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Liebesromane an einem Ort

Kapitel 3Das Dorf der Krieger


Am nächsten Morgen kam Ingrid und holte sie.

Die Frau war Anfang zwanzig, hatte Erde an den Händen und einen Ausdruck im Gesicht, den Hanna aus Nachrichtenbildern kannte und noch nie aus einem Meter Entfernung gesehen hatte. „Siv“, sagte sie. „Bitte. Mein Sohn.“

Solveig sah von ihrer Arbeit auf und sagte nichts. Freydis, die am Türrahmen lehnte, sagte auch nichts. Beide sahen Hanna an, und es war klar, dass dies eine Prüfung war und dass beide sie zu sehen wünschten.

„Zeig ihn mir“, sagte Hanna.

Das Langhaus stand am östlichen Rand des Platzes. Drinnen war es dunkel und stickig, der Rauch stand in Schichten unter dem Dach, und auf einer Strohschütte lag ein Junge von vielleicht sechs Jahren.

Seine Haut war grau, die Lippen aufgesprungen, der Atem ging schnell und flach. Neben ihm kniete die Großmutter und wischte ihm mit einem Lappen über die Stirn, immer wieder, mit derselben Bewegung, seit Stunden.

Hanna kniete sich hin, und ihre Panik kam wie eine Welle: Sie war keine Ärztin. Sie hatte einen Erste-Hilfe-Kurs, sie hatte auf Grabungen Wunden versorgt, sie hatte in Seminaren über Wikingermedizin gesprochen, und alles davon war Papier gewesen.

Dann sah sie den Jungen an und merkte, dass die Panik nichts nützte, und schob sie beiseite, so wie sie im Feld eine Fundschicht beiseiteschob, die gerade nicht die interessante war.

„Seit wann?“

„Vier Tage“, sagte Ingrid. „Erst das Fieber. Dann der Bauch.“

„Trinkt er?“

„Er nimmt nichts. Er behält nichts.“

Hanna legte die Hand auf die Stirn des Kindes. Heiß. Sie zog vorsichtig das Augenlid hoch, drückte auf die Haut am Handrücken und zählte, wie lange die Falte stehen blieb. Zu lange.

Sie kannte die Zahlen nicht, die ein Arzt kannte. Sie kannte etwas anderes, und es war in diesem Raum mehr wert: Sie wusste, woran Kinder in solchen Dörfern starben. Nicht am Fieber. Am Wasser, das ihnen fehlte, und an dem, das sie tranken.

„Woher holt ihr euer Wasser?“

Ingrid sah sie verständnislos an. „Vom Bach. Wie alle.“

„Oberhalb oder unterhalb des Viehs?“

Die Frage blieb einen Moment im Raum stehen. Die Großmutter hörte auf zu wischen.

„Ich brauche Folgendes“, sagte Hanna und stand auf. „Wasser, aufgekocht, bis es Blasen wirft, und dann abgekühlt, nicht mit kaltem Bachwasser gestreckt. Salz. Honig, wenn ihr welchen habt. Saubere Tücher, ausgekocht, nicht die vom Boden. Und Weidenrinde von den jungen Zweigen.“

„Weidenrinde gegen Fieber“, sagte Solveig hinter ihr, und es klang nicht überrascht, sondern prüfend, wie ein Lehrer, der eine Antwort abgleicht.

„Ja. Aber zuerst das Wasser.“

Sie mischte es selbst, weil sie das Verhältnis nicht erklären konnte, ohne Wörter zu benutzen, die es hier nicht gab: eine Handvoll Salz auf einen großen Krug, Honig hinein, umrühren, bis nichts mehr knirschte. Dann setzte sie sich neben den Jungen, hob seinen Kopf an und flößte ihm einen Löffel ein. Wartete. Noch einen Löffel. Wartete.

„So wenig?“, fragte Ingrid.

