Kapitel 2 — Erwachen im Vergangenen
Der erste Atemzug brannte. Die Luft war dick von Rauch und Kräutern, und Hanna hustete, bis ihr die Augen tränten und eine Hand sich unter ihren Rücken schob und sie aufrichtete.
„Langsam“, sagte die Frauenstimme. „Du hast drei Tage nichts getrunken.“
Ein Becher an ihren Lippen. Wasser, das nach Metall und Rauch schmeckte. Hanna trank, und während sie trank, arbeitete ihr Verstand die Reihe ab, die er immer abarbeitete: Wo bin ich, was sehe ich, was davon lässt sich prüfen.
Sie sah eine Hütte aus Holz und Torf, vielleicht vier mal sechs Meter. Eine offene Feuerstelle mit einem Rauchloch, kein Kamin. An den Wänden hingen Kräuter, Lederriemen, Schalen aus gebranntem Ton. Auf einem Brett lagen Werkzeuge aus Knochen und Eisen, und das Eisen war handgeschmiedet, mit den Schlägen noch sichtbar im Metall.
Nichts davon war eine Rekonstruktion. Rekonstruktionen rochen nicht so.
„Wo bin ich?“, fragte sie, und ihre Stimme war eine fremde, tiefere Version ihrer eigenen.
„Im Haus der Seherin. In Skjoldheim.“ Die Frau setzte sich auf einen niedrigen Hocker. Sie war vielleicht sechzig, mit einem Gesicht, das aus geraden Linien bestand, und mit Augen von einem sehr hellen Blau. „Ich bin Solveig. Du bist Siv, und du bist von den Klippen gestürzt und drei Tage fort gewesen.“
„Ich bin nicht Siv.“
Solveig blinzelte nicht. Das fiel Hanna auf, weil jeder Mensch blinzelt, wenn ihm widersprochen wird. „Der Sturz war schwer“, sagte die alte Frau. „Manches kommt zurück, manches nicht.“
Hanna hob die Hände vor ihr Gesicht. Es waren nicht ihre Hände.
Die Finger waren kürzer, die Nägel gerade abgeschnitten und schmutzig, und über dem rechten Handrücken lag eine alte, schlecht verheilte Narbe. An der Innenseite des Zeigefingers saß eine Schwiele, wie sie vom Mahlen kommt, vom Drehen einer Handmühle, Tag für Tag, jahrelang. Hanna hatte solche Schwielen an Skeletten gesehen und Vorträge darüber gehalten, was sie über ein Leben verraten.
Sie sah sie jetzt an ihrer eigenen Hand und musste sich sehr fest an die Kante des Lagers halten.
Auf einem Brett neben dem Feuer stand eine kleine Bronzeschale, poliert genug, um zu spiegeln. Hanna streckte sich danach, und Solveig ließ sie gewähren.
Das Gesicht in der Schale war schmal, mit hohen Wangenknochen und einem geflochtenen Zopf, der über die Schulter fiel. Es war ungefähr in ihrem Alter. Es war nicht ihres. Und dann bewegte es den Mund, als sie den Mund bewegte, und Hanna legte die Schale hin, bevor ihre Hand zu zittern begann.
„Wie lange“, fragte sie, „ist es her, dass Siv von den Klippen stürzte?“
„Drei Tage.“
„Und vorher? Wie war sie vorher?“
Zum ersten Mal machte Solveig eine Pause, die zu lang war. „Sie war unsere Heilerin“, sagte sie. „Und sie war müde.“
Die Tür ging auf, ohne dass jemand angeklopft hätte, und die zweite Frau, die eintrat, füllte den schmalen Rahmen anders aus als Solveig: jünger, breiter in den Schultern, in einem Lederpanzer, der oft geflickt worden war. An ihrem Gürtel hingen zwei Messer, und sie hielt die Hände so, dass sie schnell dort sein konnten.
„Sie ist wach“, stellte sie fest.
