Kapitel 1 — Ein letzter Auftrag
Kira
Die Luft in der Untergrund-Bar „Katerina“ war schwer von Zigarettenrauch, abgestandenem Bier und dem öligen Gestank des Bodens. Kira betrat den Raum mit einem einzigen, wachsamen Blick. Die düstere Beleuchtung schien bewusst darauf abgestimmt, Gesichter im Schatten zu halten und Gespräche in eine Aura von Geheimnis zu hüllen. Ein schief hängendes Poster einer längst vergessenen russischen Jazzband klebte an der von Schrammen und abblätternder Farbe gezeichneten Wand. Das unregelmäßige Klirren von Gläsern mischte sich mit dem dumpfen Murmeln der Gespräche, doch als Kira die Schwelle überschritt, verstummten die Stimmen für einen kurzen Moment, bevor sie wie ein gedämpftes Flüstern zurückkehrten. Sie war es gewohnt, dass eine Frau wie sie – mit kalten, graublauen Augen, die wie Klingen wirkten – Aufmerksamkeit erregte, ob man es wollte oder nicht.
Sam Brunner saß an einem kleinen Tisch in der hintersten Ecke, abseits der Theke und der wenigen Gäste, die sich über ihre Gläser beugten, als versuchten sie, sich unsichtbar zu machen. Er trug eine abgenutzte Lederjacke, die seine drahtige Statur betonte, und trommelte mit den Fingern auf die klebrige Tischplatte. Seine Schultern waren leicht nach vorne gezogen, als würde er sich vor etwas unsichtbarem schützen, und seine Augen huschten immer wieder zur Eingangstür – rastlos, ängstlich. Das Glas vor ihm war halb leer, seine Finger umklammerten es so fest, dass die Knöchel weiß hervortraten. Kira nahm all das mit einem einzigen, schnellen Blick auf. Sam schwitzte, obwohl der Raum kühl war. Er war wie ein Mann, der wusste, dass er sich auf dünnem Eis bewegte.
„Sam“, sagte sie, während sie ohne zu zögern auf den Stuhl ihm gegenüber glitt. Ihre Stimme war ruhig, fast emotionslos, doch sie hatte die Schärfe eines Messers, das durch die Stille schnitt.
„Kira.“ Er zwang sich zu einem schiefen Lächeln, das keinen Zweifel an seiner Nervosität ließ. Seine Lippen bewegten sich, doch die Worte verharrten einen Augenblick, als müsste er sie aus dem Hals zerren. „Freut mich, dass du gekommen bist.“
„Ich höre.“
Kira verschwendete keine Zeit. Smalltalk war ein Luxus, den sie sich nicht leisten konnte – oder wollte. Ihre Hände ruhten scheinbar entspannt auf dem Tisch, doch jede Faser ihres Körpers war gespannt, bereit, in einem Augenblick zu reagieren.
Sam fuhr sich mit der Hand durch das kurz geschorene, blonde Haar und beugte sich näher zu ihr. „Ich habe einen Auftrag für dich, Kira. Einen letzten.“
Das Wort „letzten“ ließ sie innehalten. Ihre kalten Augen fixierten ihn, während sie sich in den Stuhl zurücklehnte. „Ein letzter Auftrag.“ Ihre Stimme war leiser, aber schärfer geworden. „Du weißt, dass ich solche Versprechen nicht ernst nehme.“
„Das hier ist anders.“ Sam schluckte und hielt ihrem stechenden Blick stand, so gut er konnte. „Es ist … groß. Wenn du das durchziehst, bist du raus. Keine Verbindungen mehr, keine offenen Rechnungen.“
„Kein Zurück mehr“, murmelte Kira, ohne den Blick von ihm zu nehmen. Der Gedanke ließ sie einen Moment verharren, doch ihre skeptische Fassade blieb unerschütterlich. Sie studierte Sams Gesicht, jede Regung, jede Nuance. Er wirkte nicht wie jemand, der glaubte, dass dies so einfach wäre, wie er vorgab.
