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Liebesromane an einem Ort

Kapitel 1Prolog: Vision des Untergangs


Liv Hagen

Das Heulen eines Wolfs zerriss die stille Nacht wie ein unsichtbarer Dolch. Livs Atem gefror in der kalten Luft, und ihre smaragdgrünen Augen suchten rastlos zwischen den hoch aufragenden Bäumen des Schwarzwaldes. Der Mond, eine fahle Sichel, schwebte träge am Himmel, und sein schwaches Licht kämpfte sich durch die dichten Blätter, um flackernde Schatten auf den moosigen Boden zu werfen. Alles wirkte gleichzeitig vertraut und fremd, als ob der Wald selbst den Atem anhielt.

Sie spürte es. Eine Dunkelheit hatte ihren Weg in diese Welt gefunden, dicht und unaufhaltsam wie ein herannahender Sturm. Ihr Puls raste, und ihre Hände krallten sich unbewusst in den wollenen Schal, der um ihren Hals gebunden war – ein Relikt ihrer Mutter, ihrer Herkunft, ihrer verlorenen Familie.

Die Vision war wie ein reißender Fluss über sie gekommen, heftig und erbarmungslos. Bilder hatten sich in ihren Geist gebrannt: Der Alpha, sein Körper reglos im blutgetränkten Schnee; ein Rudel, zersprengt wie ein zerbrochener Kreis; und darüber eine schwarze Präsenz, formlos und doch alles verschlingend, deren Flüstern wie kaltes Eisen in ihrem Inneren schmerzte. Livs Gabe war ein Geschenk – oder ein Fluch, wie manche sagten –, das ihr einen Blick auf die Wahrheit erlaubte, bevor sie geschah. Doch dieses Mal war die Vision nicht nur eine Vorahnung. Sie war eine Warnung.

Ihre Hände zitterten, als sie sich an die Worte ihrer Mutter erinnerte: „Deine Gabe ist mächtig, aber nicht jeder wird sie verstehen. Manche werden sie fürchten.“ Sie fröstelte, aber nicht wegen der Kälte. Sie wusste, dass sie handeln musste – und zwar jetzt.

Mit einem tiefen Atemzug setzte sie sich in Bewegung. Der Wald schien sie mit jedem Schritt zurückhalten zu wollen: knorrige Äste kratzten an ihrem Mantel, und die Stille war so tief, dass jeder Laut wie ein Verrat klang. Doch sie ließ sich nicht aufhalten.

Das Lager ihres Rudels lag auf einer Lichtung, wo die Bäume sich öffneten und einen Blick auf den sternenübersäten Himmel freigaben. Der Geruch von Asche und kaltem Rauch hing schwer in der Luft, während das Lagerfeuer nur noch als glimmender Kohlenhaufen bestand. Die Hütten aus Holz und Tierhäuten standen wie stumme Mahnmale, deren Schatten in der Dunkelheit unheilvoll wirkten. Livs Schritte wurden langsamer, als die vertraute Umgebung in ihr eine Flut von Erinnerungen wachrief.

„Liv?“

Die Stimme ließ sie erstarren. Sie drehte sich um und begegnete Freya, ihrer einst besten Freundin – und mittlerweile ihrer schärfsten Kritikerin. Freyas blonde Haare waren streng zu einem Zopf gebunden, ihre muskulöse Gestalt wirkte in der Dunkelheit wie eine Statue aus Stein. Doch es waren ihre Augen, die Livs Herz schneller schlagen ließen: kalt, scharf und voller Misstrauen.

„Was tust du hier mitten in der Nacht?“ Freyas Stimme war hart wie gefrorener Boden, und ihre verschränkten Arme unterstrichen ihre Haltung – eine Mischung aus Eifersucht und Abwehr.

„Ich muss mit dem Alpha sprechen. Es ist dringend.“ Livs Stimme zitterte, und sie hasste sich dafür.

