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Liebesromane an einem Ort

Kapitel 3Verborgene Wahrheiten


Sie holte ihn nicht am nächsten Tag und nicht am übernächsten. Sie wartete vier Tage. In vier Tagen hörte sie auf zu zittern, und sie wollte nicht mit einem Mann verhandeln, der ihr etwas in die Hand gedrückt hatte, das sie nachts unter dem Kopfkissen bewachte wie ein Kind einen Stein.

Am fünften Abend ging sie in die Schmiede und sagte zu Hakon, sie brauche das Feuer und eine Stunde.

Hakon sah sie an, sah zur Halle hinüber und ging kommentarlos.

Leif kam allein. Er setzte sich auf den Amboss, nicht auf die Bank, was sie später als das erste Ehrliche an ihm verbuchte: Ein Mann, der sich auf einen Amboss setzt, hat vor, wieder aufzustehen.

Hanna legte einen Streifen Birkenrinde zwischen sie auf den Schleifstein.

„Lies das.“

Er beugte sich vor. Das Schmiedefeuer stand tief und rot, und er drehte den Streifen ins Licht, und sie sah, wie sein Gesicht sich veränderte, bevor er den Mund aufmachte.

Er las es laut. In ihrer Sprache. Mit einem Akzent aus einer Gegend, die achthundert Kilometer und tausend Jahre entfernt lag.

„Chronoriss“, sagte Leif. „Das habt Ihr gemacht?“

„Das Wort oder den Riss?“

„Beides, nehme ich an.“

Hanna setzte sich ihm gegenüber auf die Bank.

„Wie viele?“, sagte sie.

„Wie viele was?“

„Sprünge. Ihr wisst genau, was ich meine.“

Er schwieg so lange, dass das Feuer zweimal zusammensank.

„Acht“, sagte er.

Dann zog er den ledernen Beutel unter dem Hemd hervor, öffnete ihn und legte den Inhalt neben die Rinde.

Es war eine Scheibe. Sie war größer als Hannas, aus einem dunkleren Metall, und die Zeichen darauf saßen enger, aber es waren neun, und sie standen im Kreis, und das war das Einzige, was zählte.

Acht waren grau.

Eine brannte. Nicht hell — ein schwaches, gleichmäßiges Glimmen, wie eine Kohle unter Asche, und Hanna spürte, wie ihr die Nackenhaare aufstanden. Sie hatte dieses Glimmen seit dem Herbst nicht mehr gesehen und nicht gewusst, wie sehr sie es vermisste.

„Ihr hattet neun Runen“, sagte Leif. „Ich hatte neun Runen. Jeder hat neun. Ich habe zwei Jahre gebraucht, um zu begreifen, dass das kein Zufall ist. Man hat sie gebaut, und man hat sie in Sätzen gebaut, und irgendwo hat jemand entschieden, dass neun genug ist.“

„Wie alt seid Ihr?“

„Da wollte ich hin.“ Er lächelte, und diesmal erreichte es die Augen, und es war das Traurigste, was sie an diesem Winter gesehen hatte. „Ratet.“

„Ich rate nicht. Ich frage.“

„Zweiunddreißig.“

Hanna sagte nichts.

„Ich war sechsundzwanzig, als ich das erste Mal hindurchgegangen bin“, sagte Leif. „Das ist sechs Jahre her. Sechs Winter, ich habe sie gezählt, ich habe nichts anderes zu tun gehabt, als sie zu zählen.“

Er hob die Hände und drehte sie im Feuerschein um, langsam, damit sie sie ansah. Die Haut war dünn und fleckig, die Knöchel standen wie Nüsse hervor. „Sechs Jahre gelebt. Und meine Hände sind achtundfünfzig.“

„Zeigt mir die Zähne.“

Er lachte kurz. „Ihr seid nicht sehr höflich.“

„Ich bin gründlich. Zeigt sie mir.“

Er zeigte sie ihr. Sie waren die Zähne eines alten Mannes, abgeschliffen, zurückgetretenes Zahnfleisch, zwei Lücken hinten links.

„Und Euer Rücken?“, fragte sie.

„Mein Rücken ist zweiunddreißig. Mein Herz, glaube ich, auch. Es geht nicht gleichmäßig.“ Er steckte die Scheibe zurück. „Das ist die Rechnung, Hanna. Der Weg kostet nicht die Rune. Die Rune ist nur der Schritt. Bezahlt wird mit der eigenen Zeit, und der Riss nimmt sie da, wo er sie kriegt.“

Es war das erste Mal, dass er sie beim Namen nannte, und sie ließ es durchgehen, weil sie in diesem Moment etwas anderes tat.

Sie rechnete.

Acht Sprünge, sechsundzwanzig Jahre alt, Hände von achtundfünfzig. Rund drei Jahre je Übergang, wenn es gleichmäßig ginge, und es ging nicht gleichmäßig.

Sie war einmal hindurchgegangen. Einmal, im Oktober, in einer Höhle, mit einer Feldbuchseite in der Hand.

Sie beschloss, diesen Gedanken später zu denken, und schob ihn weg, so wie man einen Topf vom Feuer schiebt, und es half ungefähr so gut.

„Warum seid Ihr hier?“, sagte sie.

