Kapitel 2 — Echo der Zeiten
Ragnar Schwarzwolf hatte im vergangenen Winter gelernt, nach Zahlen zu fragen, bevor er etwas glaubte, und es hatte ihn einen Freund gekostet, den einundzwanzigsten Namen auf einem Stein, und er fragte trotzdem weiter.
Am siebzehnten Juni fragte er zum dritten Mal in drei Tagen.
„Wie viele?“
„Vier“, sagte Hanna. „Der Zettel. Ein Stück Schnur, geflochten, aber nicht aus Hanf. Etwas aus Eisen mit einem Gewinde, das ich nicht schmieden lassen könnte. Und das hier.“
Sie legte es auf den Tisch in der Halle, wo die Sechs sonst saßen, und alle fünf sahen darauf, und Freydis, die an der Tür stand, kam zwei Schritt näher.
Es war ein Band, so breit wie zwei Finger und so lang wie ein Arm, in einem Orange, das an dieser Küste in keiner Pflanze und in keinem Stein vorkam. Es leuchtete nicht. Es war einfach oranger, als irgendetwas hier orange war.
„Das ist zum Absperren“, sagte Hanna. „Man spannt es um eine Fläche, damit niemand hineintritt.“
„Damit niemand wohin tritt?“
„Dahin, wo man gräbt.“
Torbjörn saß am Ende der Bank, die Hände auf dem Knauf seines Stocks, und er war der Einzige, der nicht auf das Band sah, sondern auf Hanna.
„Sag es der Reihe nach“, sagte er.
Also sagte sie es der Reihe nach, und Ragnar merkte an ihrer Stimme, dass sie es schon geübt hatte, allein, wahrscheinlich in der Nacht.
Alles, was an dieser Küste je aus dem Boden oder aus dem Tang gekommen sei, sei geleckt. Der Drakkar habe dreihundertneunundvierzig Winter lang dieselbe Strecke gefahren und dabei jedes Mal ein wenig verloren, wie ein undichtes Boot, und was verloren ging, sei irgendwann an einer Felsmulde oder in einem Netz gelegen.
Deshalb hätten vierzig Frauen an dieser Küste ihre Scheiben gefunden. Deshalb sei das Buch der Seherinnen das Logbuch eines Schiffbruchs, den es nie gegeben habe.
„Das ist vorbei“, sagte Hanna. „Auf der Halde kommt seit dem Frühjahr nichts mehr heraus. Freydis geht die sechzig Schritt jeden Monat ab.“
„Nichts“, bestätigte Freydis. „Seit dem Schiff nicht ein Knochen.“
„Und im Nebel ist nichts. Sten fährt seit April bei jedem Wetter hinaus und hört keinen Schlag.“ Hanna legte einen Finger neben das orange Band. „Ein Leck versiegt, wenn das Boot draußen ist. Das ist normal. Das hier ist nicht normal, denn ein Leck bringt Dinge, die lange im Wasser waren, und das hier war vorgestern in einer Hand.“
„Und der Unterschied“, sagte Torbjörn, „ist welcher.“
„Der Unterschied ist, dass jemand drückt.“
Es wurde still in der Halle des Jarls. Draußen hämmerte Hakon, in dem gleichmäßigen Takt, den er anschlug, wenn er zuhörte.
„Von der anderen Seite“, sagte Ragnar.
„Von der anderen Seite.“
„Und was drückt er?“
„Sich selbst“, sagte Hanna. „Vermutlich probiert er es. Und jedes Mal, wenn er es probiert, geht es ein Stück weiter auf, denn so ist eine Wunde: Sie heilt, solange keiner hineinfasst.“
Ragnar sah zu Olavs Stock in der Ecke neben der Tür und wünschte sich zum ersten Mal seit Dezember, dass der alte Mann ihn in die Hand nähme und einmal klopfte.
Was danach kam, kam schneller, als er gedacht hatte.
Am achtzehnten fuhr Sten der Jüngere nicht mehr aus der Bucht heraus, sondern von der Nordseite der Landzunge, was ihn jeden Morgen eine Stunde kostete, und als Ragnar ihn danach fragte, sagte er, das Boot habe es sich anders überlegt, und lachte nicht dabei.
Am neunzehnten trug Gudrun ihr Herbstkind hinauf zu den Höfen am Südhang und blieb dort.
Am zwanzigsten ging Ragnar über den Platz und zählte, wie viele Türen offen standen, und es waren neun von einunddreißig, und im Juni sollten alle offen stehen.
Am einundzwanzigsten stand Torbjörn am Brunnen und redete.
Ragnar blieb am Rand stehen und hörte zu, und er merkte, dass er auf ein Wort wartete, das nicht kam. Torbjörn hetzte nicht. Er hatte nie gehetzt; das war das Unangenehme an ihm.