„Erzähl mir von dem Ziel.“
Sam nickte hastig, als wäre das der erste Schritt, den er geschafft hatte. „Danila Morozov“, sagte er schließlich mit einem kurzen Zögern, als ob der Name Gewicht trüge, das er nicht kontrollieren konnte.
Kira blieb regungslos, doch innerlich war sie sofort in Alarmbereitschaft. Der Name war ihr nicht fremd. Sie hatte genug von der Bratva gehört, ihren Netzwerken und ihrer Operationsbasis in Berlin, um zu wissen, dass Danila kein einfacher Gegner war. Macht. Gefahr.
„Ich nehme an, du weißt, wer er ist“, fuhr Sam fort und deutete ihr Nicken falsch als Zustimmung. „Er ist nicht nur ein mächtiger Player in der Stadt. Er ist ein Problem. Groß genug, dass gewisse Leute ihn loswerden wollen.“
„Welche Leute?“
Ein kurzes Zögern. Sams Blick glitt zur Bar, dann zurück, bevor er seine Stimme senkte. „Das spielt keine Rolle.“
Kira lehnte sich vor, ihre Stimme sickerte wie kaltes Wasser zwischen den Worten hindurch. „Rede, Sam. Ich habe keine Zeit für Spielchen.“
Sein Adamsapfel zuckte in seiner Kehle. „Artur Sazonov“, flüsterte er schließlich.
Die Nennung des Namens veränderte die Atmosphäre zwischen ihnen abrupt. Artur Sazonov – ein Relikt der alten Bratva. Ein Mann, der Macht nicht nur verstand, sondern sie ausübte wie eine Waffe.
„Und warum sollte ich für Sazonov arbeiten?“ fragte Kira, kühl wie Eis.
„Weil er dir das geben kann, was du willst“, sagte Sam schnell, fast flehentlich. „Einen Ausweg. Keine alten Geschichten, keine Schatten aus der Vergangenheit. Du bist frei, Kira.“
Freiheit. Das Wort hing wie ein Echo in ihrem Kopf. Es klang zu gut, zu einfach, um wahr zu sein. Und doch konnte sie die Versuchung nicht leugnen.
„Was ist der Haken?“ Ihre Stimme war ruhig, doch ihre Augen bohrten sich in ihn wie Nadeln.
„Da ist keiner“, erwiderte Sam zu schnell, griff nach seinem Glas und nahm einen hastigen Schluck, bevor er fortfuhr. „Kira, bitte … das hier ist ernst.“
Sie ließ die Spannung in der Luft stehen, während sie ihn beobachtete. Jede Bewegung, jeder Atemzug von ihm verriet mehr, als seine Worte es jemals könnten. Sie wusste, dass er etwas verschwieg, doch er war wie ein Tier, das in die Ecke gedrängt wurde – zu viel Druck, und er würde sich verschließen.
„Ich nehme an“, sagte sie schließlich, „du hast Details für mich.“
Er nickte, zog ein kleines Kuvert aus seiner Jackentasche und schob es über den Tisch. Seine Finger zitterten leicht, als sie ihre Hand ausstreckte und es nahm. „Das hier hat alles, was du brauchst. Wo er ist, wann er da ist, wie du ihn erwischen kannst.“
Das Kuvert fühlte sich schwerer an, als es sein sollte. Es war nicht nur Papier darin – es war eine Entscheidung, ein Weg nach vorne, eine Last. Kira ließ es in die Innentasche ihrer Jacke gleiten.
„Das ist alles?“ fragte sie.
„Ja.“
Sie stand auf. Sam öffnete den Mund, als wollte er noch etwas sagen, doch die Worte blieben ihm im Hals stecken. Ihre Augen begegneten sich ein letztes Mal, und Kira sah darin die unsichtbare Last, die er trug.
Als sie die Bar verließ, schlug die kühle Nachtluft ihr entgegen, wie eine unerwünschte Erinnerung an die Realität. Das Gewicht des Kuverts zog an ihrer Jacke, und sie wusste, dass dieser Auftrag nicht so einfach war, wie Sam es hatte klingen lassen.
Und trotzdem ging sie weiter.