Kapitel 1 — Unruhige Vorzeichen
Hanna/Siv
Die Dunkelheit der Nacht umhüllte das Dorf Skjoldheim wie eine schützende Decke, doch für Hanna fühlte es sich an, als ob der Schatten tief in ihre Gedanken gekrochen wäre. Sie schreckte hoch, ihr Atem ging schnell, und ihre Finger krampften sich um die Felle, die sie bedeckten. Der Traum war so lebhaft gewesen, dass sie noch immer das entfernte Summen von Elektrizität in ihren Ohren hörte. Straßenlaternen warfen ihre kalte, moderne Helligkeit auf die wilden Wälder, das Piepen eines Mobiltelefons gellte durch die Stille, und am Horizont flimmerten die Umrisse von Gebäuden aus Stahl und Glas. Es war mehr als eine Erinnerung – es war, als hätte sie für einen Moment in dieser Welt gelebt.
Hanna rieb sich die Schläfen, spürte den kalten Schweiß auf ihrer Stirn und kämpfte darum, die Bilder zurück in die Tiefe ihres Verstands zu verbannen. Ihr Blick glitt zur hölzernen Decke über ihr, zu den stabilen Balken, deren Schatten im schwachen Schein der Glut des Kamins tanzten. Der vertraute Geruch von Rauch und Harz war da, doch er bot ihr diesmal keinen Trost. Der Traum hatte etwas in ihr geweckt – eine Ahnung, die sich wie ein Knoten in ihrem Magen festsetzte.
Es war nicht das erste Mal, dass sie von ihrer alten Welt geträumt hatte, doch noch nie war die Grenze zwischen Traum und Realität so dünn gewesen. Noch nie hatte sie das Gefühl gehabt, dass die beiden Welten sich gegenseitig berührten. Sie schwang die Beine über die Bettkante, zog ihren dicken Umhang über die Schultern und schlich hinaus, die Tür nur einen Spalt öffnend, um niemanden zu wecken. Die Kälte der Nacht kroch sofort in ihre Glieder, als sie barfuß über den gefrorenen Boden des Hofes trat.
Die Sterne funkelten über ihr, klar und unbewegt, und der Mond warf silbrige Schatten auf die Dächer der langen Häuser. Es war eine Szenerie, die sie sonst beruhigte, doch Hannas Herz schlug unruhig. Eine Kälte, die nicht von der winterlichen Luft kam, wuchs in ihrer Brust. Etwas war anders. Etwas stimmte nicht.
Am Morgen, während die ersten Strahlen der Sonne die verschneiten Berge am Horizont küssten, ging Hanna ihrer üblichen Routine nach. Doch die Unruhe ließ sie nicht los. Ihre Hände arbeiteten mechanisch, während sie die Frauen des Dorfes beim Sortieren von Kräutern unterstützte. Sie bereitete heilende Salben zu und kümmerte sich um die Kranken, doch ihre Gedanken schwebten ständig ab. Die Dorfbewohner hatten sich daran gewöhnt, dass Hanna manchmal in sich gekehrt war – sie nannten sie eine Frau, die viel nachdachte. Doch heute war es anders. Heute fühlte sie sich, als würde sie auf einem unsichtbaren Pfad wandeln, der sie an einen Ort führte, den sie nicht sehen konnte.
Am Waldrand, während sie nach frischen Kräutern suchte, spürte sie plötzlich etwas unter ihrem Fuß – ein harter Gegenstand, verborgen unter der dünnen Schneedecke. Sie kniete sich nieder, um ihn freizulegen, und zog ein kleines Stück Metall hervor. Es war glatt und glänzend, mit einer seltsam geformten, maschinell wirkenden Kante. Ihre Finger glitten über die kalte Oberfläche, und ein Schauer lief ihr über den Rücken. Bei näherem Hinsehen erkannte sie winzige Gravuren – feine Linien, die wie die Überreste einer modernen Schrift aussahen. Das war kein Gegenstand, der in diese Zeit gehörte. Das wusste sie ohne den geringsten Zweifel.
