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Liebesromane an einem Ort

Kapitel 2Schatten aus der Vergangenheit


Ragnar Schwarzwolf führte in diesem Winter zum ersten Mal in seinem Leben Buch, und er tat es schlecht, und er tat es trotzdem.

Er hatte es sich von seiner Frau abgesehen und dann bei Ingrid gelernt, die es besser konnte als alle anderen, und er schrieb keine Zahlen, sondern Striche; für Zahlen fand er sich zu alt. Auf dem Balken über der Tür der Halle des Jarls standen inzwischen vier Reihen davon.

Die erste Reihe war das Dorf. Sechsundsechzig Striche; im Sommer war einer dazugekommen — Gudrun hatte ein zweites Kind bekommen —, und im Oktober war einer weggegangen: Ein alter Mann war gestorben, wie alte Männer im Oktober sterben. Das war die erste gute Zahl seit zwei Jahren: eine, bei der nichts zu erklären war.

Die zweite Reihe war der Fang; von jedem dritten Strich gehörte einer nach Bergvik, zwei Jahre lang. Ragnar hatte den Preis selbst genannt, und er bereute ihn nicht, aber er zählte ihn.

Die dritte Reihe waren die Tage, an denen die Boote nicht hinausgefahren waren. Sie war zu lang.

Die vierte Reihe hatte er im November angefangen und niemandem erklärt. Sie zählte, wie oft es weiß geworden war.

„Neun“, sagte Torbjörn, der hereingekommen war und den Kopf in den Nacken legte. „Seit Ende September neun. Ich zähle sie auf meinem Türpfosten.“ Der alte Mann setzte sich schwerfällig. „Man kann sich in diesem Dorf nicht mehr benehmen, ohne es aufzuschreiben.“

Die Sechs traten am Mittag zusammen, ohne dass jemand sie gerufen hatte, was inzwischen die übliche Art war. Olav saß am Kopfende und hatte den Stock zwischen den Knien. Rannveig hatte sich Fell mitgebracht. Hakon kam mit rußigen Händen und wischte sie nicht ab. Sten der Jüngere saß am äußeren Ende der Bank, wo er sitzen konnte, ohne dass ihn jemand ansprach.

Hanna stand an der Wand, wie sie es seit dem Frühjahr tat, wenn es nicht um sie ging.

Es ging um die Boote.

„Sie fahren nicht bei Nebel“, sagte Sten. „Ich rede nicht davon, dass sie sich fürchten. Sie fahren nicht. Ich habe am Freitag drei Mann gehabt und am Freitag ist es weiß geworden, und um die dritte Stunde war ich allein am Steg.“

„Wer?“, fragte Ragnar.

„Das sage ich nicht, weil ich sie im Frühjahr brauche.“ Sten sah auf. Er war zweiundzwanzig und hatte das Boot seines Vaters und die Schulden seines Vaters und keinen Vater. „Es waren nicht die Jungen.“

Danach war es still, und in diese Stille hinein sagte Torbjörn, worauf Ragnar den ganzen Vormittag gewartet hatte.

„Ich möchte etwas sagen, und ich möchte, dass es einer aufschreibt, damit man mir hinterher nicht das Falsche in den Mund legt.“

Ingrid, die hinten saß, nahm einen Streifen.

„Wir haben im Januar elf Häuser abgerissen“, sagte Torbjörn. „Ich war dagegen und ich habe unrecht gehabt, und ich habe an meinem eigenen Dach angefangen, und ich sage das, damit klar ist, dass ich nicht das Alte aufwärme.“

„Weiter.“

„Es hat uns einen Sommer gekostet. Nicht Bequemlichkeit — einen Sommer. Wir haben im Mai neun Tage zu spät ausgesetzt, wir haben das ganze Tauwerk zerschnitten und verschenkt, und wir geben jeden dritten Fisch nach Bergvik. Wir sind sechsundsechzig Leute, die einen Winter vor sich haben, den sie zu einem Drittel schon weggegeben haben.“

Torbjörn stützte die Hände auf den Stock. „Und jetzt geht die Heilerin wieder mit der Schnur über den Platz.“

Ragnar hörte, wie hinter ihm jemand die Luft anhielt, und es war nicht Hanna.

„Ich sage nicht, dass sie lügt“, sagte Torbjörn. „Ich habe im Januar gedacht, sie lügt, und das war der dümmste Gedanke meines Lebens. Ich sage etwas anderes. Ich sage: Wenn sie diesmal mit einer Zahl kommt, dann will ich vorher wissen, was sie kostet. Beim letzten Mal haben wir zuerst gerissen und danach gerechnet.“

„Das ist nicht wahr“, sagte Hanna von der Wand.

„Doch“, sagte Torbjörn. „Das ist es. Du hast gerechnet. Wir nicht.“

Es blieb lange still. Olav klopfte einmal mit dem Stock auf den Boden, was hieß, dass er es für ausgesprochen hielt und nicht für entschieden.

