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Liebesromane an einem Ort

Kapitel 2Flüstern im Traum


Liv Sommer

Der Mond warf fahle Streifen aus silbrigem Licht durch die dünnen Vorhänge in Livs Schlafzimmer. Die Bäume draußen bewegten sich im Wind, ihre Schatten huschten über die Wände wie rastlose Geister. Ein leises Knistern hallte durch das alte Holzhaus, das sie vorübergehend gemietet hatte. Liv wälzte sich unruhig, die Decke fest um sich geschlungen, doch der Schlaf wollte ihr keine Ruhe schenken.

Ein Traum hielt sie gefangen – ein surreales Geflecht aus mächtigen Bildern, Tönen und Gefühlen, das sie wie ein Sog verschlang. Sie befand sich in einem endlosen Wald, dessen Bäume vom silbernen Schimmer eines unsichtbaren Mondes erleuchtet wurden. Die Äste der Bäume wuchsen unnatürlich, griffen nach ihr wie lebendige Finger, die sie festhalten wollten. Die Stille des Waldes war durchbrochen von einem klagenden Heulen, das sie in Mark und Bein traf.

Ihre Schritte führten sie zu einer Lichtung, die von einem intensiven, lebendigen Halbmond überstrahlt wurde – kein gewöhnlicher Mond, sondern einer, dessen Licht wie pulsierende Energie schien. Sie wollte stehen bleiben, doch eine unbekannte Kraft zog sie weiter, forderte sie, tiefer in das Herz der Lichtung zu treten.

„Liv...“ Die Stimme flüsterte ihren Namen, zart wie ein Hauch, doch von einer Dringlichkeit durchzogen, die sie frösteln ließ. Sie war gleichzeitig vertraut und fremd, ein Echo, das aus den Tiefen des Waldes zu kommen schien. Liv öffnete den Mund, um zu antworten, doch keine Worte kamen über ihre Lippen. Stattdessen spürte sie ein Ziehen in ihrer Brust, ein unwiderstehliches Verlangen, diesem Ruf zu folgen.

Die Szene veränderte sich abrupt. Die Bäume schwanden, und stattdessen stand sie vor der Kapelle, die sie am Vortag besucht hatte. Doch diesmal war sie nicht verfallen. Die Mauern wirkten unversehrt, ihre Fenster strahlten in leuchtenden Farben, und das Fresko an der Wand war vollständig zu sehen. Der Halbmond aus dem Traum war darin abgebildet, umgeben von filigranen Linien, die wie Sonnenstrahlen wirkten. Es wirkte, als würde das Fresko selbst atmen, und der Halbmond begann in einem goldenen Licht zu glühen – ein Glühen, das sich wie ein Rhythmus in ihrem Körper ausbreitete. Sie spürte, wie das Muttermal auf ihrer Schulter zu prickeln begann, dann stärker wurde, bis es wie ein zweiter Herzschlag durch ihren Körper pochte.

„Du musst kommen. Es beginnt.“ Die Stimme wurde eindringlicher, und Livs Blick fiel zurück auf das Fresko. Ein Lichtstrahl brach daraus hervor, blendend und überwältigend.

Mit einem erschrockenen Keuchen fuhr Liv aus dem Schlaf hoch. Sie saß kerzengerade in ihrem Bett, ihr Atem ging stoßweise, und die kühle Nachtluft fühlte sich plötzlich schwer an. Der Schweiß, der ihre Stirn bedeckte, kühlte rasch ab, während sie sich im schummrigen Licht ihres Zimmers umsah. Alles war still, doch das Gefühl, beobachtet zu werden, hielt sie fest in seinem Bann.

Sie hob eine Hand und rieb sich über die Schulter, wo unter ihrem Pyjama-Stoff ein vertrautes Brennen pulsierte. Noch immer zitternd zog sie den Stoff beiseite, um das Muttermal zu betrachten. Es glühte schwach, kaum sichtbar, doch genug, um ihr Herz schneller schlagen zu lassen. Sie erinnerte sich an ihre Kindheit, an die Momente, in denen sie das Halbmond-Mal im Spiegel betrachtet hatte – damals nur eine seltsame Markierung auf ihrer Haut, ohne Bedeutung. Jetzt fühlte es sich an, als würde es ihr etwas erzählen wollen.

