Kapitel 1 — Das erwachende Licht
Liv Sommer
Der Himmel über dem Schwarzwald war von einem bleigrauen Schleier verhangen, als Liv Sommer ihren Wagen am Rand eines schmalen, von Bäumen gesäumten Weges parkte. Die Luft war dicht, durchdrungen von dem erdigen Geruch des Waldes, und der Nebel schien sich wie eine sanfte, bedrohliche Decke über die Landschaft zu legen. Vor ihr erhob sich die Kapelle, ein halb verfallenes Relikt vergangener Zeiten. Ihre steinernen Mauern waren gezeichnet von Moos und Rissen, und die einst prächtigen Buntglasfenster waren entweder zerbrochen oder blind vor Staub und Schmutz. Sie wirkte wie etwas, das die Zeit vergessen hatte. Und doch hatte etwas an diesem Ort Liv nicht losgelassen, seit sie den Auftrag zur Restauration angenommen hatte.
Ihre Kollegen hatten sie gewarnt. „Das wird ein Albtraum, Sommer“, hatte Sebastian mit einem Kopfschütteln gesagt, als sie die ersten Entwürfe besprochen hatten. „Keiner weiß, warum die Kapelle überhaupt gebaut wurde. Es gibt keine verlässlichen Aufzeichnungen – nur Märchen über Hexen und Geister.“ Doch Liv hatte darauf bestanden. Vielleicht war es ihre unermüdliche Neugier, vielleicht aber auch etwas Tieferes. Der Gedanke, dass etwas so Altes und Vergessenes wieder ans Licht gebracht werden könnte, entzündete in ihr ein Feuer, das sie nicht ignorieren konnte.
Mit einer Hand strich sie über die Schulter ihres Wollmantels, spürte die vertraute Erhöhung ihres Halbmond-Muttermals unter dem Stoff, bevor sie ihre Tasche griff und sich der Kapelle näherte. Ihre Schritte hallten auf dem schmalen, mit Steinen gesäumten Pfad wider, während sie die Umgebung musterte. Selbst hier, inmitten der Stille des Waldes, schien etwas an diesem Ort lebendig zu sein. Die alten Bäume, deren Äste wie knorrige Finger in den Himmel ragten, wogten leicht im Wind, als würden sie einander Geheimnisse zuflüstern.
Die hölzerne Tür der Kapelle war schwer und knarrte protestierend, als Liv sie mit einem kräftigen Stoß öffnete. Ein Schwall kühler Luft, durchtränkt von dem Geruch von feuchtem Stein und modrigem Holz, empfing sie. Sie trat ein, die Dunkelheit um sie herum schien sie augenblicklich zu umarmen. Ihre Taschenlampe tauchte den Innenraum in kaltes, künstliches Licht und offenbarte den Zustand des einst heiligen Ortes. Zerbrochene Kirchenbänke waren zu einem chaotischen Haufen verrottenden Holzes zusammengestürzt, und die verbliebenen Fresken an den Wänden waren von der Zeit und der Feuchtigkeit fast unkenntlich gemacht worden.
„Na super“, murmelte Liv trocken, während sie ihre Ausrüstung abstellte. Doch trotz der offensichtlichen Vernachlässigung strahlte die Kapelle eine seltsame, unerklärliche Anziehungskraft aus, die sie nicht ignorieren konnte. Sie konnte nicht genau sagen, was es war, aber es fühlte sich an, als würde der Ort auf sie warten.
Während sie sich an die Arbeit machte, begann die Welt um sie herum zu verblassen. Liv war in ihrem Element, ihre Finger glitten über die verblassten Muster an den Wänden, ihre Augen nahmen jedes Detail auf. Risse, Absplitterungen, selbst das Spiel des Lichts auf dem Stein – alles wurde in ihrem Gedächtnis gespeichert. Sie hatte die Angewohnheit, bei ihrer Arbeit zu summen, ohne es wirklich zu bemerken, und so hallte eine leise Melodie durch die leeren Hallen der Kapelle.
Ihre Gedanken wanderten während der Arbeit. Warum hatte sie das Projekt wirklich angenommen? War es nur die Herausforderung? Oder war es etwas anderes? Vielleicht lag es daran, dass dieser Ort sie an etwas erinnerte. Etwas, das sie nicht genau benennen konnte, aber tief in ihr verborgen lag. Ihre Mutter hatte ihr immer gesagt, dass alte Orte eine Seele hätten. „Man spürt sie in den Wänden, Liv. Die Geschichten, die sie erzählen könnten, wenn man nur hinhört.“ Vielleicht war es das, was sie hierher gezogen hatte – das leise Flüstern einer Geschichte, die darauf wartete, entdeckt zu werden.