„Sie ist wach, Freydis, und sie ist schwach. Lass ihr Zeit.“
Freydis kam näher, und ihr Blick ging über Hanna hinweg wie über ein Gelände, das man auf Deckung prüft. „Sag etwas“, verlangte sie.
„Was soll ich sagen?“
„Irgendetwas.“ Die Kriegerin verschränkte die Arme. „Deine Stimme ist deine Stimme. Aber du sprichst sie anders.“
Hanna schwieg, weil jede Antwort schlechter war als keine.
„Ich brauche Luft“, sagte sie schließlich.
Draußen war Nachmittag, und das Licht war so hell, dass sie einen Moment lang die Augen schloss. Als sie sie wieder öffnete, lag das Dorf vor ihr, und Hanna hörte auf zu hoffen, dass sie träumte.
Sie zählte vierzehn Langhäuser mit Grasdächern, um einen Platz gruppiert, auf dem ein Feuer brannte. Sie sah die Rauchfahne einer Schmiede, sie sah Netze zum Trocknen, sie sah eine Frau, die einen Webstuhl bediente, mit Gewichten aus gebranntem Ton, wie sie in Vitrinen liegen. Sie sah zwei Kinder, die einen Hund über den Platz jagten, und sie sah, dass eines von ihnen zu dünn war.
Und über allem hing der Geruch: Rauch, Vieh, Fisch, nasse Wolle, und darunter der Süßgeruch von etwas, das verwest. Kein Museum hatte diesen Geruch.
„Ungewohnt?“ Freydis war ihr gefolgt.
„Sehr“, sagte Hanna wahrheitsgemäß.
„Du wirkst anders, Siv. Etwas an dir hat sich verschoben.“ Die Kriegerin sagte es ohne Wärme, aber auch ohne Drohung, wie jemand, der eine Beobachtung ablegt, um später darauf zurückzukommen. „Die Leute hier verlassen sich auf dich. Und sie sehen genau hin.“
Hanna nickte, weil ihr nichts einfiel, und ging zwei Schritte weiter zur Wand des Hauses, in den Schatten, wo niemand ihr auf die Hände sah.
Dort holte sie die Scheibe unter der groben Tunika hervor.
Sie war kühl. Sie war stumpf. Am Rand liefen neun Zeichen im Kreis, und acht von ihnen trugen ein schwaches, gleichmäßiges Licht, wie Glut unter Asche. Das neunte war grau. Nicht beschädigt, nicht ausgebrochen: leer, wie ein Fenster, hinter dem niemand mehr wohnt.
Hanna hielt die Scheibe so, dass die Sonne von der Seite darauffiel, und prüfte, ob das Licht vielleicht nur Reflexion war. Es war keine. Sie drehte die Scheibe. Das graue Zeichen blieb grau.
In der Höhle hatte sie neun gezählt, und in dem Augenblick, in dem sie das Ding berührt hatte, war eines erloschen.
Eine Reihe, hatte sie zu Jonas gesagt. Wie eine Zählung.
Sie war Archäologin. Sie war es gewohnt, aus drei Scherben ein Gefäß zu denken und die Lücke ehrlich zu markieren. Also machte sie es jetzt genauso, mit dem, was sie hatte: Ein Gebrauch, ein Zeichen. Acht Zeichen übrig. Und wenn das stimmte, dann war das Ding an ihrem Hals kein Wunder, sondern ein Vorrat.
Der Gedanke, der darauf folgte, war der erste an diesem Tag, der ihr die Luft nahm, und er hatte nichts mit Wundern zu tun.
Wenn es ein Vorrat war, dann war er endlich. Und irgendwo in diesen acht Zeichen lag der Weg zurück in einen Regennachmittag in Hamburg, zu einem Mann, der ihren Namen gerufen hatte, und zu allem, was sie gewesen war.
Hanna schob die Scheibe unter den Stoff zurück und ging über den Platz, den Rücken gerade, wie eine Frau, die weiß, wohin sie geht.
Sie wusste es nicht. Aber sie hatte eine Zahl, und mit einer Zahl konnte sie arbeiten.