Freya schnaubte, ein Laut voller Spott. „Dringend? Wie damals, als du uns vor den Jägern gewarnt hast, die nie gekommen sind? Was ist es diesmal? Ein weiteres Hirngespinst?“

Wut und Scham stiegen in Liv auf, brannten wie eine Flamme, doch sie zwang sich zur Ruhe. „Ich hatte eine Vision. Eine klare. Der Alpha ist in Gefahr.“

Bevor Freya antworten konnte, öffnete sich der Eingang des größten Zelts, und eine imposante Gestalt trat heraus. Der Alpha. Mit breiten Schultern und einer Haltung, die Autorität ausstrahlte, musterte er Liv mit einem Blick, der gleichzeitig neugierig und abweisend war. Seine Gesichtszüge waren von Jahren der Führung gezeichnet, doch in seinen Augen lag eine Spur von Müdigkeit – und vielleicht sogar Zweifel.

„Was ist los, Liv?“ Seine Stimme war ruhig, aber bestimmend, eine Stimme, die keine Widerrede duldete.

Liv trat vor, ihre Hände um den Schal gekrallt, als ob er ihr Halt geben könnte. „Ich hatte eine Vision, Alpha. Ich sah euch … tot. Das Rudel zerbrochen. Eine dunkle Macht, die alles durchdringt. Es war … es war mehr als eine Warnung. Es war eine Gewissheit.“

Ein Murmeln ging durch die anderen Wölfe, die langsam aus den Zelten traten, angelockt von der unerwarteten Szene. Freyas Gesicht verfinsterte sich, und sie trat näher an den Alpha heran. „Das ist Wahnsinn. Sie hat schon früher solche Geschichten erzählt. Wir können nicht jedes Mal auf ihre Träume reagieren.“

Liv suchte verzweifelt nach einem Funken Verständnis in den Augen des Alphas. „Bitte“, flehte sie leise. „Ich weiß, dass es schwer zu glauben ist, aber meine Gabe hat mich noch nie so gewarnt wie dieses Mal.“

Der Alpha schwieg einen Moment, sah Liv an, dann Freya, und schließlich die anderen um ihn herum. Seine Stirn legte sich in Falten, als ob ein innerer Konflikt in ihm tobte. Doch dann schüttelte er langsam den Kopf. „Wir haben keine Zeit für solche Dinge, Liv. Es gibt wichtigeres, das unsere Aufmerksamkeit erfordert.“

Die Worte trafen sie wie ein Schlag. „Aber … ich …“

„Genug.“ Seine Stimme war nun härter. „Geh zurück in dein Zelt. Und hör auf, Unruhe zu stiften.“

Liv wollte etwas erwidern, doch ihre Kehle war wie zugeschnürt. Der Schmerz der Ablehnung brannte tief in ihrer Brust, und sie fühlte, wie die Tränen hinter ihren Augen brannten. Dennoch zwang sie sich, sich umzudrehen und zu gehen.

„Sie war schon immer mehr Fluch als Segen.“ Freyas Worte folgten ihr wie Gift, das sich in ihre Haut fraß.

Die Nacht verging in einer gespannten Stille. Liv saß wach in ihrem Zelt, unfähig, die Vision aus ihrem Kopf zu verbannen, bis ein durchdringender Schrei die Dunkelheit zerriss.

Sie stürzte hinaus, die kalte Luft schnitt wie Messer in ihre Lungen, und folgte dem Geräusch. Inmitten des Lagers fand sie ihn: Der Alpha lag auf dem schneebedeckten Boden, sein Körper gebrochen, Blut sammelte sich in dunklen, glänzenden Pfützen.

Liv fiel auf die Knie, ihre Hände zitterten, als sie die Wunden zu heilen versuchte, doch es war zu spät. Sein Blick war leer, seine Seele fort. Die Wölfe um sie herum murmelten, ihre Gesichter von Schock und Misstrauen gezeichnet.

„Du …“ Freyas Stimme war voller Anklage, ihre Augen glühten vor Hass. „Du warst die Einzige, die es wusste. Du hast das geplant!“

„Nein!“ Livs Stimme brach, doch niemand hörte ihr zu. Das Rudel zog sich zurück, ihre Blicke wurden kalt, fremd.

„Verlasst das Rudel, Liv“, sagte einer der Ältesten schließlich. „Ihr habt keinen Platz mehr hier.“

Und so rannte Liv. Rannte in die Dunkelheit des Waldes, während der Mond über ihr wachte – allein, verbannt. Die Schatten verschlangen sie, und mit ihnen auch jede Hoffnung.