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Liebesromane an einem Ort

Kapitel 1Stürme der Trauer


Maren Tjarks

Die Wellen stürmten gegen die Küste, wild und unbändig, als wäre das Meer selbst im Zorn über seinen Verlust. Der Wind heulte durch die kahlen Dünen und riss an Marens Kleid, während ihre Füße im kalten Sand versanken. Das salzige Wasser kroch über ihre Zehen, brachte Kälte mit sich, die bis tief in ihren Körper drang. Vor ihr lag das Wrackstück, das letzte Überbleibsel des Fischerbootes ihres Vaters. Das Holz war vom Meer gezeichnet, ausgebleicht, gesplittert, als hätte die See es mit voller Absicht verschlungen und ausgespuckt. Der Bug ragte wie eine stumme Anklage gen Himmel, ein Mahnmal für die Macht des Ozeans.

Maren spürte, wie sich ihre Kehle zuschnürte, Tränen brannten in ihren Augen, doch sie zwang sich, sie zurückzuhalten. Nicht jetzt. Nicht hier. Sie hatte als Kind geglaubt, das Meer sei ein Verbündeter, ein Freund ihres Vaters. Doch nun erschien es ihr wie ein verschlingendes Monster, das ihn ohne Gnade genommen hatte. Ihr Blick wanderte über die unergründliche Weite des Ozeans, suchte Antworten, fand aber nur die unerschöpfliche Leere.

Hinter ihr knirschten Schritte über die Dünen. Sie kannte das schleppende, müde Geräusch, das sie schon so oft gehört hatte. Sie drehte sich nicht um, bis die vertraute Silhouette ihrer Mutter neben ihr erschien. Das Tuch, das ihre Mutter um den Kopf gebunden hatte, flatterte hilflos im Wind. Ihr Gesicht war blass, eingefallen, und ihre Schultern hingen in einer Last, die sie kaum noch zu tragen schien. Ohne ein Wort ließ sie ihren Blick auf das Wrackstück gleiten, und die Stille zwischen ihnen dehnte sich aus wie die See vor ihnen.

„Er hätte nicht rausfahren sollen“, murmelte ihre Mutter schließlich, ihre Stimme war heiser, gebrochen vom Weinen der letzten Tage.

Maren wollte widersprechen, wollte sagen, dass sie alle keine Wahl gehabt hatten. Das Fischen war nicht nur ihr Leben, es war ihr Überleben. Aber die Worte blieben ihr im Hals stecken. Was brachte es, die Wahrheit auszusprechen, wenn diese nur noch mehr Schmerz offenbarte? Stattdessen hob sie eine Hand und strich ihrer Mutter sanft über den Arm. Die Berührung war steif, zögerlich, und dennoch zuckte ihre Mutter zurück, als ob selbst diese kleine Geste zu viel wäre.

Ohne ein weiteres Wort drehte ihre Mutter sich um und begann den Weg zurück zur Hütte. Ihr Schritt war schwer, fast schleppend, und für einen Augenblick wirkte sie zerbrechlicher, als Maren es je zuvor gesehen hatte. Sie blieb zurück, den Blick noch immer auf das Wrack gerichtet. Der Duft nach Fisch und Rauch, der aus der Richtung der Hütte wehte, schien heute nur noch ein Schatten vergangener Tage zu sein.

Plötzlich holten die Rufe ihrer jüngeren Geschwister sie aus ihren Gedanken. Sie wandte sich um und sah Johann, der um das Haus rannte, während Greta hinter ihm herlief, mit einer Hand voll Sand, die sie lachend nach ihm warf. Ihre Unbekümmertheit war wie ein Stich in Marens Herz. Sie waren noch zu jung, um die Schwere zu begreifen, die nun auf der Familie lastete. Vielleicht war das ein Segen.

Langsam machte sie sich auf den Rückweg, ihre nackten Füße hinterließen Spuren im feuchten Sand. Sie konnte nicht anders, als an die Geschichten ihres Vaters zu denken, an seine tiefe, ehrfürchtige Stimme, wenn er von der See sprach. „Das Meer gibt immer zurück, was es nimmt“, hatte er gesagt, immer wieder, mit einem Lächeln, das Vertrauen ausstrahlte. Doch heute fühlte sich die Wahrheit dieser Worte wie eine Lüge an.

