Kapitel 1 — Unruhige Zeichen der Zeit
Skjoldheim mähte den grauen Weg zuletzt, wie in jedem Sommer seit dem Zeitsturm, und Hanna Berger stand dabei und zählte die Sensenzüge, obwohl es dafür längst keinen Grund mehr gab.
Der Streifen lief quer über den Platz, vom Brunnen bis zum dritten Pfosten des Speichers, zwei Schritt breit. Das Gras darauf war kürzer als daneben und blieb es.
Es wuchs, es wurde gelb, es war da; nur eben immer eine Handbreit hinterher. Rannveig sagte, man solle den Weg in Ruhe lassen, und Rannveig war siebzig und hatte in ihrem Leben mit drei Dingen recht behalten, also mähte man ihn zuletzt.
Es war der neunte Juni, und seit dem März war nichts passiert.
Hanna ging den Weg trotzdem alle neun Tage ab, mit der Knotenschnur in der Hand, weil sie es so machte, seit es den grauen Weg gab, und weil das Aufhören eine Entscheidung gewesen wäre. Sie maß die Breite an drei Stellen. Sie schrieb die drei Zahlen auf einen Streifen Birkenrinde. Die Zahlen waren seit dem Frühjahr dieselben.
Danach ging sie hinunter zur Bucht, und das war der Teil, den sie niemandem erklärte.
Oberhalb der Flutmarke, zwischen dem Kies und dem Aufstieg zur Kante, lag der Hügel. Sie hatten ihn im März aufgeschüttet, in neun Tagen, mit hundertvierzig Leuten und Rannveigs Ankertau, und darin lag ein Schiff mit vierundzwanzig Metern Kiel und elf Männern in zwei Reihen, so wie sie gesessen hatten. Torbjörn hatte den Stein gesetzt. Der Stein trug keine Namen; sie kannten nur zwei.
Er trug drei Wörter, die Emily aufgeschrieben und Freydis geschlagen hatte.
Sie sind angekommen.
Hanna setzte sich im Juni oft eine Weile dorthin. Sie hätte nicht sagen können, wofür.
Der Sommer war gut. Sten der Jüngere fuhr seit April jeden zweiten Tag hinaus und kam voll zurück, und es lag nicht am Nebel, sondern daran, dass die Heringe wieder standen, wo sie vor sechs Jahren gestanden hatten.
Hakon hatte in der neuen Schmiede zwei Lehrjungen, von denen einer taugte. Gudruns Herbstkind lief. Bjarni war elf und hatte die Stimme zu wechseln begonnen und sprach deshalb wenig, was in seinem Fall eine Umstellung war.
Emily Rahn saß bei jedem Licht über den alten Seiten und kam langsamer voran als im Winter, denn sie schrieb jetzt selbst hinein, und Schreiben ist langsamer als Lesen.
Die Sechs tagten alle vierzehn Tage in der Halle des Jarls, und sie waren fünf. Olavs Stock stand seit Dezember in der Ecke neben der Tür, und niemand hatte ihn weggeräumt, und niemand hatte den Platz besetzt. Torbjörn hatte im April gesagt, man solle wählen. Ragnar hatte gesagt, im Herbst. Es war Juni, und der Stock stand in der Ecke.
Hannas Hände gingen nicht mehr ganz zu. Sie hatte gelernt, den Löffel anders zu halten und das Messer schräg, und sie konnte immer noch nähen, wenn jemand ihr den Faden einfädelte. Ihr Haar war durch. Nicht an den Schläfen – durch.
Am vierzehnten Juni brachte Bjarni ihr etwas, das er am Hügel gefunden hatte.
Er kam nicht gelaufen. Er kam über den Platz wie jemand, der etwas trägt, das er nicht fallen lassen will, und blieb einen Schritt vor ihr stehen und machte die Hand auf.
„Ich dachte erst, es ist eine Schuppe“, sagte er.
Es war keine Schuppe.
Es war ein Streifen aus weißem Material, drei Finger lang, an einer Ecke gelocht. Es war weder Horn noch Leder noch Birkenrinde. Es war glatt und leicht und ließ sich biegen und knickte nicht, und als Hanna es zwischen zwei Fingern drehte, machte es ein Geräusch, das sie zuletzt in einem Labor ihrer Zeit gehört hatte, in dem der Kaffee immer kalt geworden war.
Auf dem Streifen stand etwas.
Es stand nicht darauf, wie ein Mensch schreibt. Es war gedruckt, in gleichmäßigen Buchstaben, wie auf einem Zettel, den eine Maschine ausgibt, und Hanna hielt das Ding still und hörte auf zu atmen, und Bjarni sagte:
„Ist das schlimm?“
„Ich weiß es noch nicht. Wo genau?“
„Oben. Auf dem Hügel.“ Er zeigte. „Nicht am Wasser. Oben, wo das Gras ist.“
„Hast du es angefasst, bevor du es aufgehoben hast?“
Der Junge sah sie an, wie Kinder Erwachsene ansehen, die eine dumme Frage stellen.
„Ich habe es aufgehoben“, sagte er. „Sonst hätte ich es dir nicht bringen können.“
„Ja“, sagte Hanna. „Entschuldige.“
Sie ging in die Hütte, machte die Tür zu und legte den Streifen auf den Tisch, unter das Fenster, und dann saß sie eine Weile davor, ohne ihn anzurühren.
