Kapitel 1 — Melodien und Masken
Clara und Damian
Die ersten Sonnenstrahlen des Tages fielen durch die schmalen Fenster von Claras bescheidener Wiener Wohnung und zeichneten zarte Muster auf den abgenutzten Holzboden. Der Raum roch nach Kaffee und frischer Tinte, ein Duft, der sich mit der kühlen, klaren Luft des beginnenden Tages vermischte. Clara saß auf ihrem altmodischen Klavierhocker, die Finger auf den Tasten ihres alten, leicht verstimmten Klaviers. Die Melodie, die sie spielte, war eine Mischung aus Verzweiflung und Sehnsucht, jede Note ein Spiegel ihrer inneren Unruhe.
Sie ließ die letzte Note verklingen, während ihre Gedanken zwischen der Schönheit der Musik und der Last ihrer Sorgen wanderten. Die Rechnungen auf dem kleinen Tisch türmten sich wie ein stiller Vorwurf, während ihr Herz nach dem suchte, was ihre Seele erfüllte. Clara biss sich auf die Unterlippe und schloss die Augen, ihre Finger schwebten über den Tasten, ohne sie zu berühren. Der Klang ihres Klaviers war für sie nicht nur Musik; es war ein Zufluchtsort, der einzige Ort, an dem sie sich wirklich lebendig fühlte.
Ein Klopfen an der Tür ließ sie hochschrecken. Sie stand auf, strich sich die Schürze glatt, die sie über ihrem einfachen grauen Kleid trug, und öffnete die Tür. Elena Morettis strahlendes Lächeln und die Tüte mit frischen Croissants, die sie in der Hand hielt, brachten ein Stück Leben in die trübe Wohnung.
„Guten Morgen, mia cara!“ rief Elena mit ihrer üblichen überschäumenden Energie. Sie trat ohne Einladung ein, stellte die Tüte auf den kleinen Tisch neben Claras Notenstapel und zog ihre farbenfrohe Jacke aus. „Ich bringe dir Frühstück und Lebensfreude – beides dringend nötig, würde ich sagen.“
Clara konnte nicht anders, als zu lächeln. „Danke, Elena, aber Lebensfreude lässt sich nicht einfach so mitbringen.“
Elena hob eine Augenbraue, während sie mit einer Geste auf das Klavier zeigte. „Und doch klingt es, als würdest du versuchen, sie in die Welt zurückzuspielen. Was ist los, Clara? Du bist noch melancholischer als sonst.“
Clara seufzte und setzte sich neben ihre Freundin auf die Kante ihres kleinen Sofas. „Es ist alles... zu viel. Die Rechnungen, meine Unsicherheiten, und dann... habe ich das Gefühl, dass ich einfach stehen bleibe, während die Welt an mir vorbeizieht.“
Elena nahm ihre Hand und drückte sie fest. „Weißt du, was ich sehe, wenn ich dich anschaue? Eine unglaubliche Künstlerin, die nur daran erinnert werden muss, dass sie aus jedem Sturm eine Symphonie machen kann.“
Clara lächelte schwach, doch ihre Zweifel blieben. „Das sagst du so leicht. Aber manchmal frage ich mich, ob ich überhaupt richtig in diese Welt passe. Es ist, als würden meine Ziele und die harte Realität nicht zueinander finden.“
Elena lehnte sich zurück und verschränkte die Arme, ein Funkeln in ihren Augen. „Was ist mit diesem Wettbewerb, über den du gesprochen hast? Oder gibt es vielleicht einen anderen Weg, wie du deine Musik in die Welt bringen könntest?“ Sie hielt inne und fügte mit einem schelmischen Grinsen hinzu: „Vielleicht solltest du mal jemanden damit hypnotisieren. Ich bin sicher, du könntest mit einem einzigen Stück auch Steinherzen zum Schmelzen bringen.“
Clara lachte leise, doch bevor sie antworten konnte, ertönte das vertraute Klingeln ihres Telefons. Sie stand auf, griff nach dem Gerät und sah auf das Display. Eine unbekannte Nummer. Sie zögerte kurz, dann nahm sie den Anruf entgegen.
„Clara Hoffmann?“ fragte eine Stimme am anderen Ende, höflich und mit einem leichten Akzent, den sie nicht ganz einordnen konnte.
„Ja, am Apparat“, antwortete sie vorsichtig.
„Mein Name ist Lars Grünewald. Ich vertrete eine Agentur, die auf der Suche nach einem besonderen Talent für ein exklusives Konzert ist. Ihr Name wurde mir von einer vertrauenswürdigen Quelle empfohlen.“
Claras Herz begann schneller zu schlagen. Sie tauschte einen überraschten Blick mit Elena, die neugierig lauschte. „Ein Konzert? Was genau meinen Sie?“
„Es handelt sich um eine einmalige Gelegenheit in einem sehr exklusiven Rahmen. Der Veranstaltungsort ist außergewöhnlich, und die Gäste sind... anspruchsvoll. Ihre Musik hat das Potenzial, sie zu berühren. Ich werde Ihnen die Details in Kürze zusenden. Aber ich kann Ihnen bereits jetzt versichern, dass dies kein gewöhnliches Engagement ist.“
Clara fühlte, wie Zweifel und Hoffnung in ihr kollidierten. „Ich... ich werde darüber nachdenken. Können Sie mir die Details per E-Mail zusenden?“
„Natürlich.“ Der Anrufer legte auf, und Clara ließ das Telefon sinken.