Sie hielt das Fundstück in der Hand, starrte es an und fühlte, wie die Kälte in ihrem Inneren wuchs. Der Wald um sie herum war still, abgesehen vom leisen Rascheln der Bäume im Wind, doch es war, als ob die Welt den Atem anhielt. Hanna schob das Metallstück in ihre Tasche und machte sich auf den Weg zurück ins Dorf, doch ihre Gedanken rasten. Hatte sie die Zeitrisse nicht vollständig geschlossen? Oder war dies der Auftakt zu etwas noch Gefährlicherem?
Am Nachmittag, während die Kinder des Dorfes spielten, blieb Hanna abrupt stehen. Ihre Hände, die Kräuterbündel hielten, zitterten leicht. Ein kleiner Junge balancierte auf einem Baumstamm und summte vor sich hin – eine Melodie, die Hanna nur allzu gut kannte. Es war ein Popsong aus ihrer Zeit, ein Stück, das sie immer mit langen Autofahrten und dem sanften Rauschen des Radios verband. Der Junge konnte es unmöglich kennen. Doch da stand er, summte es fehlerlos, als würde es ihm aus einer anderen Welt zufliegen.
Ihre Knie fühlten sich plötzlich schwach an, und sie musste sich an einem Baumstamm abstützen. „Hanna? Alles in Ordnung?“ Die vertraute Stimme von Freydis holte sie in die Gegenwart zurück. Die Kriegerin stand vor ihr, ihre roten Haare in geflochtenen Zöpfen, die im winterlichen Licht wie Flammen leuchteten. In ihrem Gesicht lag der typische skeptische Ausdruck, gemischt mit einem belustigten Lächeln.
„Ja, alles gut“, log Hanna und zwang ein Lächeln auf ihre Lippen. Freydis’ Augen funkelten vor Neugier, doch sie ließ das Thema fallen. „Du siehst aus, als würdest du einen Geist verfolgen“, sagte sie mit einem leichten Grinsen. „Vielleicht solltest du dir weniger den Kopf zerbrechen und mehr essen.“
„Vielleicht“, murmelte Hanna, doch in ihrem Inneren wusste sie, dass sie Freydis nicht täuschen konnte. Diese war jedoch klug genug, nicht weiter nachzuhaken, und drehte sich um, um zum Dorfplatz zurückzukehren. Hanna beobachtete sie, ihre kräftige Silhouette selbstbewusst und unerschütterlich wie immer. Manchmal beneidete Hanna Freydis um ihre Fähigkeit, die Welt zu nehmen, wie sie war, ohne sie ständig zu hinterfragen. Aber Hannas Geist war nicht so geformt. Sie konnte die Puzzleteile nicht ignorieren, die sich vor ihr auftürmten.
Am Abend, als das Dorf zur Ruhe gekommen war und die Geräusche von Gesprächen und Handwerk langsam verstummten, zog es Hanna an den Rand des Waldes zurück. Sie kehrte zu der Stelle zurück, an der sie das Metallstück gefunden hatte, und griff gedankenverloren in ihre Tasche, um es zu berühren. Die glänzende Oberfläche fühlte sich unangenehm kalt an, fast lebendig unter ihren Fingerspitzen.
Der Wind flüsterte durch die Äste, und die Schatten der Bäume schienen sich zu bewegen. Hanna starrte in die Dunkelheit, suchte nach Antworten, die sie nicht finden konnte. Die Kälte biss in ihre Haut, doch sie achtete nicht darauf – ihr Blick blieb auf den Wald gerichtet. Ein leises Rascheln ließ sie aufhorchen, doch da war nichts außer der Stille.
„Etwas kommt“, flüsterte sie schließlich, ihre Worte kaum mehr als ein Hauch. „Etwas, das größer ist, als ich gedacht habe.“ Ihre Finger schlossen sich fester um das Metallstück, während eine unheimliche Gewissheit sich in ihr ausbreitete. Die Welt um sie herum war nicht mehr die gleiche. Und tief in ihr wusste sie, dass sie bald handeln musste.