Kapitel 3 — Der Gelehrte aus der Zukunft
Zwei Jahre nach dem Bootsgrab saß Markus Ahlgren in einem Museumssaal auf einer Bank, die für Schulklassen gedacht war, und las zum vielleicht zweihundertsten Mal ein Schild.
Der Stein stand in einer Vitrine mit sehr guter Beleuchtung. Dreiundzwanzig Namen, tief und ungleichmäßig gesetzt, vier davon schief, und unter einem der unteren eine kurze, flache, halb abgeplatzte Zeile, die weder auf dem Schild stand noch in Jonas’ Aufsatz. Darunter, im Streiflicht kaum sichtbar, neun Zeichen im Kreis. Und ganz unten am Fuß, in einer anderen, ruhigeren Hand und mit einem feineren Werkzeug:
Für Jonas. Es geht mir gut. Koch das Wasser ab.
Auf dem Schild stand, dass die untere Inschrift ein neuzeitlicher Zusatz sei, wahrscheinlich des frühen zwanzigsten Jahrhunderts, und dass der Fundzusammenhang ihrer Bewertung entgegenstehe.
Den Satz hatte Jonas Reimers selbst geschrieben. Es war der einzige Satz in seinem Leben, von dem er wusste, dass er falsch war, als er ihn schrieb, und er hatte ihn geschrieben, damit man ihm die oberen neunzehn glaubte.
Markus war dreißig. Er hatte vier Jahre seiner Promotion damit verbracht, dass er alles aufschrieb und nichts davon glaubte, und Jonas hatte ihm einmal gesagt, das sei die angenehmste Eigenschaft, die er an einem Menschen kenne. Es war ihm hinterher aufgefallen, dass das kein Kompliment gewesen war, sondern eine Bitte.
Jonas war vierundsechzig und seit dem Winter krank, auf die Art, bei der die Termine nicht mehr in Wochen, sondern in Behandlungen gezählt werden.
Der osteologische Befund zum Bootsgrab lag seit einundzwanzig Monaten unveröffentlicht in einem Ordner. Zehn Männer, kein Kind, keine Frau, und in der zweiten Reihe eine leere Stelle, für die niemand eine Erklärung hatte. Sechs über sechzig, drei über siebzig, einer offen gelassen.
Und alle zehn mit den Ansätzen und der Wirbelsäulenabnutzung von Männern, die jahrelang jeden Tag am Riemen gesessen hatten – Belastungsmuster, die man an Skeletten von Leuten findet, die dabei nicht siebzig sind.
Zwei Gutachter hatten den Befund für einen Aufnahmefehler gehalten. Der dritte hatte ihn für echt gehalten und darum gebeten, nicht genannt zu werden.
Markus hatte das Schild vor sich, den Ordner im Rucksack und in der Manteltasche ein Ding, das ihm ein Feinmechaniker aus Kiel für elfhundert Euro gefräst hatte, und er stand irgendwann auf und fuhr an die Küste.
Die Scheibe war keine Rekonstruktion; das Wort setzte voraus, dass man wusste, was man rekonstruierte. Er hatte zwei Vorlagen gehabt.
Die eine lag noch immer unter dem Brustbein des ältesten der zehn, in den Resten eines Lederbeutels, und Jonas hatte entschieden, dass sie dort bleibt. Markus hatte sie vermessen, fotografiert und dreimal gescannt, bevor der Beutel wieder zugebunden wurde: dunkel, flach, handtellergroß, doppelter Rand, neun eng gesetzte Zeichen im Kreis.
Die andere existierte nur auf vier Aufnahmen von einem Regennachmittag im Oktober, dreiunddreißig Jahre alt, mit Maßstab auf zweien davon. Andere Zeichen. Andere Größe. Dieselbe Sache.
Die Legierung des Grabfundes hatte das Labor zweimal analysiert und beim zweiten Mal angerufen, statt zu schreiben. Markus hatte für seine Kopie Messing genommen, weil man das fräsen kann.
Er wusste, dass es nicht dasselbe Material war. Er wusste auch, dass zwei Jahre lang nichts passiert war.
Er hatte es an elf Stellen versucht: in der Höhle unter der Wiese, an drei Punkten oben am Rand, am Steinkreis auf der Landzunge, in seinem Zimmer, im Depot, zweimal an der Flutlinie und an dem Tag, an dem er sich selbst am wenigsten leiden konnte, auf einem Parkplatz. Nichts. Kein Summen, kein Licht, keine Wärme. Ein Stück Messing mit neun eingefrästen Mustern.
