Kapitel 1 — Rückkehr ins Verborgene
Lea
Ein kühler Wind strich durch den Wald, flüsterte durch die knorrigen Äste der uralten Bäume und trug den Geruch von feuchtem Moos und Erde mit sich. Die Pfade, die sich durch die dichte Wildnis wanden, waren Lea vertraut und doch fremd. Es war Jahre her, dass sie diesen Weg gegangen war, und obwohl die Landschaft sich kaum verändert hatte, erschien ihr alles anders. Schwere Schatten tanzten über den mit Laub bedeckten Boden, als die sinkende Sonne sich durch die Zweige drängte. Jeder Schritt auf dem weichen Waldboden schien in ihrem Inneren etwas zu lösen, eine Mischung aus Nostalgie, Unbehagen und einer Ahnung von etwas, das sich ihrer Kontrolle entzog.
Lea spürte die Energie des Waldes, die sie früher immer beruhigt hatte, nun aber eine seltsame Rastlosigkeit in ihr weckte. Ihre Gedanken wanderten zurück zu den Momenten, in denen sie und ihre Schwester Alina auf diesen Pfaden umhergestreift waren. Alinas Lachen schien im Flüstern der Blätter widerzuhallen, und für einen flüchtigen Augenblick hatte Lea das Gefühl, sie könnte sich einfach umdrehen und ihre Schwester dort stehen sehen, mit leuchtenden Augen und einer Handvoll wilder Blumen. Doch die Kälte der Realität stach wie ein Dorn in ihr Herz. Alina war nicht mehr hier, und der Schmerz darüber war ein ständiger Schatten, der ihr folgte.
Sie zog den Mantel fester um sich, während sie zwischen den Bäumen hindurchging. Der vertraute Weg führte sie zurück ins Rudel, ihre Heimat, die sie einst verlassen hatte. Es fühlte sich an, als hätte der Wald sie beobachtet, als hätte er auf ihre Rückkehr gewartet. Doch das Gefühl von Sicherheit, das sie als Kind in diesen Wäldern empfunden hatte, war verschwunden. Stattdessen lasteten Erinnerungen an die Vergangenheit schwer auf ihren Schultern. Sie hatte lange gezögert, hierher zurückzukehren. Die Hütte ihrer Großmutter und die Verantwortung, ihren Nachlass zu regeln, waren nur ein Vorwand. Tief in ihrem Inneren wusste Lea, dass ihre Rückkehr unvermeidlich war – dass sie sich den Geheimnissen und der Prophezeiung stellen musste, die wie ein drohender Schatten über ihr schwebte.
Das Rudeldorf der Stahlwölfe tauchte schließlich zwischen den Bäumen auf, Holz- und Steinhäuser, die sich wie eigensinnig verschmolzene Wachposten an die Landschaft schmiegten. Der Geruch von Harz und Rauch wehte herüber, begleitet vom fernen Klirren von Stimmen und Werkzeug. Leas Schritte verlangsamten sich, als sie die Baumgrenze überquerte. Sie spürte die Blicke der Dorfbewohner auf sich, misstrauisch und abwartend wie die Augen eines Raubtiers im Unterholz. Niemand trat hervor, um sie zu begrüßen, doch sie wusste, dass ihre Ankunft registriert worden war.
„Morgenstern“, raunte eine ältere Frau, die am Brunnen stand und ihren Eimer hochzog. Ihre Stimme war nicht feindselig, aber auch nicht freundlich. Eher eine Feststellung, begleitet von dezenter Neugier. Die anderen in der Nähe warfen sich flüchtige Blicke zu, bevor sie ihre Arbeit fortsetzten, als wäre nichts geschehen.
Lea ignorierte die Blicke, obwohl ihr Herz schwerer schlug. Sie war hier, weil sie den Nachlass ihrer verstorbenen Großmutter regeln musste – eine Aufgabe, die sie sowohl vor sich hergeschoben als auch gefürchtet hatte. Ihre Großmutter, einst eine zentrale Figur im Rudel, war die letzte Verbindung zu diesem Ort gewesen. Und nun, da diese Verbindung abgerissen war, fühlte sie sich fremd in der Heimat ihrer Kindheit.
Sie erreichte die Hütte ihrer Großmutter, die am Rande des Dorfes stand, verborgen hinter einer dichten Wand aus Efeu und Schatten. Die Luft war kühler hier, als würde der Wald selbst diese Stelle schützen und bewachen. Die Hütte war klein, aus verwittertem Holz, das unter der Feuchtigkeit des Waldes nachgegeben hatte. Efeu rankte sich über das Dach, und die Fenster waren blind vor Staub und Schmutz.
Lea zögerte, bevor sie die Tür öffnete. Die Luft im Inneren war schal, erfüllt von dem Geruch nach Kräutern, altem Holz und Asche. Ein unheimliches Knistern schien in den Ecken zu lauern, doch die Stille war überwältigend. Die Hütte war seit dem Tod ihrer Großmutter unberührt geblieben, fast wie ein eingefrorenes Relikt vergangener Tage.
