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Liebesromane an einem Ort

Kapitel 1Verloren im Schatten


Adelina

Das Summen der Neonlichter im kahlen Korridor war das Einzige, was die Stille durchbrach, während Adelina Volkova durch die langen Reihen grauer Schreibtische schritt. Der Geruch von abgestandener Luft und billigem Kaffee hing wie ein unsichtbarer Schleier im Raum. Es war nach 22 Uhr, und der kleine Finanzberatungsbetrieb, in dem sie arbeitete, lag verlassen da. Nur die schimmernden Bildschirme der Computer und das kontrollierte Ticken der Wanduhr begleiteten sie.

Doch etwas fühlte sich anders an heute Nacht. Eine kaum greifbare Spannung lag in der Luft, wie ein Schatten, der unerwartet über ihren Rücken strich.

Sie trug eine schlichte schwarze Bluse, die unter dem Schatten ihres dunklen Haars verschwand, und eine enge Jeans, die Bewegungsfreiheit bot – Kleidung, die sowohl praktisch als auch unauffällig war. Mit einer eleganten Bewegung zog sie einen Stuhl heran und ließ sich darauf nieder. Ihre eisblauen Augen fixierten den Bildschirm vor ihr, dessen kaltes Licht ihre scharfen Gesichtszüge betonte.

Adelina verband ihre USB-Verschlüsselung mit dem Rechner, ihre Finger bewegten sich über die Tastatur wie ein Pianist, der eine vertraute Melodie spielte. Sensible Finanzdaten, Transaktionen und Kontobewegungen flackerten auf dem Monitor auf. Sie arbeitete präzise, analytisch, wie eine Chirurgin, die einen sauberen Schnitt setzt.

Es war nicht das erste Mal, dass sie sich nach Feierabend Zugang zu diesen Daten verschaffte. Doch heute fühlte es sich eindringlicher an. Die letzten Wochen hatten kleine, aber auffällige Unregelmäßigkeiten in den Buchungen gezeigt – Geldströme, die in dieselben Offshore-Konten flossen, über komplexe Netzwerke verschleiert. Schattenhafte Muster, die zu einer Organisation führten, deren Namen sie nur flüsternd aussprach: das Shadow Syndikat.

Adelina hielt inne und lauschte. Ein leises, metallisches Klicken. Ihr Herzschlag beschleunigte sich, ihre Finger verharrten über der Tastatur. Die Wanduhr tickte gnadenlos weiter. Sekunden verstrichen. Sie zwang sich, ruhig zu bleiben, obwohl die Anspannung ihre Schultern straffte. Das Geräusch war wieder verschwunden – wahrscheinlich nur die Heizung oder der tropfende Wasserhahn in der Teeküche.

"Skonzentrirovatsya," flüsterte sie heiser, ihre Stimme war kaum mehr als ein rauer Hauch. Das russische Wort bedeutete so viel wie "Fokussiere dich" und war eine stille Anweisung an sich selbst. Ihre freie Hand wanderte unbewusst zu ihrer Narbe nahe dem linken Auge und fuhr darüber, als könnte sie sich dadurch erden.

Sie öffnete eine Datei, die sie in einer geschützten Partition gespeichert hatte – ein digitales Mosaik aus Beweisen, die sie Stück für Stück zusammensetzte. Ihre eisblauen Augen huschten über die Zahlen und Namen, während sie versuchte, die Fäden zu entwirren, die die Unterwelt Berlins miteinander verbanden.

Ihr Blick blieb an einem Transaktionsvermerk hängen: eine Zahlung, groß genug, um Aufmerksamkeit zu erregen, und markiert mit einem Kürzel, das sie kannte – "KR". Kronenlicht. Das Elite-Restaurant, ein bekannter Treffpunkt für Mitglieder der gehobenen Schicht des Syndikats. Ihre Gedanken rasten. Dieses Kürzel hatte sie schon einmal gesehen, doch bisher waren ihre Bemühungen, es zu entschlüsseln, ins Leere gelaufen. Jetzt fügte sich ein weiteres Puzzlestück ein.

Ein Bild blitzte ungebeten in ihrem Kopf auf, begleitet von dem metallischen Geschmack von Blut. Viktors Gesicht. Blass und reglos. Die Kälte des Bodens unter ihren Knien, als sie ihn erreichte. Der letzte Blick, den ihr Bruder ihr zuwarf, bevor die Kugel ihn zu Boden zwang. Seine Stimme – ein ersticktes, abgebrochenes Wort.

