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Liebesromane an einem Ort

Kapitel 1Eine unerwünschte Last


Matteo Richter

Der Regen prasselt unablässig auf das Dach des kleinen Garagengebäudes, in dem Matteo Richter sich gerade die Hände an einem ölverschmierten Lappen abtrocknet. Sein Atem bildet kleine Wölkchen in der kühlen Herbstluft, und er wirft einen kurzen Blick auf die alte Wanduhr über der Werkbank. Es ist kurz nach fünf, und langsam wird es Zeit, den Tag zu beenden. Die Werkstatt ist sein Zufluchtsort – eine kleine, chaotische Welt aus Ersatzteilen und Werkzeugen, in der er die Kontrolle hat. Hier zählt nur die Mechanik, der Klang eines Motors, der wieder anspringt – nicht die Vergangenheit, die er hinter sich gelassen hat.

Er hat gerade die Motorhaube eines alten BMW heruntergeklappt, als sein Handy auf der Werkbank vibriert. Matteo zögert, seine Finger verharren über dem Display. Das Gerät – ein günstiges Modell mit gesprungenem Glas – wirkt fehl am Platz zwischen den präzise angeordneten Schraubenschlüsseln und Zündkerzen. Als er die unbekannte Nummer sieht, runzelt er die Stirn und überlegt, den Anruf zu ignorieren. Doch irgendetwas hält ihn davon ab. Ein nagendes Gefühl, das er nicht benennen kann.

„Richter“, sagt er knapp und lehnt sich an die Werkbank, den öligen Lappen immer noch in der Hand. Sein Blick bleibt an einem verrosteten Bolzen hängen, als wolle er sich an etwas Greifbarem festhalten.

„Herr Richter, guten Abend. Mein Name ist Dr. Bergmann. Ich bin Anwalt des Kanzleibüros Stein Bergmann. Es geht um eine Angelegenheit von großer Dringlichkeit. Könnte ich Sie bitten, morgen früh um neun in unser Büro zu kommen?“

Matteo zieht die Augenbrauen zusammen. Die Stimme am anderen Ende der Leitung ist glatt, fast klinisch, und dennoch liegt etwas in ihrem Tonfall, das seine Aufmerksamkeit fesselt. „Worum geht es?“

„Es handelt sich um das Erbe Ihres Vaters“, erklärt Bergmann, seine Worte präzise wie das Klicken eines Zahlenschlosses.

Matteo erstarrt. Das Wort „Vater“ hinterlässt einen bitteren Nachgeschmack, als hätte jemand rostige Nägel in seinen Kaffee gemischt. Er starrt auf die vernarbte Oberfläche der Werkbank. „Ich habe keinen Vater“, erwidert er scharf. „Da muss ein Irrtum vorliegen.“

„Es gibt keinen Irrtum, Herr Richter“, sagt Bergmann mit einer Ruhe, die Matteo auf die Nerven geht. „Ich möchte Sie dringend bitten, den Termin wahrzunehmen. Es geht hierbei um Angelegenheiten, die Sie nicht ignorieren sollten.“

Die Kiefer fest zusammengepresst, lässt Matteo seine Finger über den rauen Holzrand der Werkbank gleiten. „Ich habe morgen zu tun“, sagt er schließlich.

„Das verstehen wir. Aber ich denke, es wäre in Ihrem besten Interesse, zu kommen. Ich werde alles Weitere erklären. Die Adresse sende ich Ihnen per SMS.“

Das Gespräch endet abrupt, bevor Matteo eine Antwort findet. Er steht da, das Telefon in der Hand, während das Summen des Anrufendes in der Stille der Werkstatt verhallt. Ärger brodelt in ihm auf, dicht gefolgt von einer Welle unangenehmer Erinnerungen, die er mühsam tief in seinem Inneren begraben hatte. Ein Anruf – und plötzlich scheint dieser Deckel lose zu sitzen.

Er wirft das Handy auf die Werkbank und schüttelt den Kopf. Ein Teil von ihm will die Tür abschließen, die Motorhaube wieder hochklappen und die Hände schmutzig machen, bis nichts mehr von diesem Gespräch in seinem Kopf hallt. Doch die Worte des Anwalts bleiben wie ein Stachel unter der Haut. „Das Erbe Ihres Vaters.“ Was für ein makaberer Witz.

***

Der Regen hat aufgehört, doch die Wolken hängen schwer am Himmel, als Matteo am nächsten Morgen vor dem Gebäude der Kanzlei Stein Bergmann steht. Der Wind fegt durch die Straßen und zerrt an seiner Lederjacke, doch Matteo bleibt regungslos. Die glänzenden Glastüren vor ihm wirken wie ein Tor zu einer gänzlich anderen Welt – eine, die er nie betreten wollte. Ein kalter Knoten formt sich in seinem Magen.

Drinnen empfängt ihn eine elegante Empfangsdame, die ihn ohne Umschweife in einen Konferenzraum führt. Matteo merkt, wie die Blicke einiger Angestellter auf ihm ruhen, während er durch die sterile, makellos glänzende Halle läuft. Er senkt den Kopf und versucht, den Eindruck zu ignorieren, dass er wie ein Außenseiter wirkt – ein Fremder, der hier nichts verloren hat.

