Kapitel 1 — Durch den Nebel nach Schattenfels
Lea Weigelt
Lea zog den schlichten, cremefarbenen Wollmantel enger um ihre Schultern, während sie durch die feuchte, graue Dämmerung fuhr. Der Schwarzwald breitete sich vor ihr aus wie ein endloses Meer aus Schatten und Nebeln, das die letzten Spuren der Zivilisation verschluckte. Die schmale Straße war gesäumt von Bäumen, deren kahles Geäst wie Finger zum Himmel griff, und der Wind, der durch die Äste heulte, klang beinahe wie ein fernes Flüstern. Die alte Karte auf dem Beifahrersitz war ihr einziger Halt in diesem Labyrinth aus Kurven und Abgründen. Ihr Handy hatte schon vor Stunden den Dienst verweigert, und sie konnte nur hoffen, dass sie auf dem richtigen Weg nach Schattenfels war.
Mit einem Seitenblick musterte sie das Medaillon, das auf dem leeren Beifahrersitz lag. Die feinen Gravuren auf der Oberfläche funkelten matt im trüben Licht. Es war ein Erbstück ihrer Mutter, die sie vor sechzehn Jahren verloren hatte – eine Erinnerung, die ihre Fingerspitzen bei jeder Berührung in einer seltsamen Mischung aus Trost und Unbehagen prickeln ließ.
Ihre Gedanken glitten zurück in ihre Kindheit, als ihre Mutter abends Geschichten erzählte, während sie das Medaillon in den Händen hielt. „Der Schwarzwald hat seinen eigenen Willen, Lea“, hatte sie gesagt, ihre Stimme ein Flüstern, das fast eins wurde mit dem Knistern der Kerzenflamme. „Er bewahrt Geheimnisse, die nur jene sehen, die sie zu tragen bereit sind.“ Lea hatte damals gelacht, das Medaillon mit ihren kleinen Fingern gedreht und nach den Gravuren gefragt. Doch ihre Mutter war ausgewichen, mit einem traurigen Lächeln.
Jetzt, allein im Wagen, umringt von der erdrückenden Dunkelheit des Waldes, fühlte sie sich weniger sicher in dieser Abweisung. Einen Moment lang schien es, als würde das Medaillon leise vibrieren, doch vielleicht war das auch nur die Erschütterung des Wagens auf der unebenen Straße. Sie griff danach und schloss es fest in ihrer Faust.
Plötzlich sprang das Dorf vor ihr aus der Dunkelheit hervor. Schattenfels. Es schien direkt aus einem anderen Jahrhundert gefallen zu sein. Die Fachwerkhäuser lehnten sich dicht aneinander, ihre Dächer krumm und von Moos bewachsen, als hätten sie dem Gewicht der Zeit nachgegeben. Der Marktplatz, durch den sie fuhr, war menschenleer, und der Brunnen in der Mitte war trocken, seine steinernen Verzierungen von der Witterung ausgehöhlt. Es war später Nachmittag, aber der Nebel und die Wolkendecke ließen es wirken, als wäre es schon Nacht.
Leas wissenschaftlicher Verstand versuchte, diese Regung von Unbehagen zu verdrängen, während sie den Wagen in eine schmale Gasse lenkte. Sie hatte schon viele verlassene Orte besucht, um Artefakte und Überlieferungen zu studieren – dies war nur ein weiterer. Dennoch spürte sie, wie sich etwas Fremdes und Unausgesprochenes in ihrem Inneren regte, ein Gefühl, das sie nicht verstand und das ihr nicht gefiel.
Die Pension, in der sie übernachten würde, war ein zweistöckiges Gebäude mit abblätternder Farbe und Fensterläden, die im Wind klapperten. Als sie die alte Holztür öffnete, begrüßte sie ein muffiger Geruch, eine Mischung aus Staub und feuchtem Holz. Die Wirtin, eine ältere Frau mit schmalen Lippen und einem Blick, der mehr zu wissen schien, als sie sagte, führte Lea zu ihrem Zimmer.
„Es ist nicht viel“, sagte die Frau, ihre Stimme ein raues Flüstern, „aber es ist sicher. Bleiben Sie nach Einbruch der Dunkelheit drinnen, Fräulein Weigelt. Die Nächte hier… können tückisch sein.“
Etwas in ihrem Ton ließ Lea innehalten. „Tückisch? Was genau meinen Sie damit?“
Die Wirtin schürzte die Lippen, als wolle sie mehr sagen, hielt dann aber inne. „Nachts flüstert der Wald seine alten Geschichten – und manche hören besser nicht hin.“
Lea nickte, mehr aus Höflichkeit als aus Überzeugung. Die Warnung der Wirtin klang wie ein Relikt aus einer anderen Zeit, ein Überbleibsel der unaufgeklärten Ängste, die diese Region wohl noch immer prägten.
