolf. Was willst du in Skjoldheim?“

„Ein Dach für den Winter und einen Platz am Feuer. Ich habe keine Waren.“ Er breitete die Arme aus, und der Umhang war gut, das sah selbst Hanna, dickes Wollzeug, sauber gewalkt, mit einer Naht an der Schulter, die niemand hier so nähte. „Ich habe Nachrichten aus dem Süden, und ich kann rechnen. Man hat mich schon für weniger durchgefüttert.“

„Woher kommst du?“

„Von der Küste herauf.“ Ein feines Lächeln. „Und ich weiß, was Ihr fragen wollt, und die ehrliche Antwort ist: von weiter, als Ihr Lust habt zuzuhören.“

Ragnar sah ihn eine Weile an.

„Du schläfst in der Halle. Du gehst nicht allein an den Speicher und nicht allein zum Wasser. Wer dich abends draußen sieht, bringt dich zurück.“

„Das ist mehr, als ich seit Jahren bekommen habe.“ Leif neigte den Kopf. „Ich danke Euch.“

Er ging an ihnen vorbei ins Dorf, und auf dem Platz tat er das, was Hanna später als den Moment bezeichnete, in dem sie es gewusst hatte.

Er blieb am weißen Band stehen.

Er blieb nicht so stehen, wie Fremde daran stehen blieben, mit dem halben Schritt zurück, den Menschen machen, wenn ihnen etwas nicht geheuer ist. Er ging in die Hocke, legte die flache Hand darauf und ließ sie liegen. Dann sah er die Linie entlang, erst nach Nordwesten, zur Kante hinauf, dann nach Südosten, landeinwärts, genau die siebzehnhundert Schritt, die Hanna abgeschritten hatte.

Er stand auf und wischte sich die Hand an der Hüfte ab, wie man es tut, wenn etwas kalt war.

Es war nicht kalt. Hanna wusste genau, dass es nicht kalt war.

Am Abend war die Halle voll, weil im Januar alles voll ist, was warm ist.

Leif erzählte gut. Er erzählte von einem Streit um Weiderechte drei Fjorde weiter, von einem Schiff, das zwei Winter zu früh gebaut worden war, von einem Mann in Trondheim, der Silber gegen Eisen tauschte und dabei beide Seiten belog. Er nannte Namen, Preise und Entfernungen, und wenn ihn jemand unterbrach, hörte er wirklich zu, was so selten war, dass die Leute anfingen, ihn zu mögen.

Nur einmal wurde es still.

Der Fischer Sten fragte, was er im Süden über Skjoldheim gehört habe, und Leif setzte den Becher ab.

„Dass hier im Herbst der Himmel aufgegangen ist“, sagte er. „Dass Männer in einen Regen gelaufen und alt herausgekommen sind. Dass zwei von ihnen jetzt in Ulfriks Sippe sitzen und mit siebzig Jahren nicht wissen, wo ihre Söhne sind.“ Er sah in die Runde, ohne Eile. „Man erzählt es als Lüge. Ich bin dreißig Tage gegangen, um mir diese Lüge anzusehen.“

Niemand widersprach ihm.

Hanna sah, wie Ingrid am anderen Ende der Halle die Hände in den Schoß legte, und sie sah, wie Torbjörn zu ihr herübersah, zu ihr, Hanna, und nicht zu dem Fremden, und da wusste sie, dass dieser Winter nicht mehr ruhig zu Ende gehen würde.

Später, als sich die Halle leerte, trat er zu ihr.

„Ihr seid die Heilerin.“

„Siv.“

„Siv.“ Er sagte es freundlich und ganz falsch, so wie man ein Wort sagt, von dem man weiß, dass es nicht der Name ist. „Ich habe heute vier Kinder gesehen, die zu langsam blinzeln, und eine Frau, die zweimal gefragt hat, ob schon abgeräumt ist. Und ich habe eine Frau gesehen, die die Kinder mit einem Sandlauf misst.“

„Und?“

„Und ich wollte Euch nur sagen, dass Ihr das Richtige tut.“ Er stand auf. „Zählen ist das Einzige, was hilft. Ich habe zwei Jahre gebraucht, um darauf zu kommen.“

Er ging zur Tür und blieb dort noch einmal stehen.

„Ihr habt etwas verloren“, sagte er. „Ich lege es Euch auf den Tisch.“

Dann war er draußen.

Auf dem Tisch lag ein Geldstück.

Es war klein, hell, sehr rund und hatte ein Loch in der Mitte, und es hatte in keinem Jahrhundert dieser Küste etwas zu suchen. Hanna nahm es auf, und ihre Finger wussten es, bevor ihre Augen es lasen: das Gewicht, die geriffelte Kante, die dünne Prägung.

Sie drehte es ins Licht.

Auf der Rückseite stand eine Jahreszahl.

Sie war sieben Jahre nach dem Oktober, an dem Hanna Berger in eine Höhle unter Draugaskär gestiegen war und nicht wieder herausgekommen war.

Sie stand allein in der leeren Halle, mit einer Münze in der Hand, die es noch nicht geben durfte, und begriff drei Dinge gleichzeitig.

Dass er von dort kam, wo sie herkam.

Dass er später aufgebrochen war als sie.

Und dass die Welt, in der sie einmal gewohnt hatte, sieben Jahre lang weitergegangen war, ohne sie, und dass irgendwo dort jemand aufgehört hatte, sie zu suchen.