Der Konferenzraum ist kühl und steril, beherrscht von einem massiven Glasfenster, das die Skyline der Stadt in all ihrer anonymen Perfektion präsentiert. Matteo nimmt Platz, doch die Stühle sind unbequem. Alles hier fühlt sich falsch an. Als die Tür schließlich aufgeht, betritt ein hagerer Mann in einem makellosen Anzug den Raum. Seine silberne Brille glitzert im Licht, und seine Bewegungen sind so präzise wie die eines Chirurgen.

„Herr Richter, ich bin Dr. Bergmann. Vielen Dank, dass Sie gekommen sind.“ Der Anwalt streckt die Hand aus, doch Matteo reagiert nur zögerlich. Es ist, als wolle er vermeiden, sich mit diesem Mann oder diesem Raum zu verbinden.

„Kommen wir gleich zur Sache“, sagt Matteo und verschränkt die Arme vor der Brust. Er hört das Summen der Klimaanlage und spürt, wie die Spannung in seinen Schultern zunimmt. „Was wollen Sie von mir?“

Bergmann legt eine lederne Aktenmappe auf den Tisch, öffnet sie mit ruhigen Bewegungen und zieht einen Stapel Dokumente hervor. „Wie ich gestern erwähnte, geht es um das Erbe Ihres Vaters, Herrn Karl Richter.“

Matteos Atem stockt. Der Name ist wie ein Messer, das alte Narben aufreißt. Er lehnt sich zurück, seine Augen verengt. „Und was genau soll er mir hinterlassen haben?“

„Alles“, sagt Bergmann schlicht. „Herr Richter war der alleinige Eigentümer eines der größten privat geführten Konzerne des Landes. Er hat testamentarisch verfügt, dass Sie, sein einziger Sohn, die vollständige Kontrolle über das Unternehmen übernehmen.“

Die Worte hallen in Matteos Kopf wider, als hätte Bergmann sie in Stein gemeißelt. „Das muss ein Scherz sein“, stößt er schließlich hervor.

„Keineswegs.“ Der Anwalt schiebt ihm ein Dokument über den Tisch. „Das Vermächtnis Ihres Vaters umfasst nicht nur das Unternehmen, sondern auch beträchtliche persönliche Vermögenswerte.“

„Ich will nichts von ihm“, unterbricht Matteo scharf. „Der Mann hat uns sitzen lassen, als ich fünf war. Er hat sich nie darum gekümmert, ob wir genug zu essen hatten oder wie meine Mutter die Miete bezahlt hat. Ich brauche nichts von ihm.“

Bergmanns Gesicht bleibt regungslos – eine Maske professioneller Neutralität. „Ich verstehe Ihre Gefühle, Herr Richter. Aber es gibt rechtliche Rahmenbedingungen. Ihr Vater hat in seinem Testament verfügt, dass Sie sich ein Jahr lang als CEO bewähren müssen, bevor Sie das Unternehmen verkaufen oder anderweitig veräußern können. Sollten Sie ablehnen, wird das gesamte Erbe an gemeinnützige Organisationen gehen.“

Matteo lacht bitter auf, doch es ist ein hohler Klang. „Perfekt. Spenden Sie alles. Ich habe kein Interesse.“

„Ich fürchte, so einfach ist es nicht.“ Bergmann faltet die Hände und lehnt sich vor. Sein Ton wird einen Hauch eindringlicher. „Das Testament ist bindend. Sollten Sie ablehnen, könnten rechtliche Konsequenzen für Sie entstehen. Ihr Vater hat dies mit äußerster Präzision abgesichert.“

Matteo schüttelt den Kopf. „Warum sollte ich mich für eine Welt interessieren, die ich verabscheue?“ Seine Stimme klingt schärfer, als er beabsichtigt.

„Vielleicht, weil es eine Chance ist“, sagt Bergmann ruhig. „Eine Chance, Ihre eigene Zukunft zu gestalten. Ihr Vater mag Ihnen vieles genommen haben, aber er hat Ihnen auch diese Verantwortung übertragen. Wie Sie sie nutzen, liegt bei Ihnen.“

Matteo senkt den Blick auf das Dokument vor ihm. Die Buchstaben verschwimmen, doch keine seiner Gedanken fliehen vor der Bedeutung. Ein Jahr. Ein Jahr in der Welt seines Vaters. Ein Jahr mit Krawatten, Sitzungen und vielleicht – nein, er darf das nicht denken – Antworten.

„Ein Jahr“, murmelt er schließlich. „Und dann kann ich alles verkaufen?“

„Korrekt“, bestätigt Bergmann.

Matteo nimmt die Mappe und drückt sie an sich, seine Hände zittern leicht, doch er verbirgt es. „Ich brauche Zeit, um das zu durchdenken.“

„Natürlich.“ Bergmann streckt die Hand aus, doch Matteo ignoriert sie und verlässt den Raum. Als er durch die Straßen läuft, spürt er weder die Regentropfen noch den kalten Wind. Er spürt nur den Stachel dieser Entscheidung, die sich wie ein Riss in seinem bisherigen Leben ausbreitet.