Die Fischerhütte lag in ihrem vertrauten Grau vor ihr, wettergegerbt und vom Wind gezeichnet. Maren trat ein und wurde von der Dunkelheit und dem scharfen Geruch von altem Fischöl empfangen. Die Dielen unter ihren Füßen knarrten wie ein altes Lied, das von harter Arbeit und schweren Zeiten erzählte. Am Tisch saß ihre Mutter, den Kopf in ihren Händen vergraben. Die Kinder spielten leise in einer Ecke, ihre fröhlichen Stimmen gedämpft, als verstünden sie instinktiv, dass die Welt heute ein wenig dunkler geworden war.

Maren trat zu ihrer Mutter, legte eine Hand auf ihre Schulter. „Mama, wir schaffen das“, sagte sie, und ihre Stimme war fester, als sie es erwartet hatte.

Ihre Mutter hob den Kopf, ihre Augen waren rot und geschwollen. „Wie sollen wir das schaffen, Maren?“ Ihre Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. „Ohne deinen Vater? Ohne das Boot? Wir haben nichts mehr.“

Maren spürte den Stich dieser Worte, doch sie ließ sich nichts anmerken. „Wir haben uns“, erwiderte sie leise. „Und Papa hat immer gesagt, dass das Meer zurückgibt, was es nimmt.“

Ein bitteres Lächeln zuckte über das Gesicht ihrer Mutter, voller Schmerz und Resignation. „Ja, das hat er gesagt“, murmelte sie. „Aber das hier, Maren… das ist nicht gerecht. Das Meer ist nicht gerecht.“

Maren schluckte schwer. Sie wollte etwas sagen, etwas, das Hoffnung brachte, doch ihre Gedanken waren leer. Stattdessen drehte sie sich um und griff nach einem der Netze, die an der Wand hingen. Ihre Finger glitten über das raue Gewebe, das so oft die Hände ihres Vaters berührt hatte. „Ich werde morgen früh hinausfahren“, sagte sie schließlich. „Es wird nicht so viel sein wie bei ihm, aber es wird reichen.“

„Du bist kein Mann, Maren.“ Die Worte ihrer Mutter waren scharf, fast wie ein Peitschenhieb. Doch dann, leiser, mit einem Hauch von Sorge: „Die Leute werden reden.“

Maren erstarrte. Ihre Hand krallte sich um das Netz, und für einen Moment schien die Luft in der kleinen Hütte stillzustehen. „Sollen sie doch“, murmelte sie schließlich, fast drohend, und ließ das Netz wieder los. Dann wandte sie sich den Kindern zu, kniete sich neben Johann und strich ihm die Haare aus der Stirn. „Es wird alles gut“, sagte sie mit einem Lächeln, das sie nicht fühlte.

Johann nickte eifrig, doch Greta sah sie mit ernster Miene an, ihre Augen suchten nach etwas, das Marens Worte nicht hergaben. Schließlich sah Greta weg, und Maren spürte einen Knoten in ihrer Brust, der sich festzog.

In dieser Nacht lag sie wach in ihrem schmalen Bett. Das Rauschen der Wellen, das durch die Ritzen der Hütte drang, war wie das gleichmäßige Atmen eines schlafenden Riesen. Sie dachte an ihren Vater, an seinen tiefen Glauben an die See. Seine Geschichten von Freiheit und Gefahr, seine Liebe zum Meer – all das fühlte sich jetzt wie ein ferner Traum an.

Wut flammte in ihr auf, heiß und drängend. Wut auf das Meer, das ihren Vater genommen hatte. Wut auf die Welt, die ihm keine Wahl gelassen hatte. Wut auf sich selbst, weil sie nichts hatte tun können. Doch unter all dieser Wut regte sich etwas Neues. Ein Gedanke, leise, aber unaufhaltsam.

Als die ersten Strahlen der Morgensonne durch das Fenster drangen, war Maren bereit. Sie wusste noch nicht genau, wie, aber eins war sicher: Sie würde nicht länger warten. Sie würde kämpfen – für ihre Familie, für sich selbst. Und für die Lücke, die ihr Vater hinterlassen hatte. Draußen schlugen die Wellen gegen die Klippen, doch Maren schwor sich, dass sie zurückschlagen würde.