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Liebesromane an einem Ort

Kapitel 2Schatten der Schulden


Maren Tjarks

Maren saß am groben Holztisch der Fischerhütte, die Hände fest um einen leeren Zinnbecher geschlossen. Das matte Licht der Morgensonne fiel durch das winzige Fenster, schien aber zu schwach, um die drückende Dunkelheit in der Hütte zu vertreiben. Der Raum roch nach Rauch, Salz und Fischöl, und die Geräusche der Wellen, die draußen gegen die Felsen schlugen, drangen dumpf durch die Wände. Ihre Mutter stand am Herd, rührte in einem Topf mit dünner Fischsuppe, die kaum genug für alle sein würde. Ihr Gesicht war blass, die Schultern eingefallen, als trüge sie die Last der ganzen Welt auf ihrem schmächtigen Körper.

Die Geschwister spielten mit einem Haufen Muscheln, die sie am Strand gesammelt hatten. Johann sortierte sie nach Größe, während Greta die Schalen an ihr Ohr hielt und lauschte, als könnte sie darin die Stimme ihres verstorbenen Vaters hören. Ihre leisen Stimmen vermischten sich mit dem Knistern des Herdfeuers, doch selbst ihr kindliches Lachen wirkte gedämpft, als ob die Trauer in der Luft auch sie erreichte.

Maren wusste, dass die bedrückende Stimmung nicht allein der Trauer um ihren Vater geschuldet war. Seit Tagen hatte sie die Gerüchte im Dorf gehört. Hauk Liermann wollte sein Geld zurück. Der Gedanke an den Kaufmann ließ ihre Hände fester um den Becher schließen, bis ihre Knöchel weiß hervortraten. Sie wusste, dass er kommen würde, wusste, dass er keine Gnade kannte.

Das laute Klopfen an der Tür zerriss die Stille wie ein Peitschenhieb. Ihre Mutter erstarrte, den Löffel noch in der Hand, und sah Maren mit einem Blick an, der zugleich flehend und gebrochen war. „Maren… bitte…“ Ihre Stimme war kaum mehr als ein Flüstern.

„Ich mache das“, antwortete Maren leise. Ihre Stimme war ruhig, doch in ihrem Inneren tobte ein Sturm. Als sie aufstand, bemerkte sie, dass Johann und Greta ihre Spiele unterbrochen hatten und nun mit großen Augen zur Tür starrten. Greta rutschte näher an ihren Bruder heran, und Johann legte schützend einen Arm um sie.

Maren ging zur Tür, ihre Schritte fest und gleichmäßig. Ihre Finger zitterten, als sie die Klinke umfasste, doch sie zwang sich, ruhig zu bleiben. Mit einem tiefen Atemzug öffnete sie die Tür.

Hauk Liermann stand in der Türschwelle, seine mächtige Gestalt füllte den Rahmen fast vollständig aus. Er trug einen schweren Mantel, der nach nassem Leder roch, und seine sonnengegerbte Haut war von feinen Falten durchzogen, die ihn älter wirken ließen, als er war. Ein kaltes Lächeln spielte auf seinen Lippen, doch seine Augen waren hart und berechnend. Hinter ihm standen zwei Männer, breit gebaut und mit verschränkten Armen.

„Maren Tjarks.“ Seine Stimme war tief und glatt, wie ein Messer, das über Schleifstein gezogen wird. „Ich komme, um mit deiner Mutter zu sprechen. Wo ist sie?“

„Sie ist beschäftigt“, entgegnete Maren. Ihre Stimme war ruhig und fest, doch die Kälte in seinem Blick ließ sie frösteln. „Vielleicht können Sie Ihr Anliegen mir vortragen.“

Ein Lächeln, so schmal und scharf wie die Klinge eines Dolches, breitete sich auf seinem Gesicht aus. Ohne eine Einladung abzuwarten, trat er ein, die Dielen knarrten unter seinem Gewicht. Der Geruch von Gewürzen und Leder füllte den Raum, ein fremder, fast provozierender Kontrast zur kargen Schlichtheit der Hütte.

Maren folgte ihm und schloss die Tür hinter sich. Ihre Mutter hatte sich vom Herd abgewandt, der Löffel hing schlaff in ihrer Hand. Der Ausdruck der Verzweiflung in ihrem Gesicht schnitt Maren ins Herz, doch sie zwang sich, die Fassung zu bewahren.