Ihre Finger glitten über die verstaubte Oberfläche eines Tisches, auf dem noch immer getrocknete Blätter und Fläschchen standen. Es fühlte sich an, als wäre ihre Großmutter nur kurz fortgegangen und könnte jeden Moment zurückkehren. Doch Lea wusste, dass das nicht mehr möglich war.
Sie schob die Kapuze zurück und ließ den Blick durch den Raum schweifen. Es war nicht nur eine Hütte. Es war ein Hort der Geheimnisse, ein Ort voller Antworten – Antworten, die sie suchte, auch wenn sie die Wahrheit fürchtete. Ihre Großmutter hatte immer mehr gewusst, als sie preisgab, und Lea hatte das Gefühl, dass ihre Rückkehr in diese Hütte nicht nur eine familiäre Pflicht war.
Auf einem Regal an der Wand standen alte Bücher mit abgegriffenen Lederrücken, daneben kleine Glasfläschchen mit fast verblassten Etiketten. Eine kleine Holztruhe stand in einer Ecke, mit einem Vorhängeschloss, das längst rostig war. Der Raum war erfüllt von kleinen, persönlichen Andenken, die wie Geister aus der Vergangenheit flüsterten.
Lea ließ sich auf einen der grob gezimmerten Stühle sinken und fuhr sich mit einer Hand über das Gesicht. Die Last der Erinnerungen und der Erwartungen drohte sie zu erdrücken. Ihre Gedanken kehrten unweigerlich zu ihrer Schwester zurück – Alina, deren Tod der Wendepunkt in ihrem Leben gewesen war. Der Verlust war die Wunde, die sie nie hatte heilen können, und doch war es dieser Schmerz, der sie zu der Frau geformt hatte, die sie heute war.
Während sie das Schweigen der Hütte auf sich wirken ließ, drangen Geräusche von draußen zu ihr. Schritte näherten sich, schwer und bestimmt. Sie wusste instinktiv, dass es nicht einfach ein Dorfbewohner war – diese Schritte hatten ein anderes Gewicht. Kurz darauf klopfte es an der Tür. Es war ein Klopfen, das keine Antwort erwartete.
Lea stand auf und öffnete die Tür einen Spalt. Vor ihr stand ein großer Mann, dessen eisblaue Augen sie sofort erkannte. Kain Stahlwald. Der Alpha des Rudels. Seine Präsenz füllte die Luft aus, und eine unbestimmte Spannung machte sich breit.
„Lea Morgenstern“, sagte er, seine Stimme ruhig, doch mit einem Unterton von Autorität. „Ich hörte, dass du zurück bist.“
Sie nickte knapp, während sie sich bemühte, ihre Haltung zu wahren. „Nur um den Nachlass meiner Großmutter zu regeln.“
Ein leichtes Lächeln huschte über seine Lippen, kaum sichtbar. „Natürlich. Aber deine Rückkehr bleibt nicht unbemerkt. Es gibt viele, die auf dich achten werden.“
Lea hielt seinem Blick stand, ließ sich nicht einschüchtern, obwohl sein Blick schwer wie Blei war. Sie wusste, dass ihre Anwesenheit Fragen aufwarf – nicht nur wegen ihrer Vergangenheit, sondern auch wegen der Prophezeiung, die wie ein drohender Schatten über ihrem Leben hing.
„Ich habe nicht vor, lange zu bleiben“, sagte sie schließlich, ihre Stimme ruhig, aber mit einem Hauch von Trotz.
Kain musterte sie einen Moment lang, als wollte er etwas hinter ihren Worten herausfiltern. Schließlich nickte er, als sei das Thema damit abgeschlossen. „Wenn du etwas brauchst, weißt du, wo du mich findest.“
Er drehte sich um und verschwand im Schatten der Bäume, so leise wie er gekommen war. Lea blieb in der Tür stehen und sah ihm nach, bis er aus ihrem Blickfeld verschwunden war. Ihr Herz pochte schneller, und sie wusste nicht, ob es Wut, Angst oder etwas anderes war, das sie so aufwühlte.
Zurück in der Hütte ließ sie sich auf den Stuhl fallen und schloss für einen Moment die Augen. Die Begegnung mit Kain erweckte alte Erinnerungen und neue Unruhe in ihr. Sie wusste eines mit Sicherheit: Ihre Rückkehr würde nicht ruhig verlaufen.
Die Schatten in der Hütte schienen sich zu vertiefen, als die Abenddämmerung einsetzte. Das Flüstern des Waldes war lauter geworden, fast wie ein warnendes Raunen. Lea spürte, dass dies mehr als nur ein familiärer Besuch war. Es war der Beginn von etwas Größerem, etwas, das sie noch nicht vollends begreifen konnte.
Mit einem tiefen Atemzug öffnete sie die Augen und sah sich erneut um. Vor ihr lag eine Aufgabe, die ihre Vergangenheit und ihre Zukunft miteinander verknüpfte. Und sie würde sich ihr stellen, ganz gleich, welche Dunkelheit vor ihr lag.