Ragnar sagte an diesem Mittag nichts weiter, und das war Absicht, denn Torbjörn hatte recht und es hätte ihm nicht geholfen, wenn der Anführer ihm zugestimmt hätte.

Am Nachmittag ging er zu seiner Frau.

Sie saß am Tisch, mit dem Rücken zur Tür, und hatte vier Streifen Rinde vor sich ausgelegt, und sie hatte den Kohlestift zwischen den Zähnen, wie sie es tat, wenn sie mit beiden Händen sortierte.

Ihr Haar war grau und im Winterlicht fast weiß. Ihre Hände lagen flach auf dem Holz, und die Risse über den Knöcheln standen offen, wie sie seit dem Frühjahr offen standen und für den Rest ihres Lebens offen stehen würden.

Er stand eine Weile in der Tür, ehe sie ihn bemerkte.

Er hatte im Frühjahr geglaubt, das Schlimmste sei, sie so aussehen zu sehen. Es war nicht das Schlimmste. Das Schlimmste war dieser Anblick hier: die vier Streifen, die Spalten, der Stift zwischen den Zähnen. Er kannte ihn. Er hatte ihn vor zwei Jahren zum ersten Mal gesehen, im Januar, und vier Monate später hatten hundertvierunddreißig Menschen ein Tau in den Händen gehabt.

„Du zählst wieder“, sagte er.

„Ja.“

„Seit wann?“

„Seit September.“ Sie nahm den Stift aus dem Mund und legte ihn hin und drehte sich zu ihm um. Sie log ihn seit dem Winter nicht mehr an, und er hatte immer noch nicht entschieden, ob ihm das lieber war.

„Ich habe nichts. Ich habe vierundzwanzig Fundstücke, drei Sichtungen und ein Kind, das eine Melodie kennt, die es nicht kennen kann. Das ist keine Zahl, mit der ich vor die Sechs gehe.“

„Torbjörn hat gesagt —“

„Ich habe es gehört. Er hat recht.“ Sie schob die Streifen zusammen. „Ich gehe nicht vor die Sechs, bevor ich weiß, was es kostet. Das habe ich mir im April versprochen und ich halte mich daran.“

„Und wenn du es erst weißt, wenn es zu spät ist?“

Hanna sah ihn an, mit den grünen Augen, mit denen sie Wunden ansah.

„Dann war es zu spät“, sagte sie.

Eirik kam vier Tage später, allein, auf einem schlechten Pferd, das Bergvik sich für den Weg geliehen hatte.

Ragnar traf ihn am Tor und sah ihm an, dass es keine Botschaft über Gerste war. Der Mann war einundzwanzig gewesen, als er im Frühjahr zwölf Bewaffnete auf den Pfad zum Hain gestellt hatte, um einen Fremden zu holen und ihn aufzuhängen, und er hatte danach ein Tau gehalten und mitgezählt, und seitdem redeten sie miteinander wie Leute, die gemeinsam etwas Schweres gehoben haben.

„Bei uns wird es auch weiß“, sagte Eirik. „Sieben Mal seit dem Erntefest. Haldor lässt fragen, ob es hier auch so ist.“

„Neun Mal.“

Eirik nickte, als hätte er es erwartet, und sah eine Weile über den Platz, wo die zweite Linie lag, die er nicht sehen konnte, da im November alles Gras gelb ist.

„Es gibt noch etwas“, sagte er. „Und ich sage es dir und nicht ihr, und du kannst damit machen, was du willst.“

„Sag es.“

„Dein Fremder geht nachts an den Strand.“

Ragnar antwortete nicht.

„Jede Nacht, in der es weiß wird“, sagte Eirik. „Er nimmt eine Schnur mit Knoten mit und geht die Wasserlinie ab, von der Landspitze bis zum Bach, und er geht sie zweimal ab, und danach sitzt er in der Scheune und schreibt auf Leder. Haldor weiß es. Haldor lässt ihn.“

Er sah Ragnar an. „Er läuft nicht weg. Er hat sein Wort gehalten, jeden Tag, seit dem Frühjahr, und die halbe Sippe mag ihn inzwischen, und das ist genau das, was mir nicht gefällt.“

Ragnar stand am Tor seines eigenen Dorfes und merkte, wie ihm etwas kalt den Rücken hinunterlief, und es war nicht der Wind.

Er hatte diesen Mann vor einem Jahr neun Abende lang beobachtet, wie er dem Dorf nützlich wurde. Am dritten Abend hatte er Sten gezeigt, wie man Reusen hängt. Am siebten hatte er Rannveig ihre Gerste ausgerechnet. Am neunten hatte er Torbjörn zum Lachen gebracht.

Und am elften Tag nach Mittwinter hatte er oben an der Kante eine tote Scheibe in einen offenen Riss gedrückt, und Skjoldheim hatte vier Stunden dafür bezahlt, und ein neunjähriger Junge fast ein halbes Jahr.

„Er misst“, sagte Ragnar.

„Er misst“, sagte Eirik.