Kapitel 1 — Der Ruf zum Tatort
Lea Weigand
Die Stille der Nacht wurde von dem schrillen Klingeln ihres Handys durchbrochen. Lea Weigand griff blind nach dem Gerät, während sie sich mit der anderen Hand die Müdigkeit aus den Augen rieb. Es war gerade erst vier Uhr morgens, und die Dunkelheit hinter ihren Vorhängen war nahezu undurchdringlich. Der Name auf dem Display ließ keine Zweifel zu: Kommissar Hartmann.
„Weigand,“ meldete sie sich, ihre Stimme rau von zu wenig Schlaf.
„Lea, wir haben einen Mordfall, der Ihre Expertise erfordert.“ Hartmanns Ton war wie immer ruhig, doch eine schwer greifbare Dringlichkeit lag darin. „Hauptbahnhof, südlicher Eingang. Erscheinen Sie so schnell wie möglich.“
Lea nickte mechanisch, obwohl er es nicht sehen konnte. „Verstanden. Ich bin unterwegs.“ Sie hielt inne, schluckte die Müdigkeit hinunter, dann fügte sie leise hinzu: „Was ist passiert?“
„Eine investigative Journalistin. Es sieht... ungewöhnlich aus. Sie sollten das selbst sehen.“
Er legte auf, bevor sie weitere Fragen stellen konnte. Lea ließ das Handy sinken und starrte einen Moment ins Leere. Sie fühlte, wie sich die vertraute Spannung in ihrer Brust festsetzte – ein unwillkommener Begleiter bei jedem neuen Fall. Sie legte eine Hand auf die Tischkante, um sich zu sammeln. Der Job war alles, was zählte. Persönliche Emotionen hatten hier keinen Platz.
Ihr Blick fiel auf den Spiegel neben der Tür. Ihr Gesicht war blass, die Schatten unter ihren Augen tief und dunkel. Ein flüchtiger Atemzug beschlug das Glas, bevor sie sich abwandte. Die Routine übernahm: Haare zurückbinden, Blazer überwerfen, Schlüssel greifen. Die Müdigkeit würde sie nicht aufhalten.
***
Der südliche Eingang des Hauptbahnhofs lag still unter dem bleigrauen Himmel. Blaulichter der Streifenwagen durchbrachen die regnerische Dunkelheit, warfen flackernde Reflexionen auf die nassen Pflastersteine. Der Geruch von feuchtem Asphalt und etwas metallischem – Blut – hing in der Luft.
Lea zog ihren Mantel enger um sich und ging zielstrebig auf den abgesperrten Bereich zu, die Stimmen der Beamten und forensischen Techniker ein gedämpfter Hintergrund.
„Lea.“ Hartmann erwartete sie bereits. Sein schlanker Körper war in einen grauen Trenchcoat gehüllt, der ihn größer und imposanter wirken ließ. Sein Gesicht war wie immer neutral, fast unlesbar, doch seine hellblauen Augen – Augen, die immer einen Hauch von Geheimnis trugen – musterten sie aufmerksam.
„Wir haben hier eine investigative Journalistin, Alina Petrova, als Opfer“, begann er, ohne Zeit zu verlieren. „Das Ganze sieht merkwürdig aus. Sie sollten sich das ansehen.“
Lea nickte knapp. Worte waren nicht das, was sie brauchte. Nur Fakten. Sie zog sich die Latexhandschuhe über und trat näher an die Leiche heran, die auf dem kalten Boden lag, umgeben von gelben Markierungen und der angespannten Präsenz der Techniker.
Alina Petrova lag auf dem Rücken, die Augen starrten glasig in den Himmel. Ihr Gesicht zeigte eine seltsame Ruhe, die in krassem Gegensatz zu ihrem Zustand stand. Ihre Hände waren in einer grotesken Pose über der Brust verschränkt, fast wie in einem gezwungenen Gruß. Auf ihrer Stirn prangte ein eingeritztes Symbol – ein Kreis, durch den eine Linie verlief.
Die Linien der Wunde waren präzise und sauber gezogen, als hätte der Täter ein chirurgisches Instrument benutzt. Es war keine impulsive Tat. Es war ein Statement.
Lea beugte sich hinunter, ihre Augen fixierten das Symbol. Unwillkürlich schob sich ein Gedanke in ihren Verstand – eine Art flüchtige Erinnerung, ein kaum greifbares Gefühl von Vertrautheit. Sie ignorierte es, zwang ihre analytische Seite, die Oberhand zu behalten.