„Weil ich es gehört habe.“ Leif beugte sich vor. „Ein dünner Ort ist leise. Man geht daran vorbei, man merkt es an einer Gänsehaut, man findet ihn in vierzig Jahren nicht, wenn man Pech hat. Ich habe sechs Jahre lang diese Küste abgesucht, Bucht für Bucht, und ich habe drei gefunden, und alle drei waren zu klein.“

Er sah zur Tür, hinter der irgendwo im Dunkeln das weiße Band lag. „Ein Riss ist nicht leise. Ein Riss brüllt. Ich habe ihn zwölf Tagesmärsche weit gespürt, und ich bin gegangen, ohne zu schlafen, weil ich dachte, so etwas hält vielleicht nur einen Winter.“

„Und was wolltet Ihr damit?“

„Hindurchgehen, ohne meine letzte Rune zu verbrennen.“ Er sagte es ganz ruhig. „Ein Loch braucht keinen Schlüssel.“

„Und?“

„Und ich habe vier Tage lang Euer Dorf angesehen und begriffen, dass es kein Loch ist.“ Zum ersten Mal klang er müde.

„Vier Kinder, die zu langsam blinzeln. Eine Wunde, die seit elf Tagen elf Tage jünger aussieht, als sie ist. Ein Band, das nicht taut. Das ist kein Tor, Hanna. Das ist eine Wunde. Und sie frisst Euer Dorf, langsam, von der Mitte nach außen.“

Hanna hörte sich selbst antworten, und ihre Stimme war ruhiger, als sie erwartet hatte.

„Ich weiß. Ich habe es aufgeschrieben. Elf Häuser, vier Monate, siebzehn Namen.“

„Ihr habt es aufgeschrieben.“

„Ich schreibe alles auf.“

„Gott“, sagte Leif leise, in ihrer Sprache, und es klang wie ein Mann, dem etwas gutgegangen ist und der nach sechs Jahren zum ersten Mal in seiner Muttersprache flucht. Dann fing er sich. „Dann wisst Ihr auch, dass er größer wird.“

„Ich weiß, dass er im Oktober zwei Schritt breit war und jetzt drei.“

„Er wird jedes Mal größer, wenn jemand hineinlangt. Das ist die andere Hälfte der Rechnung, und die habe ich teuer gelernt.“ Er strich sich über die Hände, als täten sie ihm weh.

„In Rogaland habe ich an einem dünnen Ort eine Rune verbrannt und bin nicht weggekommen. Aber der Ort ist danach anders gewesen. Ich bin zwei Winter später zurückgegangen. Da war ein Streifen Wiese, auf dem das Gras stand wie im Mai, und ein Hof daneben, auf dem kein Kind mehr geboren wurde.“

Das Feuer sank weiter. Draußen ging ein Wind über das Dach der Schmiede.

„Was wollt Ihr von mir“, sagte Hanna.

„Zuerst wollte ich Euren Riss. Jetzt will ich das Buch.“

Sie sah ihn an und sagte nichts, und das war ein Fehler, und sie wusste es in derselben Sekunde.

„Ihr habt kurz zum Regal gesehen, als ich Buch gesagt habe“, sagte Leif fast entschuldigend. „Ich hätte es sonst nicht gewusst.“

„Es ist kein Buch, das Euch nützt.“

„Was ist es?“

Sie hätte lügen können. Sie tat es nicht, und sie hat sich später gefragt, warum, und die einzige ehrliche Antwort war, dass sie seit sechzehn Monaten mit niemandem hatte reden können, der wusste, wovon sie sprach.

„Es ist das Buch der Seherinnen“, sagte sie. „Vierzig Generationen Frauen, die an dieser Küste gesessen und aufgeschrieben haben, was ihnen mit diesen Dingern passiert ist. Die letzte hat es mir gegeben und ist in den Hain der Götter gegangen und nicht wiedergekommen.“ Sie zögerte. „Ich kann dreiundvierzig Zeichen. Ich brauche für eine Zeile einen halben Tag.“

„Und was steht in den Zeilen, die Ihr schon habt?“

Hanna dachte an die eine, die sie am besten kannte und sich selbst hundertmal vorgesagt hatte.

„Dass eine Naht hält, solange man sie in Ruhe lässt.“

Leif nickte langsam. Dann stand er auf, und er stand auf wie ein Vierunddreißigjähriger, und es sah an diesem Abend obszön aus.

„Ich schlage Euch etwas vor. Ich habe eine Rune und keinen Weg. Ihr habt einen Weg und keine Rune. Zusammen sind wir ein ganzer Mensch.“

„Nein.“

„Ihr habt schnell geantwortet.“

„Ich habe im Oktober alles verbrannt, was ich hatte, und ich habe gewusst, was ich damit ausgebe.“ Hanna stand ebenfalls auf. „Ich gehe nicht zurück. Ich habe hier ein Haus, einen Mann und siebzehn Namen auf einer Rinde, für die ich verantwortlich bin. Und ich gebe einem, der nicht aufhören kann, hineinzulangen, nicht die Anleitung dazu.“

Leif ging zur Tür der Schmiede und legte die Hand an den Riegel.

„Ihr hattet neun“, sagte er, ohne sich umzudrehen. „Ihr habt neun verbrannt. Ich habe eine.“

„Und?“

„Und Ihr zählt immer noch.“

Dann ging er hinaus, und Hanna blieb allein in der Schmiede und merkte, dass sie die ganze Zeit die Faust um die Münze mit dem Loch geschlossen gehalten hatte.