Kapitel 1 — Gefahr im Code
Hannah
Hannah Berger lehnte sich in ihrem abgenutzten Bürostuhl zurück und rieb sich die müden Augen. Die Kaffeemaschine in der kleinen Küche hatte längst aufgehört zu summen, und die einzige Geräuschkulisse, die noch blieb, war das leise Tippen ihrer Finger auf der Tastatur und das monotone Summen des Lüfters ihres Laptops. Es war spät – viel später, als sie geplant hatte, doch der Job war alles andere als einfach.
Die Sicherheitslücke, die sie in den letzten Stunden analysierte, war wie ein kompliziertes Puzzle. Die Datenstrukturen waren verschachtelt, und jede Ebene, die sie durchbrach, schien nur neue Fragen aufzuwerfen. Es war, als hätte jemand absichtlich eine Barriere aus Verborgenem geschaffen – eine Art digitaler Irrgarten, der für jeden außer den Eingeweihten unüberwindbar war. Ihr Apartment war in das sanfte, blaue Licht ihres Bildschirms getaucht, das die Schatten der Bücherstapel und technischen Geräte in die Wände warf. Auf dem Tisch standen ein leerer Kaffeebecher und eine Packung Kekse, die sie fast unbeachtet zur Seite geschoben hatte.
Hannah atmete tief durch und konzentrierte sich erneut auf den Code. In ihrer Welt war dies Routine – das Aufspüren von Schwächen in komplexen Systemen, bevor jemand anderes sie ausnutzen konnte. Doch irgendetwas an diesem Fall fühlte sich anders an. Es war nicht nur die Komplexität der Verschlüsselung oder die schiere Menge an Daten, die sie durchgehen musste. Es war das Gefühl, dass hinter diesen Zahlen und Befehlen etwas Größeres lauerte, etwas, das sie nur vage erahnen konnte.
Nachdem sie ein weiteres Hindernis durchbrochen hatte, stieß sie auf eine Datei, die nicht zu den übrigen passte. Sie war ungewöhnlich gut gesichert, selbst nach den Standards des Unternehmens, für das sie arbeitete. Ihr Instinkt sagte ihr sofort, dass dies eine Art von Daten waren, die für die Augen der meisten Menschen – insbesondere für ihre – unsichtbar bleiben sollten.
"Hm", murmelte sie zu sich selbst, während sie den Namen der Datei betrachtete. Er bestand nur aus einem kryptischen Code: "Sigma_01". Sie biss sich auf die Unterlippe, unsicher, ob sie weitermachen sollte. Kurzzeitig spielte sie mit dem Gedanken, die Datei unberührt zu lassen. Dieser Job war gut bezahlt, und es war keine kluge Idee, neugieriger zu sein, als es nötig war. Doch die Versuchung war zu groß.
Mit ein paar schnellen Befehlen begann sie, die Verschlüsselung zu knacken, und ihre Finger flogen fast mechanisch über die Tastatur. Die Spannung kroch ihr den Rücken hinauf, als sie sah, wie die Barrieren nacheinander fielen. Es war eine Herausforderung, keine Frage, aber eine, die sie mit einer Mischung aus Nervosität und Genugtuung meisterte.
Als die Datei schließlich geöffnet war, hielt sie regelrecht den Atem an. Ihr Bildschirm füllte sich mit Dokumenten, Diagrammen und Tabellen, deren Inhalt sie sofort frösteln ließ. Es waren keine normalen Unternehmensdaten. Es waren Aufzeichnungen über dubiose Finanztransaktionen, Bestechungszahlungen und Hinweise auf Projekte, die eindeutig illegal waren. Doch das Schlimmste war, dass einige der Dokumente direkt auf die höchsten Ebenen des Konzerns verwiesen – Namen, die weltweiten Einfluss hatten.
Hannahs Herz setzte einen Schlag aus, bevor es mit doppelter Geschwindigkeit weiterschlug. Sie wusste, was sie sah, und sie wusste auch, dass sie sich in Gefahr brachte, indem sie es ansah. Doch anstatt den Laptop sofort zuzuklappen, griff sie nach einem verschlüsselten USB-Stick, der neben ihrer Tastatur lag. Mit zitternden Fingern kopierte sie die Datei auf den Stick, während sie sich selbst immer wieder einredete, dass dies nur eine Sicherheitsvorkehrung war. Niemand würde je erfahren, dass sie die Datei gesehen hatte – oder zumindest hoffte sie das.
Als der Transfer abgeschlossen war, lehnte sie sich zurück und starrte auf den Bildschirm. Ihr Kopf war ein Chaos. Sie konnte die Konsequenzen dieser Entdeckung kaum begreifen. Sollte sie die Informationen an die Behörden weitergeben? Aber wem konnte sie vertrauen, wenn diese Machenschaften möglicherweise in die höchsten Ebenen reichten?
Plötzlich ertönte ein kaum hörbares Piepen im Hintergrund. Ihr Blick flog zum unteren Bildschirmrand, wo eine Warnmeldung aufleuchtete: "Unbefugter Zugriff erkannt. Sicherheitsprotokoll aktiviert."