„Ich sage nicht, sie lügt“, sagte Torbjörn zu den elf Leuten am Brunnen. „Sie hat noch nie gelogen, seit sie aufgehört hat, uns ihren Namen zu verschweigen. Ich sage etwas anderes.“
Er hob die Hand mit dem Stock und ließ sie wieder sinken. „Die erste Frau, die von dort gekommen ist, hat uns einundzwanzig Namen auf dem Stein gekostet. Ich habe die Namen mitgezählt. Ich habe zwei davon selbst hinuntergetragen.“
Niemand widersprach ihm, und das war schlimmer als Geschrei.
„Ich will, dass die Sechs sagen, was passiert, wenn der Nächste kommt“, sagte Torbjörn. „Vorher. Nicht danach.“
Am Abend saßen sie zu viert in Hannas Hütte: Hanna, Ragnar, Freydis und Emily, die zu spät kam und Tinte am Handrücken hatte.
„Er hat recht“, sagte Ragnar.
„Ich weiß“, sagte Hanna.
„Nein.“ Er wartete, bis sie ihn ansah. „Ich meine es nicht als Trost. Ich meine, dass er recht hat, und dass ich im Winter genauso geredet habe wie er, nur schlechter, und dass ich für Leifs Plan gestimmt habe und einundvierzig Jahre und Olav dafür bezahlt worden sind. Ich stimme nie wieder für etwas, für das ich keine Zahl habe.“
Freydis sah von einem zum anderen und sagte nichts, was bei ihr eine Stellungnahme war.
Emily zog ein Bündel Streifen aus dem Umhang und legte sie in Spalten aus, so wie Hanna es ihr beigebracht hatte, und oben auf dem ersten Streifen stand ein Wort, das es in dieser Sprache nicht gab, weil Hanna es vor anderthalb Jahren selbst geschrieben hatte.
Chronoriss.
„Ich habe alles noch einmal gelesen“, sagte Emily. „Yrsa, die sechsundzwanzig, alles. Es gibt vierzehn Stellen, an denen etwas herausgekommen ist. Es gibt keine einzige, an der etwas hineingegangen ist, außer bei uns.“
„Bei uns viermal“, sagte Hanna. „Siv. Ich. Leif, achtmal, aber immer von hier. Du.“
„Und keine von uns wollte hierher.“
„Nein“, sagte Hanna. „Keine von uns wollte hierher.“
Sie saßen eine Weile schweigend, und Ragnar sah, wie Hanna etwas hin und her drehte, das noch keine Form hatte, und er kannte das Gesicht dazu und störte sie nicht.
Am zweiundzwanzigsten Juni fand Kjartan das fünfte Ding.
Es lag nicht auf dem Hügel, sondern zwölf Schritt oberhalb davon, wo der Hang zur Kante hin steiler wird, und Kjartan brachte es nicht ins Dorf, sondern kam und holte sie, was ihm hinterher hoch angerechnet wurde.
Es war ein Stab, kürzer als ein Unterarm, aus Holz, mit einer Spitze und einem Kopf aus demselben Zeug wie der Zettel, und der Kopf war so rot wie das Band orange gewesen war. Man hatte ihn in den Boden geschlagen. Er stand darin wie ein Zeltpflock, gerade, mit der Spitze nach unten, an einer Stelle, an der bis vorgestern nichts gewesen war.
Auf dem Kopf stand etwas, gedruckt.
Hanna kniete davor und wischte mit dem Daumen darüber, und Ragnar sah, wie ihre Schultern still wurden.
„Was?“, sagte er.
Sie antwortete nicht sofort.
„Es ist ein Vermessungspflock“, sagte sie dann. „Man setzt sie, wenn man eine Fläche einmisst, damit man morgen wieder findet, wo man heute gestanden hat.“ Sie blieb in der Hocke, mit den Händen auf den Knien. „Man setzt sie in einem Raster. Er ist nicht der einzige. Er ist der erste, der bei uns angekommen ist.“
„Und was steht darauf?“
„Ein Name.“
Sie stand auf, und Ragnar Schwarzwolf sah ihr Gesicht im flachen Abendlicht und begriff, dass er sie in drei Jahren zweimal so gesehen hatte und beide Male in dem Winter, in dem sie grau geworden war.
„Wessen Name?“, fragte er.
„Reimers“, sagte Hanna Berger. „Es steht Reimers darauf. Er gräbt an dieser Küste, und er ist einunddreißig Jahre älter als in dem Augenblick, in dem er meinen Namen gerufen hat, und er ist nicht der, der drückt.“
„Woher weißt du das?“
„Weil Jonas nicht drückt. Jonas misst auf, beschriftet und meldet.“ Sie nahm den Pflock nicht aus dem Boden. Sie ließ ihn stehen, wo er stand. „Es ist jemand, der neben ihm arbeitet.“