„Was war das?“ fragte Elena und stützte ihr Kinn auf die Hand.
„Ich bin mir nicht sicher“, antwortete Clara leise. „Aber vielleicht... vielleicht ist es genau das, was ich brauche.“
###
Hoch über den funkelnden Lichtern Zürichs, in einem Penthouse, das so perfekt wie ein Kunstwerk wirkte, stand Damian von Lichtenberg vor einer hohen Fensterfront. Die Welt unter ihm wirkte klein, fast trivial, und dennoch empfand er keine Freude an der Aussicht.
Ein Glas Rotwein in der Hand, betrachtete er sein eigenes Spiegelbild im Fenster. Der maßgeschneiderte Anzug, das makellose Haar, die Haltung – all das war eine Maske, die er wie eine zweite Haut trug. Die eisblauen Augen, die ihm oft Bewunderung oder Furcht einbrachten, sahen nun nur Leere zurück. Hinter ihm hallte gedämpftes Lachen und das Klirren von Gläsern aus dem Salon. Seine Gäste, einflussreiche Persönlichkeiten aus Wirtschaft und Politik, unterhielten sich angeregt. Doch Damian fühlte sich wie ein Geist, der durch die Szenerie driftete.
„Sie scheinen heute Abend besonders abwesend zu sein“, bemerkte eine kühle Stimme hinter ihm. Es war Claire, seine langjährige Assistentin, die unauffällig neben ihn trat.
„Abwesend?“ Damian hob eine Augenbraue, ohne sich umzudrehen.
„Sie hören nicht zu. Und Sie tun so, als wären Sie nicht gelangweilt von diesen Leuten. Außergewöhnlich überzeugend, aber ich kenne Sie besser.“
Er drehte sich zu ihr um, ein Hauch von Ironie in seinem Lächeln. „Vielleicht tue ich das, weil sie vorhersehbar sind. Jeder in diesem Raum hat eine Agenda. Und sie alle wollen, dass ich Teil davon werde.“
Claire zuckte mit den Schultern. „Das ist die Natur Ihrer Welt, Damian. Aber manchmal frage ich mich, ob Sie nicht länger Teil ihrer Agenda sind, sondern sie Ihrer. Warum also diese Unzufriedenheit?“
Damian trank einen Schluck und antwortete nicht sofort. Schließlich legte er das Glas ab und sagte: „Vielleicht, weil alles kontrolliert ist. Perfekt. Und Perfektion ist... langweilig. Es gibt keine Überraschungen mehr.“
Claire lächelte leicht. „Dann ist es vielleicht an der Zeit, etwas zu finden, das Sie herausfordert.“
„Oder jemanden“, murmelte er und ließ die Worte in der Luft hängen.
Die Gespräche im Hintergrund ebbten ab, und Damian richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf die glänzende Stadt. Ein Plan begann sich in ihm zu formen. Unklar, aber voller Versprechen.
„Sorgen Sie dafür, dass das Talent für das Event im Resort wirklich besonders ist“, sagte er plötzlich.
Claire nickte, ohne nachzufragen. „Wie Sie wünschen.“
Damian wandte sich wieder dem Fenster zu. Er hatte genug von dieser leeren Perfektion. Vielleicht war es Zeit, die Dinge durcheinanderzubringen.
###
Die Nacht senkte sich über Wien, und Clara saß erneut vor ihrem Klavier. Die Notizen und Skizzen für das unbekannte Konzertangebot lagen neben ihr, doch ihre Gedanken waren woanders. Sie schloss die Augen, legte ihre Finger auf die Tasten und ließ die Melodie fließen.
Es war ein Stück, das von Unsicherheit, aber auch von Hoffnung sprach. Die Töne hallten durch die winzige Wohnung, und für einen Moment fühlte Clara, dass Musik ihre einzige Konstante war.
In einem anderen Teil der Welt, in einem Raum voller Luxus und Macht, saß Damian in einem ledernen Sessel, ein Glas Whiskey in der Hand, während er sich durch eine Liste von Namen arbeitete. Ein Name erregte seine Aufmerksamkeit, und er runzelte die Stirn.
„Clara Hoffmann“, murmelte er. Der Klang ihres Namens fühlte sich seltsam vertraut an.
Er schüttelte den Gedanken ab, doch eine Spur von Neugier blieb. Zwei Welten, so unterschiedlich wie Tag und Nacht, standen kurz davor, aufeinanderzuprallen.