Nach Stunden des Schabens, Bürstens und Dokumentierens musste Liv innehalten. Ihre Hände zitterten vor Anstrengung, und ihr Rücken schmerzte vom langen Bücken. Sie lehnte sich gegen eine der wenigen intakten Wände und betrachtete ihre Fortschritte. Ein Teil eines Freskos war nun sichtbar – eine Szene, die einen Wald zeigte, in dessen Mitte ein leuchtender Halbmond schwebte. Es war seltsam detailliert und gut erhalten im Vergleich zu den anderen Teilen des Wandbildes. Ihre Augen wanderten über die geschwungenen Linien des Mondes, bis sie plötzlich inne hielt.
Ein Gefühl durchzog sie – nicht direkt Angst, eher eine Art elektrisierende Unruhe. Ihr Muttermal begann zu prickeln, ein sanftes, kaum merkliches Ziehen, als ob etwas in ihr erwachte. Sie zog instinktiv ihre Jacke aus und griff nach ihrem Pulli, um die Schulter freizulegen. Da war es – das vertraute Halbmond-Muttermal, das sie ihr Leben lang begleitet hatte. Doch jetzt schien es… anders. War es eine Täuschung des Lichtes? Nein, sie hätte schwören können, dass es für einen Moment leicht geglüht hatte. Ihre Finger berührten die markierte Haut, und ein Schauer lief ihr über den Rücken.
„Was zum Teufel...?“ Ihre Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. Sie starrte auf das Muttermal, ihre Gedanken rasten. War das echt? Oder spielte ihr Verstand ihr einen Streich? Sie zwang sich, tief einzuatmen, und richtete ihre Aufmerksamkeit wieder auf das Fresko. Doch das Gefühl blieb bestehen, ein leises Flüstern, das sie nicht abschütteln konnte.
Ihre Neugier entfachte sich erneut, und so begutachtete sie den entdeckten Abschnitt genauer. Ihre Finger fuhren vorsichtig über die Oberfläche, und plötzlich trafen sie auf eine Unebenheit im Stein. Ein Riss? Nein, es fühlte sich eher wie eine Gravur an. Sie holte ein kleines Pinselchen aus ihrer Tasche und begann, den Bereich freizulegen, wobei sie die Staubpartikel wegpustete. Nach und nach offenbarte sich ein Symbol – ein Halbmond, der von filigranen Linien umgeben war, die wie Strahlen ausgingen. Es war, als hätte jemand das Abbild ihres Muttermals exakt in den Stein gemeißelt.
Die Welt um sie herum geriet ins Wanken. Livs Atmung beschleunigte sich, und ihr Herz schlug wie ein Trommelwirbel. Das konnte kein Zufall sein. Sie starrte auf das Symbol, unfähig, ihren Blick abzuwenden. Gleichzeitig spürte sie eine unheimliche Präsenz, ein Gewicht in der Luft, das sie nicht benennen konnte. Es war, als würde die Kapelle selbst sie beobachten.
Ein plötzliches Geräusch ließ sie zusammenzucken. Das dumpfe Knarren eines Balkens? Oder war es etwas anderes? Sie schwang den Kopf herum, ihre Taschenlampe suchte die Dunkelheit ab, doch die Kapelle schien leer. Nur das dumpfe Dröhnen ihres eigenen Pulses begleitete sie. Trotzdem konnte sie die Gänsehaut nicht abschütteln, die über ihre Arme kroch.
Sie zwang sich, tief durchzuatmen und ihre Gedanken zu ordnen. Was auch immer hier vor sich ging, sie musste herausfinden, was es bedeutete. Liv griff nach ihrem Notizbuch und begann, das Symbol zu skizzieren, ihre Finger glitten schnell über das Papier. Die Linien des Symbols waren so präzise, so vertraut, dass sie sich fragte, wer es geschaffen hatte – und warum.
Das Licht der Taschenlampe begann zu flackern, und Livs Blick wanderte unruhig durch den Raum. Es war Zeit aufzubrechen, doch die Vorstellung, diesen Ort zu verlassen, fiel ihr schwer. Etwas hier hielt sie fest, rief sie auf eine Weise, die sie kaum zu ignorieren vermochte. Schließlich zwang sie sich, ihre Ausrüstung zusammenzupacken und in die kalte Abendluft hinauszutreten.
Die Kapelle lag still hinter ihr, doch Liv konnte den Eindruck nicht abschütteln, dass sie beobachtet wurde. Während sie den schmalen Pfad zurück zu ihrem Auto ging, nahm sie sich vor, mehr über das Symbol und die Geschichte dieses Ortes herauszufinden. Was auch immer sie hier entdeckt hatte, es fühlte sich an, als hätte ihre Suche gerade erst begonnen.