Kapitel 2 — Das verborgene Erbe
Lea
Die Dunkelheit war vollständig hereingebrochen, als Lea die kleine Laterne auf dem runden Holztisch entzündete. Der flackernde Schein tauchte die Hütte in ein sanftes, gelbliches Licht, das die Schatten an den Wänden tanzen ließ. Der sonst so beruhigende Anblick konnte dieses Mal die Unruhe in ihr nicht vertreiben. Der Wald draußen, der ihr einst Zuflucht bot, wirkte nun wie ein wachendes, lauerndes Wesen, das jede ihrer Bewegungen beobachtete.
Lea atmete tief durch, zwang sich zur Ruhe und richtete ihre Aufmerksamkeit auf den Raum. Sie durfte sich nicht in ihrer Angst verlieren. Der drängende Geruch nach Kräutern, Holz und einem Hauch von etwas Verbranntem lag in der Luft, als sie die Regale betrachtete. Jedes war vollgestellt mit alten Büchern, winzigen Fläschchen mit seltsam verfärbten Substanzen und Bündeln getrockneter Pflanzen. Ihre Großmutter hatte eine gewisse Ordnung in diesem Chaos bewahrt, doch für Lea war es unmöglich, sofort zu erkennen, wo sie beginnen sollte.
Ihre Augen wanderten erneut zu der kleinen Holztruhe in der Ecke, der sie bisher bewusst aus dem Weg gegangen war. Das rostige Vorhängeschloss glänzte matt im Licht der Laterne. Seit ihrer Ankunft hatte sie die Truhe bemerkt, aber etwas an ihr hatte sie abgeschreckt – als fürchte sie, dass das, was sich darin befand, sie mit Dingen konfrontieren würde, auf die sie nicht vorbereitet war. Doch jetzt führte kein Weg daran vorbei.
Langsam trat sie näher und kniete sich davor hin. Der Schlüssel, den sie zuvor in einer verborgenen Schublade des Schreibtisches gefunden hatte, lag schwer und kalt in ihrer Hand. Sie ließ ihre Finger einen Moment über die raue Metalloberfläche gleiten und fragte sich, was ihre Großmutter in dieser Truhe versteckt haben könnte. War es ein Erbe, ein Geheimnis? Oder etwas, das besser unentdeckt blieb?
Mit einem Ruck steckte sie den Schlüssel ins Schloss und drehte ihn. Ein leises, klirrendes Klicken ertönte, bevor das Schloss aufsprang. Die Kette fiel zu Boden, und ein Frösteln überlief sie. Es war, als hätte sie gerade eine Grenze überschritten, die sie besser gemieden hätte.
Mit einem tiefen Atemzug öffnete sie den Deckel. Ein leises Knarren begleitete die Bewegung, und der Anblick, der sich ihr bot, war berührend und beunruhigend zugleich. Neben alten Büchern und Schriftrollen lagen darin kleine persönliche Gegenstände: ein abgenutzter Kamm, ein Foto ihrer Großmutter als junge Frau mit einer verschmitzten Miene und einem seltsamen Amulett um den Hals. Lea hob das Foto auf und strich mit den Fingern über die glatte Oberfläche. Die Ähnlichkeit zwischen ihrer Großmutter und Alina war so frappierend, dass es ihr fast den Atem raubte. Erinnerungen an ihre Schwester fluteten ihren Geist – Alinas Lachen, ihr Trotz, ihre unerschütterliche Entschlossenheit. Wie oft hatte Alina von einem Leben gesprochen, das frei von den Fesseln der Rudel war.
Lea blinzelte die aufkommenden Tränen weg und legte das Foto vorsichtig zur Seite. Darunter lag ein Bündel aus Leder, verschnürt mit einem dünnen Band, das alt und zerbrechlich wirkte. Ihre Finger zitterten leicht, als sie es herausnahm und auf den Tisch legte. Sie löste das Band und schlug das Leder vorsichtig auf. Darin befanden sich mehrere vergilbte Seiten, beschrieben in der feinen, geschwungenen Handschrift ihrer Großmutter. Auf der ersten Seite prangte ein Titel: „Aufzeichnungen zur Prophezeiung und den Blutlinien der Lunas.“
Lea hielt inne, ihr Herz schlug schneller. „Blutlinien der Lunas.“ Die Worte klangen vertraut, als hätte sie sie schon einmal gehört, aber sie wusste, dass sie niemals offen im Rudel erwähnt worden waren. Sie begann zu lesen, ihre Augen flogen über die Seiten, die sich wie ein Netz aus Wissen und Geheimnissen vor ihr entfalteten.