Ihre Fingerspitzen glitten über den Boden neben der Leiche, wo sie eine kleine Visitenkarte entdeckte, halb verdeckt vom Schatten des Körpers. Als sie sie aufhob, sah sie das gleiche Symbol, das auf der Stirn eingeritzt war, auf die Karte gedruckt. Keine Worte, keine Hinweise. Nur das Symbol – kalt und eindeutig.
„Eine Botschaft?“ murmelte sie leise.
„Vielleicht. Oder eine Warnung.“ Hartmanns Stimme kam von hinten, ruhig, doch sie spürte eine kaum wahrnehmbare Spannung darin. Er reichte ihr einen Beutel mit einer weiteren Spur. „Das hier wurde in ihrer Tasche gefunden. Eine Notiz in kyrillischer Schrift. Wir haben noch niemanden gefunden, der sie entschlüsseln kann.“
Lea nahm den Beutel und hielt ihn ins Licht. Die kyrillischen Buchstaben wirkten wie verschlungene Rätsel, wie Spuren, die sie unweigerlich tiefer in etwas hineinführen würden, das sie noch nicht verstehen konnte. Ihre Gedanken rasten. War das eine codierte Botschaft? Ein Hinweis auf einen Auftraggeber?
„Was wissen wir über sie?“ fragte sie schließlich, den Blick nicht von der Notiz abwendend.
„Petrova arbeitete an einer großen Story, aber niemand weiß genau, worum es ging. Ihre letzten Kontakte sind schwer zu erreichen, und ihre Wohnung wird gerade durchsucht. Es könnte sich um einen gezielten Angriff handeln, doch wir haben keine eindeutigen Beweise.“
Lea richtete sich auf, ihre Augen wanderten zurück zur Leiche. Das Symbol, die präzise Wunde, die kryptische Notiz – all das deutete auf etwas Größeres hin. Etwas Dunkleres.
„Ich brauche die Ergebnisse der Autopsie, sobald sie verfügbar sind. Außerdem müssen wir ihren digitalen Fußabdruck überprüfen – Mails, Anrufe, alles.“ Ihre Stimme war ruhig, fast sachlich, doch die unheilvolle Schwere dieses Falls lastete bereits auf ihr.
„Das ist alles bereits in Auftrag gegeben“, erwiderte Hartmann. Seine Stimme war ein Hauch zu gleichmäßig. „Aber seien Sie vorsichtig, Lea.“
Sie drehte sich zu ihm um. Seine Augen musterten sie, schärfer als zuvor. „Das hier könnte größer sein, als wir es uns vorstellen.“
Sein Tonfall ließ sie einen Moment innehalten. Sie hielt seinem Blick stand, suchte nach etwas, das er verbarg, fand jedoch nur die gleiche undurchdringliche Fassade wie immer. „Ich weiß.“
***
Zurück im Hauptquartier der Kriminalpolizei fiel Leas Blick auf den Schreibtisch vor ihr – die Visitenkarte und die Notiz lagen unter dem grellen Licht der Lampe. Die sterile Atmosphäre der Büros umgab sie: das leise Summen der Computer, die Stimmen der Techniker, der Geruch von abgestandenem Kaffee.
Leas Finger fuhren über das Symbol auf der Karte, während ihre Gedanken unablässig arbeiteten. Ein Schatten, dachte sie. Es war ein Schatten, der etwas verbarg. Aber was?
Die kyrillische Notiz lag daneben, eine stumme Herausforderung. Lea konnte sie nicht entziffern, doch sie wusste, dass diese Spur kein Zufall war. Es war ein Schlüssel, ein Fragment eines größeren Puzzles.
Ein leises Klopfen riss sie aus ihren Gedanken. Hartmann trat ein, sein Blick sorgsam neutral. „Wie läuft es?“
„Langsam“, gab sie zu, während sie die Karte beiseitelegte. „Aber das hier – das ist kein gewöhnlicher Fall. Es steckt mehr dahinter.“
Hartmann nickte, doch etwas in seinem Blick ließ sie innehalten. Er zögerte einen Moment, bevor er sprach, als würde er abwägen, wie viel er preisgeben sollte. „Passen Sie auf sich auf, Lea.“
Er ließ sie allein. Die Tür schloss sich mit einem leisen Klick, und eine unheilvolle Stille legte sich über den Raum.
Lea starrte auf die Karte vor ihr. Die Schatten hatten sie bereits eingeholt.