Kapitel 1 — Entführt in die Finsternis
Elena Weiß
Die Dunkelheit kroch wie ein lebendiges Wesen durch die Straßenschluchten der Stadt, als Elena Weiß die Tür zu ihrer kleinen Wohnung aufschloss. Ihre Finger zitterten leicht, nicht vor Kälte, sondern vor der Anspannung, die sich den ganzen Tag über in ihrem Nacken festgesetzt hatte. Der Tag war lang gewesen, die Nerven lagen blank, und doch war sie sich sicher, dass sie Fortschritte gemacht hatte. Der USB-Stick in ihrer Tasche fühlte sich schwer an, als würde er die Last der Enthüllungen tragen, die sie in den letzten Wochen mühsam aufgedeckt hatte. Blackgate Security. Der Name allein ließ ihr Blut in den Adern gefrieren. Sie hatte genug Material gesammelt, um die Organisation zu Fall zu bringen – wenn sie die Chance dazu bekam.
Sie trat ein, zog die Tür hinter sich zu und drehte den Schlüssel zweimal im Schloss. Die Wohnung war still, zu still. Ein leises Brummen der Straßenlaternen drang durch die dünnen Wände, doch es war kaum beruhigend. Elena war es gewohnt, allein zu sein, aber heute Abend fühlte sich die Einsamkeit wie eine Bedrohung an. Ihre Gedanken überschlugen sich. Was, wenn jemand ihre Recherchen aufgespürt hatte? Was, wenn sie längst überwacht wurde? Die Luft in der Wohnung kam ihr stickig vor, als würde sie die Unruhe in ihrer Brust widerspiegeln.
Sie ließ ihre Tasche auf den Küchentisch fallen und suchte nach ihrem Handy. Die Nachricht an ihre Kontaktperson war bereits formuliert. Nur ein Knopfdruck, und sie wäre auf dem Weg zu einem sicheren Ort. Doch sie zögerte. Ihr Instinkt schrie Alarm. Was, wenn sie beobachtet wurde? Ihre Wohnung war ihr Zufluchtsort gewesen, ein Ort, an dem sie sich sicher fühlen sollte – doch jetzt kroch ein unbestimmtes Unbehagen in ihren Gedanken.
„Reiß dich zusammen, Elena“, murmelte sie und streifte ihre Schuhe ab. Die Kälte des Holzbodens kroch durch ihre Socken, eine unangenehme Erinnerung daran, wie allein sie hier war. Im Wohnzimmer lag ein Notizblock auf dem Tisch. Darauf standen hastig geschriebene Vermerke über Blackgate: Namen, Daten, Orte – ein Netz aus Intrigen und Machtmissbrauch, das sie mühsam entwirrt hatte. Sie wollte sich hinsetzen und die Informationen ordnen, doch ein leises Geräusch ließ sie innehalten.
Es kam von draußen. Ein dumpfes Poltern, gefolgt von etwas, das wie Schritte klang. Ihr Herz setzte für einen Moment aus. Ihre Wohnung lag im dritten Stock, und doch schwor sie, dass sie jemanden gehört hatte. Langsam schlich sie zum Fenster, zog die Gardine ein Stück beiseite und spähte hinaus. Nichts. Die Straße lag verlassen da, nur der schwache Schein der Laternen und das gelegentliche Flackern eines Neonlichts erhellten die Szenerie. Sie zwang sich, tief durchzuatmen. Vielleicht war sie einfach zu paranoid. Wochenlange Recherchen über eine Organisation wie Blackgate würden jeden nervös machen.
Sie wollte sich gerade abwenden, als ein weiterer Laut durch die Stille drang – ein leises Knacken, als ob jemand vorsichtig ein Fenster öffnen würde. Panik schoss durch ihren Körper wie ein elektrischer Schlag, und sie drehte sich hastig um. Die Wohnung war dunkel, doch sie konnte fühlen, dass etwas nicht stimmte. Dann sah sie es: Eine dunkle Gestalt löste sich aus den Schatten ihres Wohnzimmers. Lautlos wie ein Raubtier bewegte sie sich auf Elena zu.
„Wer sind Sie? Was wollen Sie hier?“, rief sie, wobei ihre Stimme eine Mischung aus Wut und Angst verriet. Bevor sie reagieren konnte, packten starke Hände ihre Arme. Sie schrie auf, trat nach dem Angreifer und riss sich mit aller Kraft los. Doch hinter dem ersten Mann tauchte eine zweite Gestalt auf, die sich im Schutz der Dunkelheit verborgen hatte. Ihre Bewegungen waren präzise, fast mechanisch. Panik durchflutete sie, als sie sich wand und um Hilfe schrie, doch niemand würde sie hören. Niemand hörte in dieser Gegend jemals hin.
„Lassen Sie mich los!“, fauchte sie und trat mit aller Kraft gegen das Schienbein des ersten Mannes. Er fluchte und stolperte zurück, doch der zweite Angreifer war schneller. Eine tiefe, bedrohliche Stimme ertönte: „Ruhe. Widerstand ist zwecklos.“ Ein Tuch wurde ihr über Mund und Nase gedrückt, der scharfe chemische Geruch brannte in ihrer Nase. Ihre Gedanken rasten, doch ihr Körper begann, ihr den Dienst zu versagen. Sie fühlte, wie ihre Gliedmaßen schwer wurden, ihre Bewegungen langsamer. Noch immer kämpfte sie, doch ihre Kraft schwand mit jedem Atemzug.
„Nein...“, murmelte sie, ihre Stimme kaum mehr als ein Flüstern. Ihre Knie gaben nach, und die Welt um sie herum begann zu verschwimmen. In ihrem letzten klaren Gedanken schwor sie sich, nicht aufzugeben. Doch dann umfing sie die Dunkelheit, kalt und unerbittlich.