Bis zum vierzehnten April.
An dem Tag hatte er im Schnitt gestanden, auf dem Planum, dort, wo der Steven des Schiffes hangaufwärts gezeigt hatte, und die Scheibe in der Hand gehabt, ohne einen Gedanken daran, und seine Hand war kalt geworden. Nicht die Luft. Die Hand.
Er hatte es aufgeschrieben, mit Uhrzeit, wie man das tut, und war zwei Tage nicht wieder in den Schnitt gestiegen.
Was danach kam, kam in der Form, in der bei ihm alles kam: als Notiz. Er hatte am Rand eines Kapitelentwurfs, den ohnehin niemand annehmen würde, ein Wort hingeschrieben und eingekreist.
Runensprung.
Es war kein guter Begriff. Es klang nach einem Vortragstitel in einem Gemeindesaal. Er behielt ihn trotzdem, denn er beschrieb, was er sich vorstellte: einen Absprung, eine Flugbahn, eine Landung. Etwas, das man zielen kann.
Er fuhr am neunzehnten Juni an die Küste, allein, in der Woche, in der die Grabung ruhte.
Er hatte zwei Rucksäcke dabei, Kleidung aus Leinen und Wolle, die er im Winter bei einem Reenactment-Ausstatter bestellt hatte, den Ordner, drei Notizbücher, vier Kugelschreiber und einen Block Fundzettel, denn er hatte vor, das Wichtigste zu tun, das man tun kann: aufschreiben, wo etwas herkommt.
Er steckte am Abend vorher eine Reihe Pflöcke in den Hang oberhalb des Schnitts, in einem Raster von fünf Metern, so wie er es gelernt hatte. Er wollte hinterher wissen, wo er gestanden hatte.
Er schrieb Jonas eine Nachricht, in der stand, dass er über das Wochenende oben sei, und er formulierte sie so, dass sie in beiden Fällen richtig war.
Dann stieg er in den Schnitt hinunter, stellte sich dorthin, wo der Steven hangaufwärts zeigte, und nahm die Scheibe in die Hand, und die Hand wurde kalt.
Er hätte hinterher gern gesagt, dass er gezögert hat.
Es gab kein Licht. Davon stand in keinem Bericht etwas, den er kannte: Es blitzte nichts, es riss nichts auf, es summte nicht. Der Wind hörte auf, und zwar nicht so, wie Wind aufhört, sondern so, wie ein Geräusch aufhört, wenn eine Tür zugeht.
Dann tat ihm alles weh, in einer Reihenfolge, von den Zähnen abwärts.
Dann stand er im Gras.
Es war Nacht und es war hell genug zum Lesen, und das war das Zweite, was falsch war, denn er war am Nachmittag losgegangen. Über ihm stand ein Himmel ohne eine einzige Wolke. Unter ihm war der Hang, und der Hang war anders. Der Schnitt war weg, die Planen waren weg, der Bohlensteg war weg.
An der Stelle, an der er zwei Jahre lang mit einem Zahnstocher und einer Zahnbürste gearbeitet hatte, lag ein Hügel aus frisch aufgeschüttetem Kies, und in dem Hügel steckte ein Stein, und auf dem Stein standen drei Wörter, die er nicht lesen konnte, weil er das Runenalphabet nur mit einer Tabelle konnte und die Tabelle im Rucksack war.
Markus Ahlgren setzte sich auf die nasse Wiese, zog die Knie an und lachte, und danach war ihm sehr kalt.
Er brauchte eine Weile, bis er die Scheibe wieder ansah.
Sie war warm. Sonst nichts: kein Zeichen war ausgegangen, kein Zeichen war angegangen, sie sah aus wie ein Stück Messing mit neun eingefrästen Mustern, weil sie das war.
Und drei Schritt neben ihm, dort, wo er gestanden hatte, hörte das Gras auf, nass zu sein.
Es war keine Öffnung und kein Loch und kein Riss; es war nichts zu sehen.
Es war eine Fläche in der Größe eines liegenden Mannes, in der die Luft weder warm noch kalt war und in der die Halme trocken standen, und Markus hielt die Hand hinein und zog sie wieder heraus und schrieb, mit klammen Fingern, auf die erste Seite des ersten Notizbuchs eine Uhrzeit und einen Satz.
Rückweg steht offen.
Er hat den Satz zwölf Tage später durchgestrichen und darunter etwas anderes geschrieben, und da war es zu spät.