Die Bilder aus dem Traum fluteten zurück in ihre Gedanken. Die Lichtung, der Wald, die Stimme – es war alles so klar, so lebendig. Sie griff nach dem Notizbuch auf ihrem Nachttisch, ihre Hände noch leicht zittrig, und begann, die Szenen aus ihrer Erinnerung zu skizzieren. Der Wald nahm Form an, die Lichtung, der lebendige Halbmond. Ihre Bleistiftstriche wurden drängender, als sie versuchte, jedes Detail einzufangen. Schließlich hielt sie inne und betrachtete ihre Zeichnungen. Sie waren beängstigend präzise, als hätte sie nicht aus ihrer Erinnerung gezeichnet, sondern etwas vor sich gesehen, das real war.

Ein leises Zittern lief ihr über den Rücken. Sie legte das Notizbuch beiseite und drehte sich zur kleinen Holzkommode, auf der ihr Laptop stand. Schlaf war keine Option mehr. Ihre Finger flogen über die Tasten, während sie Begriffe wie „Halbmond-Symbol“, „mystische Kapellen Schwarzwald“ und „Lunaria-Rituale“ in die Suchmaschine eingab.

Die Ergebnisse waren spärlich. Obskure Websites voller Mythen und Sagen führten sie in ein Netz aus Legenden, die kaum mehr als Geschichten zu sein schienen. Doch ein Detail ließ sie innehalten: Eine Erwähnung über eine Kapelle, die von einem Hexenzirkel gebaut worden sein soll, an einem Ort, wo die Grenze zwischen den Welten dünn war. Das Wort „Grenze“ drängte sich in ihre Gedanken, hallte dort wider wie ein dunkler Vorbote.

Liv lehnte sich zurück, ihr Blick wanderte zu den Vorhängen, die den Blick nach draußen verdeckten. Der dunkle Wald lag still hinter dem Fenster, doch die Erinnerung an die Kapelle und die Ahnung, dass sie mehr mit ihr zu tun hatte, als sie begreifen konnte, ließ ihr Herz schwer werden.

Plötzlich hallte ein lautes Klopfen durch die Stille. Liv zuckte heftig zusammen, und ihre Hand riss den Laptop beinahe vom Tisch. Ihr Atem stockte, und für einen Moment traute sie sich nicht, sich zu bewegen. Schließlich zwang sie sich aufzustehen und trat langsam zum Fenster.

Draußen lag der Wald in tiefem Schatten, der Mond war hinter Wolken verborgen. Sie konnte nichts erkennen, doch das Gefühl, dass jemand sie beobachtete, war stärker denn je. Einen Moment lang dachte sie, sie hätte ein paar graue Augen im Dunkel aufblitzen sehen – nur ein Reflex des Mondlichts, redete sie sich ein.

„Liv, beruhige dich“, flüsterte sie zu sich selbst, während sie das Fenster schloss und die Vorhänge zuzog. Doch die Unruhe blieb. Irgendetwas war draußen.

Sie ließ sich wieder auf den Stuhl vor ihrem Laptop sinken, zwang sich, tief durchzuatmen, und ließ die Ereignisse Revue passieren. Vielleicht war es nur ein Traum. Vielleicht waren es nur Nerven. Doch sie wusste, dass mehr dahintersteckte.

Ihre Augen wurden schwer, die Müdigkeit übermannte sie, und schließlich legte sie den Kopf auf die Tischplatte. Der Schlaf kam zögerlich, und ein letzter Gedanke flammte in ihrem Geist auf: Wer hatte sie gerufen?

Draußen, im Schatten der Bäume, bewegte sich eine Gestalt lautlos zurück. Für einen Moment blitzten graue Augen erneut auf, ehe sie in der Dunkelheit verschwanden.