Das Zimmer war klein, aber ordentlich. Die Fenster waren mit schweren Vorhängen verhängt, und ein einfacher Holztisch mit einem Stuhl stand in einer Ecke. Neben dem Bett lag ein altes, abgegriffenes Buch mit einem Titel, der kaum noch lesbar war. Lea nahm es in die Hand und blätterte durch die vergilbten Seiten. Die Sprache war altdeutsch, und die Zeichnungen zeigten Szenen von Wäldern, Symbolen und seltsamen Ritualen. Sie stellte das Buch zurück und legte das Medaillon vorsichtig auf den Nachttisch. Es schien, als würde es die Dunkelheit des Raumes absorbieren.
Nach einem schnellen Abendessen, das aus einer dicken Scheibe Brot und Käse bestand, entschied sie sich, das Dorf zu erkunden, bevor es ganz dunkel wurde. Die Straßen waren still, das einzige Geräusch kam von ihren eigenen Schritten auf den Pflastersteinen. Die wenigen Dorfbewohner, die sie sah, warfen ihr misstrauische Blicke zu und beeilten sich, sie zu ignorieren.
Sie hielt an einem alten Schaukasten am Rande des Marktplatzes, in dem verblasste Ankündigungen und handgeschriebene Notizen hingen. Eine davon, mit dicken schwarzen Lettern geschrieben, zog ihre Aufmerksamkeit auf sich: „Die Schatten sind näher, als Ihr glaubt. Bleibt wachsam.“
Lea spürte, wie sich ein kalter Schauer über ihren Rücken zog. Sie schüttelte den Kopf und trat zurück. Es war nur eine lokale Eigenheit, versuchte sie sich einzureden – eine Tradition, die ihre Wurzeln in Aberglauben oder vielleicht einer alten Legende hatte.
Als sie weiterging, bemerkte sie, dass die Straßen immer dunkler wurden, obwohl es noch nicht spät am Abend war. Der Nebel schien dichter zu werden, und das Gefühl, beobachtet zu werden, kehrte zurück, diesmal stärker. Lea drehte sich um, doch hinter ihr war nichts als Leere.
Ein älterer Mann, der an einer Hausecke stand, trat auf sie zu. Seine Augen waren trüb, doch seine Stimme war klar und scharf. „Sie sollten nicht hier sein, Fremde“, sagte er, ohne ein Lächeln. „Schattenfels hat seine eigenen Regeln, und die Nacht gehorcht keinen Fremden. Gehen Sie zurück, bevor es zu spät ist.“
„Ich bin nur eine Forscherin“, erwiderte Lea, bemüht, ruhig zu bleiben. „Ich bin hier, um Gravuren und Legenden zu studieren.“
Er lachte leise, ein trockener, kehliger Laut. „Legenden, ja. Aber die Gravuren lügen nicht, Fräulein. Und die Schatten… die sehen alles.“
Sein Blick wanderte kurz zu ihrem Medaillon, das unter ihrem Mantel verborgen war, doch seine Augen schienen es dennoch zu erkennen. „Sehen Sie zu, dass Sie die Wahrheit nicht zu tief suchen. Manche Antworten sind es nicht wert, gefunden zu werden.“
Bevor sie etwas sagen konnte, verschwand der alte Mann wieder in den Schatten, als wäre er ein Teil des Nebels. Lea spürte, wie ihr Herz schneller schlug. Ihre rationale Seite sagte ihr, dass es nichts war – nur ein alter Mann und ein Dorf voller Aberglaube. Doch ein anderer Teil, tief in ihrem Inneren, fühlte sich seltsam aufgewühlt.
Als sie endlich in ihr Zimmer zurückkehrte, fühlte sich die Luft schwer und drückend an. Das Medaillon auf dem Nachttisch schien sich verändert zu haben, obwohl sie nicht sagen konnte, wie. Ein schwaches, kühles Leuchten umspielte kurz seine Kanten, bevor es wieder verblasste. Sie schloss die Vorhänge, legte sich ins Bett und versuchte zu lesen, doch ihre Gedanken wanderten immer wieder zurück zu den Worten des Mannes auf der Straße.
Die Schatten sind näher, als Ihr glaubt.
Draußen begann der Wind zu heulen, und der Nebel legte sich wie eine lebendige Wand um die Pension. Irgendwo in der Ferne heulte ein Wolf. Lea starrte an die Decke und hielt das Medaillon fest in ihrer Hand, während der Schlaf sie langsam übermannte. Ein Gedanke blieb in ihrem Bewusstsein hängen, bevor die Dunkelheit sie umhüllte: Was, wenn es keine Märchen waren?