Sie kannte diese Zettel. Man hängte sie an Fundtüten. Man schrieb darauf, wo etwas herkam, und wenn man es nicht tat, war der Fund nach zwei Wochen wertlos, und ihr eigener Doktorvater hatte das gesagt und dazu jedes Mal mit dem Knöchel auf den Tisch geklopft.
Der Zettel war sauber. Das war das Erste, was falsch war. Er lag nicht angeschwemmt und nicht ausgeblichen im Gras eines Hügels an einer Küste; er sah aus, als sei er vorgestern aus einem Block gerissen worden.
Das Zweite war, was darauf stand.
Oben, gedruckt: DRAUGASKÄR. Darunter: Schnitt 4, Profil Nord. Darunter eine Zeile für das Datum, und in diese Zeile hatte jemand mit einem Kugelschreiber etwas eingetragen, in einer kleinen, sehr geraden Handschrift, die Hanna nicht kannte.
Tag, Monat, Jahr.
Sie las die Jahreszahl dreimal. Dann holte sie ihre Streifen, legte sie in Spalten aus, wie sie es seit bald drei Jahren tat, und rechnete, und es war eine sehr kurze Rechnung.
Sie war an einem Regennachmittag im Oktober in eine Höhle achtzig Meter unter der Wiese gestiegen.
Die Zahl auf dem Zettel lag einunddreißig Jahre danach.
Hanna Berger saß in einer Hütte in Skjoldheim, mit einem Fundzettel in der Hand, den ein Mensch beschrieben hatte, der noch nicht geboren gewesen war, als sie verschwand, und sie begriff drei Dinge nacheinander, und keines davon in der Reihenfolge, die sie sich gewünscht hätte.
Dass jemand an dieser Küste gräbt.
Dass er dort gräbt, wo elf Männer liegen, die im März angekommen sind.
Und dass ein Zettel, der in ihrem Jahrhundert an einer Fundtüte hängt, nicht von allein tausend Jahre nach hinten fällt.
Ragnar, ihr Mann, kam bei Dunkelheit. Er hatte den ganzen Tag am neuen Zaun oberhalb des Erlenbruchs gestanden, roch nach Harz und war müde auf die Art, die ihm gefiel.
Er sah sie am Tisch sitzen und blieb in der Tür stehen.
„Wie breit?“, fragte er.
Das war ihre Frage seit anderthalb Jahren, und die Antwort war seit dem Frühjahr immer dieselbe gewesen.
„Der Weg ist zwei Schritt“, sagte Hanna. „Wie im März.“
„Und warum sitzt du dann so da.“
Sie schob ihm den Streifen über den Tisch. Ragnar Schwarzwolf nahm ihn auf, hielt ihn ins Licht, drehte ihn und legte ihn wieder hin. Er konnte inzwischen lesen, aber nicht das.
„Von dort“, sagte er.
„Von dort.“
„Wie alt?“
„Es ist nicht alt.“ Sie hörte selbst, wie ruhig ihre Stimme war, und war dankbar dafür. „Das ist der Punkt, Ragnar. Es ist neu. Es ist neuer als ich. Um einunddreißig Jahre.“
Er setzte sich ihr gegenüber, langsam, wie er sich immer setzte, wenn er etwas nicht falsch machen wollte, und seine eisgrauen Augen lagen auf dem Ding auf dem Tisch, als ob es sich bewegen könnte.
„Der Riss frisst nichts“, sagte er. „Er hebt es auf. Hast du gesagt.“
„Ja.“
„Und das hier hat er aufgehoben?“
„Nein.“ Hanna legte die Hände flach auf den Tisch, und es tat weh, und sie tat es trotzdem, denn es half ihr beim Denken. „Aufheben dauert. Aufgehoben ist, was seit dreihundert Jahren draußen ist. Das hier hat jemand vor drei Tagen in der Hand gehabt.“
Draußen ging der Wind über das Dach, und im Stall drehte sich ein Tier.
„Dann sag es“, sagte Ragnar.
„Bis heute“, sagte Hanna Berger, „ist alles, was an dieser Küste herausgekommen ist, herausgekommen wie Wasser aus einem Boot. Es ist geleckt. Niemand hat es geschickt.“ Sie nahm den Zettel wieder auf. „Das hier ist nicht geleckt.“
Sie schlief nicht.
Um die dritte Stunde stand sie auf, nahm die Knotenschnur und einen Kienspan und ging zur Bucht hinunter, und der Weg war hell genug, denn im Juni wird es hier nicht richtig dunkel.
Der Hügel lag über der Flutmarke, wie er im März gelegen hatte. Der Stein stand. Das Gras auf der Kuppe war kniehoch und nass und roch nach Gras.
Zwölf Schritt oberhalb davon, wo der Hang zur Kante steiler wird, war es das nicht.
Es war dort nicht kürzer und nicht gelb und nicht tot. Es war trocken.
Auf einer Fläche, in die ein Mann sich hätte legen können, stand das Gras trocken in einer Nacht, in der jeder Halm an dieser Küste Tau trug, und als Hanna die Hand hineinlegte, war die Luft darüber weder warm noch kalt, sondern sie war nichts, so wie ein Ton nichts ist, den man nicht mehr hört.
Sie maß die Fläche mit der Knotenschnur ab, weil ihr nichts Besseres einfiel.
Zwei Schritt mal drei.
Sie schrieb es auf, mit der Uhrzeit, so gut sie sie hatte, und dann setzte sie sich neben den Stein mit den drei Wörtern und wartete auf das Licht.