Die Aufzeichnungen beschrieben die magischen Blutlinien, die durch die Frauen gewisser Rudel flossen. Diese Frauen, die Lunas, waren einst nicht nur Heilerinnen, sondern auch Kriegerinnen, Führerinnen und Vermittlerinnen zwischen der Welt der Wölfe und der Magie des Mondes. Doch im Laufe der Jahrhunderte waren sie auf ihre heilenden Kräfte reduziert worden, ihre Macht unterdrückt, damit die männlichen Alphas ihre Dominanz sichern konnten.
Lea biss sich auf die Unterlippe. Ihre Großmutter hatte von einem vergessenen Ritual geschrieben, das die „Lunare Verbindung“ – die magischen Bindungen zwischen den Blutlinien und den Alphas – zerstören konnte. Doch das Ritual war gefährlich. Es stellte nicht nur die Machtstrukturen infrage, sondern auch die Verbindung zwischen Körper, Geist und Magie. Alina... Lea stöhnte leise auf, als ihr klar wurde, dass ihre Schwester genau das hatte entschlüsseln wollen. Das war es, was Alina getrieben hatte – der Versuch, das System zu ändern, der Versuch, frei zu sein.
Ein Knoten zog sich in Leas Brust zusammen. Hatten ihre Großmutter und Alina all das gewusst? Und hatte Alina deshalb sterben müssen? Ihre Finger glitten über die Seiten, und sie stellte sich vor, wie ihre Großmutter dieselben Wörter geschrieben hatte, mit der gleichen Entschlossenheit, die Wahrheit zu bewahren.
Ein Geräusch ließ sie zusammenzucken – das Knarzen eines Astes. Sie hielt inne und lauschte, während die Stille des Waldes sie umgab. Ihre Hand wanderte instinktiv zu einem der schweren Bücher auf dem Tisch, als könnte es ihr Schutz bieten. Doch nichts folgte. Sie zwang sich, den Gedanken abzuschütteln, und richtete ihre Aufmerksamkeit wieder auf die Schriften.
Eine Zeichnung auf der nächsten Seite zog ihre Aufmerksamkeit auf sich: ein kreisförmiges Symbol, eingraviert mit komplexen Linien und Runen. Daneben standen handschriftliche Notizen. „Der Schlüssel zur Befreiung der Lunas. Der Ursprung liegt im Verfluchten Hain.“
Leas Herz begann schneller zu schlagen. Der Verfluchte Hain – der Ort, den das Rudel mied, seit ihre Schwester dort gestorben war. Sie spürte, wie die Erinnerung an jene Nacht in ihre Gedanken schlich. Alinas Gesicht, erhellt vom Mond, und dann... das leere, erdrückende Schweigen, das folgte. Doch sie schob die Bilder beiseite. Jetzt war nicht die Zeit, sich von der Vergangenheit überwältigen zu lassen.
„Du wusstest es, Großmutter,“ murmelte Lea leise, während ihre Augen über die Notizen glitten. „Du hast all das gewusst.“ Die Luft in der Hütte schien schwerer geworden zu sein, und die Schatten wirkten tiefer.
Ein leises, unregelmäßiges Klopfen riss sie aus ihren Gedanken. Sie fuhr herum, das Herz hämmerte in ihrer Brust. Wer auch immer draußen war, hatte nicht den festen, selbstbewussten Schritt eines Alphas wie Kain. Es war jemand anderes. Vorsichtig stand sie auf und schlich zur Tür. Die Laterne warf lange Schatten hinter ihr her. Sie öffnete die Tür einen Spalt.
Draußen stand ein junger Mann mit zotteligem Haar und einer hageren Gestalt. Seine Augen hatten ein unruhiges Funkeln, als hätte er eine wichtige Nachricht zu überbringen. „Lea Morgenstern?“ flüsterte er hastig und sah sich immer wieder um, als fürchte er, beobachtet zu werden.
„Wer bist du?“ fragte sie, hielt die Tür jedoch vorsichtig halb geschlossen.
„Das ist nicht wichtig“, antwortete er schnell. „Sie wissen mehr, als Sie denken. Aber die Wahrheit wird nicht leicht zu finden sein.“
„Was meinst du damit?“ drängte Lea, doch der Fremde wich bereits zurück.
„Sei vorsichtig, wem du hier vertraust,“ warnte er, bevor er in die Dunkelheit des Waldes verschwand.
Lea starrte ihm nach, noch immer die Hand an der Tür, während sich ein Sturm aus Zweifeln und Fragen in ihrem Inneren zusammenbraute. Langsam schloss sie die Tür und wandte sich wieder der Truhe und den Schriften zu. Ihre Finger glitten über den Rand des Leders, und sie spürte, wie sich ein seltsamer Entschluss in ihr aufbaute.
Was immer ihre Großmutter gewusst hatte, was immer Alina versucht hatte – Lea wusste, dass sie die Wahrheit herausfinden musste. Doch eines war jetzt klar: Ihre Rückkehr war keine einfache Reise in die Vergangenheit. Es war ein Schritt in etwas Größeres, Dunkleres – und Unvermeidliches.