Ihr Atem ging stoßweise. Die Welt um sie herum verschwand, und es gab nur noch diese Erinnerung. Ihre Finger verkrampften sich auf der Tastatur, als der Schmerz sie durchdrang, wie ein Messer, das alte Wunden aufriss. In jener Nacht, vor zwei Jahren, hatte sie geschworen, die Verantwortlichen zu finden – jene, die ihn ausgeliefert hatten, jene, die ihn getötet hatten. Vielleicht sogar jene, die ihn verraten hatten.

Die Bratva hatte ihn sterben lassen wie einen Hund, und das Shadow Syndikat hatte sein Leben beendet.

Adelina zwang sich, ihre Finger zu entspannen. Sie durfte sich nicht in der Vergangenheit verlieren. Nicht jetzt. Die Kälte, die sie jetzt umgab, war vertraut. Sie war die Kälte der Entschlossenheit, die sie am Leben hielt.

Mit einem leisen Klicken zog sie ihre Verschlüsselung heraus und ließ den Computer in den Standby-Modus fahren. Sie hatte genug für heute. Es war Zeit, zurück in ihre Wohnung zu gehen und die Informationen zu analysieren.

Als sie das Büro verließ und die Türen mit einem leisen Knacken hinter sich schloss, umfing sie die raue Nachtluft Berlins. Der Regen hatte die Straßen in glatte, schwarze Flächen verwandelt, die das Licht der Laternen wie zerbrochene Glasscherben widerspiegelten. Adelina zog ihren Mantel enger um sich, ihre Schritte hallten in der Stille wider. Ihre eisblauen Augen huschten wachsam über die dunklen Ecken der Straße.

Die Stadt erschien ihr wie ein Labyrinth, dessen verschlungene Gänge aus Beton und Schatten bestanden. Jeder Schritt, den sie machte, konnte sie tiefer in die Dunkelheit führen – oder sie ins Licht bringen, das sie suchte.

Alina Moser – die ruhige, unscheinbare Finanzberaterin mit einer Vorliebe dafür, Überstunden zu machen. Niemand würde vermuten, dass unter dieser Maske eine Frau lauerte, die jeden Tag auf Messers Schneide lebte.

Adelina erreichte ihre Wohnung, eine kleine, bescheidene Bleibe in einem anonymen Wohnblock. Die Wände waren kahl, die Möbel zweckmäßig. Ein eingelassener Safe und doppelte Türschlösser ließen jedoch erahnen, dass dies mehr als nur eine einfache Unterkunft war. Es war kein Zuhause, sondern ein Versteck.

Sie trat ein, schloss die Tür hinter sich ab und ließ ihren Blick kurz durch den Raum gleiten, bevor sie die Computerstation im Eck ansteuerte. Während sie die Daten erneut durchging, schlich sich ein Gedanke in ihren Kopf. Sie war nah dran. Zu nah vielleicht. Das Kronenlicht, das Shadow Syndikat, die Wurzeln der Korruption, die ihren Bruder zu Fall gebracht hatten – all das begann sich zu verbinden. Doch mit jeder Antwort, die sie fand, tauchten neue Fragen auf.

Ihre Finger zitterten, als sie das letzte Dokument herunterlud. Ein Name war immer wieder aufgetaucht. Damien Reich. Eine Figur, die im Zentrum des Syndikats stand, aber kaum Spuren hinterließ. Das Bild eines Mannes mit eisgrauen Augen und einem Gesicht, das ebenso scharf wie undurchdringlich wirkte, tauchte in ihren Gedanken auf.

Irgendwo in ihrem Inneren regte sich ein nagendes Gefühl, als hätte sie diesen Namen schon einmal gehört. Ein Gespräch, vielleicht. Eine Erinnerung, die sich ihrer Kontrolle entzog.

Adelina schloss die Augen und lehnte sich zurück. Damien Reich. Er war der Schlüssel. Vielleicht die erste Person, die wusste, wer für Viktors Tod verantwortlich war. Vielleicht auch derjenige, der den Abzug betätigt hatte.

Aber das war für später. Heute musste sie sich vorbereiten. Morgen würde sie die nächste Spur verfolgen – eine, die sie tiefer in die Schatten führen würde, wo die Dunkelheit mächtiger war als das Licht.

Ein letzter Blick aus dem Fenster zeigte ihr das pulsierende Herz Berlins. Die Stadt war ein Labyrinth aus Betrug und Machtspielen, eine Arena, in der sie jeden Schritt mit Vorsicht setzen musste. Die Lichter der Hochhäuser glitzerten wie ferne Sterne, unerreichbar, und doch schienen sie sie zu verspotten.

Adelina war bereit. Sie war entschlossen, den Schatten zu trotzen, auch wenn es bedeutete, dass sie selbst darin verschwand.