Hannahs Puls raste. Schock kroch in ihre Glieder, gefolgt von einem Adrenalinstoß. "Verdammt!" Sie wusste, was das bedeutete. Irgendjemand, irgendwo, war jetzt darauf aufmerksam gemacht worden, dass jemand in das System eingedrungen war – und dieser Jemand war sie.
Hastig zog sie den USB-Stick aus dem Laptop und verschwand in der kleinen Ecke ihres Apartments, in der sie ein improvisiertes Versteck für sensible Gegenstände hatte. Sie versteckte den Stick unter einer losen Diele im Fußboden und zog dann ihr Handy hervor. Mit wenigen Klicks aktivierte sie eine VPN-Verbindung und begann, ihre digitalen Spuren zu verwischen. Sie wusste, dass es nicht lange dauern würde, bis jemand versuchen würde, sie ausfindig zu machen. Sie musste schneller sein.
Während sie ihre letzten Schritte ausführte, kämpfte sie mit der aufsteigenden Panik. Bilder schossen durch ihren Kopf – Geschichten, die sie über Whistleblower und Hacker gehört hatte, die ähnliche Entdeckungen gemacht hatten. Die meisten dieser Geschichten endeten nicht gut. Der Gedanke an Konsequenzen – an Verfolgung, an die Möglichkeit, dass sie nie wieder sicher sein würde – drohte sie zu lähmen. Doch sie zwang sich, ruhig zu bleiben. Panik würde ihr jetzt nicht helfen.
Nach einigen Minuten war sie überzeugt, dass sie zumindest ihre digitalen Spuren verwischt hatte. Sie lehnte sich zurück, starrte auf ihren Laptop und ließ ihre Gedanken auf das zurückspringen, was sie gerade gesehen hatte. Eines war klar: Das war größer, als sie sich je hätte vorstellen können.
Währenddessen, in einer anderen Ecke der Stadt, flackerte ein Bildschirm im Kontrollraum des Falkenstein Towers auf. Leonard von Falkenstein, der in seinem privaten Büro saß und einen Bericht studierte, hob den Kopf, als sein Sicherheitsexperte hereinstürmte.
"Sir, wir haben einen Sicherheitsverstoß", sagte der Mann, ohne lange zu zögern.
Leonards eisblaue Augen verengten sich, und seine Lippen verzogen sich zu einer dünnen Linie. "Wo?"
"Jemand hat versucht, eine gesicherte Datei zu öffnen. Der Zugriff wurde von einem externen Standort aus ausgeführt, aber wir konnten ihn bis zu einer Wohnadresse zurückverfolgen."
Leonard legte das Dokument, das er gerade gelesen hatte, zur Seite und stand auf. Sein maßgeschneiderter Anzug saß wie angegossen, und seine Bewegungen waren ruhig und kontrolliert. Doch in seinen Augen begann ein gefährliches Feuer zu lodern.
"Zeigen Sie mir die Protokolle", sagte er mit kühler Stimme.
Der Mann überreichte ihm ein Tablet, und Leonard überflog die Daten mit einem scharfen Blick. Trotz der Versuche, die Spuren zu verwischen, gab es genug Hinweise, um eine grobe Vorstellung davon zu bekommen, wer der Angreifer war.
"Interessant", murmelte Leonard, während er die Einträge betrachtete. Es war Jahre her, seit jemand es gewagt hatte, in sein System einzudringen – geschweige denn, so erfolgreich.
Er gab das Tablet zurück und setzte sich wieder an seinen Schreibtisch. Seine Finger trommelten nachdenklich auf die glänzende Holzoberfläche, während er aus dem Fenster sah. "Finden Sie sie", sagte er schließlich, seine Stimme messerscharf. "Ich will wissen, wer es war, und ich will es schnell wissen."
Der Sicherheitsexperte nickte und verschwand. Leonard lehnte sich in seinem Stuhl zurück und starrte nachdenklich aus dem riesigen Fenster, das ihm einen atemberaubenden Blick auf die nächtliche Stadt bot.
Er hatte viele Gegner in der Vergangenheit gehabt, doch irgendetwas an diesem Eindringling ließ ihn interessiert aufhorchen. Es war nicht nur die Geschicklichkeit, mit der sie – oder er – die Sicherheitsprotokolle umgangen hatte. Es war die Tatsache, dass jemand mutig genug war, es überhaupt zu versuchen.
Während die Stadt draußen in das Graublau der Nacht gehüllt lag, formte sich ein Gedanke in seinem Kopf: Dies war kein Zufall. Es war der Beginn eines Spiels – eines Spiels, das er nicht zu verlieren gedachte.
Zur gleichen Zeit saß Hannah immer noch in ihrem Apartment, das Herz schwer von der Last dessen, was sie entdeckt hatte. Sie wusste noch nicht, dass sie gerade einen Mann herausgefordert hatte, der es gewohnt war, immer die Oberhand zu behalten. Und dass er sie bereits im Visier hatte.