„Alle paar Atemzüge einen Löffel. Die ganze Nacht. Wenn er viel trinkt, gibt er es zurück, und dann verlieren wir mehr, als wir gewinnen.“ Hanna gab ihr den Löffel in die Hand. „Du machst es. Deine Mutter löst dich ab. Ich komme wieder, wenn das Feuer niedrig ist.“

„Ich soll –“ Ingrid starrte auf den Löffel. „Ich dachte, du legst ihm die Hände auf.“

„Meine Hände können weniger als dieser Löffel“, sagte Hanna. „Glaub mir das eine Nacht lang.“

Sie blieb bis Mitternacht und kam zweimal wieder. Beim dritten Mal, kurz vor dem Morgengrauen, drehte der Junge den Kopf zur Seite und verlangte von sich aus zu trinken, und die Großmutter fing an zu weinen, lautlos, ohne aufzuhören zu wischen.

Als Hanna hinaustrat, stand der halbe Platz vor der Tür.

Sie hatten sich nicht angekündigt und sie sprachen nicht. Sie standen einfach da, dreißig, vierzig Menschen im grauen Licht, und sahen sie an, und Hanna verstand, dass die Nacht sich herumgesprochen hatte und dass sie soeben etwas geworden war, das sie nicht hatte werden wollen.

„Er trinkt“, sagte sie in die Stille. „Kocht euer Wasser ab. Alle. Auch die Gesunden. Und tränkt das Vieh unterhalb der Stelle, an der ihr schöpft.“

Niemand rührte sich. Dann drehte sich ein alter Mann um, der sich auf einen Stock stützte, und sagte über die Schulter: „Ihr habt sie gehört.“

Der Platz löste sich auf.

„Olav“, sagte Freydis leise neben ihr. „Der Älteste. Wenn er dir glaubt, glauben dir zwei Drittel des Dorfes.“

„Und das letzte Drittel?“

„Das letzte Drittel wartet ab.“ Freydis wies mit dem Kinn zur anderen Seite des Platzes. „Und dann gibt es noch ihn.“

Der Mann stand bei der Schmiede und sprach mit dem Schmied, und Hanna sah ihn zuerst nur als Umriss: groß, breit, das dunkle Haar im Nacken zusammengebunden, den Rücken zur Sonne. Dann wandte er den Kopf.

Seine Augen waren eisgrau, und der Blick, den er ihr gab, war der erste an diesem Morgen, in dem keine Erwartung lag. Nur Prüfung.

Er kam über den Platz. Er ging nicht schnell, aber die Leute machten ihm Platz, ohne dass er es verlangte.

„Siv“, sagte er. „Man sagt, du hast dem Jungen Salzwasser gegeben, und er lebt.“

„Salz, Honig, abgekochtes Wasser.“

„Und keinen Zauber.“

„Keinen Zauber“, sagte Hanna.

Etwas an seinem Mundwinkel bewegte sich, kaum sichtbar. „Ragnar Schwarzwolf“, sagte er. „Und du solltest wissen, dass sie dir das übelnehmen werden.“

„Dass ich ihm geholfen habe?“

„Dass du ihnen erklärt hast, wie. Ein Wunder kostet nichts. Dein Rat kostet sie jeden Tag Arbeit.“ Er sah über den Platz, wo zwei Frauen bereits einen Kessel über das Feuer hängten. „Manche werden es tun. Manche werden dich dafür hassen, dass es nötig ist.“

Hanna sah ihn an und stellte fest, dass sie zum ersten Mal seit ihrer Ankunft mit jemandem sprach, der ihr nichts vormachte.

„Ihr habt Sorgen, die größer sind als mein Kessel“, sagte sie. „Ich habe es gehört. Reiter im Süden.“

Das Gesicht des Mannes schloss sich.

„Wer hat davon gesprochen?“

„Zwei Männer beim Netzflicken. Sie sagten, die Späher hätten Schilde gesehen. Schwarze Wölfe darauf.“

Ragnar schwieg so lange, dass Hanna schon glaubte, er würde gehen, ohne zu antworten.

„Wenn sie das gesagt haben“, erwiderte er schließlich, „dann haben sie es nicht von den Spähern. Die Späher sind noch nicht zurück.“ Er wandte sich ab. „Koch dein Wasser, Heilerin. Und halte dich abends von der Halle fern.“

„Warum?“

„Weil der Jarl heute Abend Rat hält“, sagte Ragnar Schwarzwolf, „und weil er inzwischen weiß, dass du wach bist.“