„Ich werde gleich zur Sache kommen“, begann Liermann, während sein Blick über die kärgliche Einrichtung wanderte. Es war, als würde er die Armut der Familie förmlich in sich aufsaugen. „Euer Vater schuldete mir eine beachtliche Summe. Mit seinem Tod ist die Schuld nicht einfach verschwunden. Sie fällt nun auf euch.“

Maren fühlte, wie sich ihre Kehle zuschnürte, doch sie zwang sich, ruhig zu sprechen. „Wir wissen von der Schuld“, sagte sie leise, aber bestimmt. „Aber geben Sie uns Zeit. Wir werden einen Weg finden, zu zahlen.“

Liermann lachte, ein kurzes, kaltes Geräusch, das den Raum erfüllte. „Zeit?“ Er schüttelte den Kopf, als wäre der Vorschlag naiv. „Ihr habt kein Boot mehr, keine Einkommensquelle. Zeit ist nur eine Einladung zur Illusion. Ich bin ein Geschäftsmann, Maren, kein Wohltäter.“

Sein Blick wanderte durch die Hütte, blieb kurz an den Kindern haften, die sich ängstlich aneinanderklammerten, und richtete sich dann auf die Wände, die von Fischernetzen und wenigen Habseligkeiten geschmückt waren.

„Es gibt nichts von Wert, was Sie hier finden werden“, sagte Maren, ihre Stimme ein Hauch schärfer.

Er lächelte, ein kaltes, berechnendes Lächeln. „Das sehe ich anders. Das Haus. Das Land. Sie haben einen Wert, auch wenn ihr das nicht erkennt.“

„Das können Sie nicht tun!“ Die Stimme ihrer Mutter zitterte, doch sie klang verzweifelt. „Dieses Haus gehört unserer Familie seit Generationen!“

„Und dennoch“, erwiderte Liermann kühl, „ist es durch Schulden belastet. Euer Vater hat es mir verpfändet, als er das letzte Mal Geld von mir nahm. Das habt ihr doch gewusst, oder?“

Maren presste die Lippen aufeinander. Natürlich hatte sie es gewusst. Aber die Hoffnung, dass ihr Vater es rechtzeitig zurückzahlen würde, hatte sie über diese Tatsache hinwegsehen lassen. „Sie können uns doch nicht alles nehmen“, sagte sie schließlich, die Worte aus tiefster Verzweiflung heraus.

„Ich nehme nur, was mir zusteht“, entgegnete er. „Ihr habt bis Ende des Monats Zeit. Wenn ihr dann nicht zahlt, gehört alles mir.“

Greta schluchzte leise, und Johann zog sie noch enger an sich. Marens Wut kochte, heiß und unbändig, doch sie hielt sie zurück. Stattdessen trat sie einen Schritt auf Liermann zu.

„Geben Sie uns eine Fristverlängerung“, sagte sie. „Es ist noch nicht einmal eine Woche her, dass mein Vater gestorben ist.“

Liermanns Blick wurde hart. „Das hier ist keine Wohlfahrt.“ Er wandte sich zur Tür um. „Denkt gut nach, Maren. Es wäre schade, wenn ihr auf der Straße endet.“

Er ging hinaus, seine Schritte hallten schwer auf dem schmutzigen Boden vor der Hütte. Die beiden Männer folgten ihm wortlos. Maren blieb regungslos stehen, bis die Stille zurückgekehrt war.

Erst dann sank ihre Mutter schwer auf einen Stuhl, die Hände zitterten. „Was machen wir jetzt, Maren?“ Ihre Stimme klang zerbrechlich, wie eine dünne Eisschicht, die jeden Moment brechen konnte.

Maren fühlte sich, als würde sie ersticken. „Ich werde es herausfinden“, sagte sie schließlich. Ihre Worte waren mehr ein stummer Schwur an sich selbst als eine Antwort.

Mit einem letzten Blick auf ihre Familie verließ sie die Hütte. Der kalte Wind schlug ihr ins Gesicht, doch er fühlte sich wie eine Erlösung an nach der Enge des Hauses. Sie ging in Richtung Meer. Die Wellen schlugen laut gegen die Felsen, und das Tosen schien ihre eigenen Gedanken zu übertönen.

Ihr Vater hatte immer gesagt, dass das Meer alles nehmen und alles geben konnte. Doch derzeit schien es ihr nur ein weiterer unbarmherziger Feind.

Während sie auf die graue Weite hinausblickte, spürte sie, wie sich ein Gedanke in ihrem Kopf formte. Unklar, kühn und mit Risiken behaftet – doch er war da. Sie würde kämpfen. Für ihre Familie. Für sich selbst.

Am Rand der tosenden See schwor sie sich: Sie würde nicht aufgeben. Niemals.