Kapitel 1 — Im Auge des Sturms
Lena Bergmann
Der Wind heulte erbarmungslos um die kleine Hütte, ließ die dünnen Wände ächzen und das lockere Fenster gegen den Rahmen schlagen. Lena Bergmann saß an ihrem Schreibtisch, die Ellenbogen auf die abgenutzten Holzplatten gestützt. Ihre dunkelgrünen Augen glitten über die Displays vor ihr, suchten konzentriert nach Mustern, die nur sie erkennen konnte. Das blaue Licht der Monitore schnitt scharfe Konturen in ihr Gesicht, in dem die Härte der letzten Jahre deutlich zu lesen war.
Draußen peitschte der Regen gegen die Fenster, und die Wellen schlugen mit ohrenbetäubendem Lärm gegen die Küste. Der Sturm war ein vertrauter Begleiter, seine gewaltige Präsenz hatte etwas Beruhigendes. Er übertönte die Stimmen in ihrem Kopf, die Erinnerungen, die sie zu verdrängen versuchte. Doch manchmal, in den stilleren Momenten, drangen die Schreie der Vergangenheit trotzdem hindurch.
Mit einem Seufzen ließ Lena die Hände von der Tastatur gleiten und lehnte sich zurück. Ihre Finger fühlten sich steif an, ein Zeichen von zu vielen Stunden vor den Bildschirmen. Die Hütte war klein, karg eingerichtet und menschenleer – genau so, wie sie es wollte. Die Technik auf ihrem Schreibtisch war ihre einzige Verbindung zur Außenwelt. Sie hatte ein Netzwerk aus verschlüsselten Servern und Signalumleitungen aufgebaut, das sie vor neugierigen Blicken schützte. Doch heute schien selbst diese digitale Festung nicht genug zu sein.
Eine Nachricht blinkte auf dem mittleren Bildschirm, ein Fremdkörper in ihrer selbstgewählten Isolation. Sie las den Absender: „Paul Reinhardt“. Der Name brachte sie zum Innehalten. Paul war ein hartnäckiger Journalist, jemand, der einst ihre Analysen beim BND geschätzt hatte. Damals, bevor alles zerbrach.
Mit stockendem Atem öffnete sie die Nachricht. Die knappen Worte schienen vor Dringlichkeit zu pulsieren: „Lena, ich brauche deine Hilfe. Es geht um Labyrinth. Es gibt Dinge, die du wissen musst.“
Labyrinth. Das Wort allein ließ ihre Gedanken rasen. Sie hatte Gerüchte gehört, Spekulationen in der digitalen Unterwelt, die oft mehr Fragezeichen als Antworten hinterließen. Eine Organisation, verborgen im Schatten, die Technologien nutzte, um Regierungen zu manipulieren. Ein Mythos, aber auch eine Gefahr, die zu real erschien, um sie zu ignorieren.
Lena schloss für einen Moment die Augen. Sie hatte sich geschworen, nie wieder in die Welt des BND zurückzukehren, nie wieder ein Risiko einzugehen, das Menschenleben kosten könnte. Doch Pauls Nachricht war mehr als eine Bitte. Sie war eine Warnung, ein Hilferuf, der in ihrem Inneren einen Funken entzündete, den sie längst erloschen geglaubt hatte.
Sie stand auf und trat zum Fenster. Dunkelheit umgab die Hütte, die Dünen waren kaum zu erkennen, während der Sturm an ihnen zerrte. Ihre Gedanken wanderten zurück zur Zeit beim BND. Bilder von Datenströmen, Analysen und den Gesichtern der Menschen, die sie unwissentlich verraten hatte, überlagerten sich mit der Gegenwart. Sie hatte geglaubt, dass sie durch ihren Rückzug Frieden finden könnte. Aber dieser Frieden war brüchig, kaum mehr als eine Illusion.
Zurück am Schreibtisch griff sie schließlich nach ihrem modifizierten Telefon, einem Gerät, das sie selbst gehärtet und abgesichert hatte. Sie tippte eine kurze Antwort: „Morgen, 22 Uhr. Café Strandblick.“ Für einen Moment zögerte sie. Dann drückte sie auf „Senden“.
Der Sturm draußen tobte weiter, heftiger, als würde er ihre Entscheidung infrage stellen. Doch tief in ihr hatte sich etwas geregt. Ein alter Instinkt, der sie dazu brachte, das Notwendige zu tun, obwohl sie es nicht wollte.
Lena verbrachte den Rest der Nacht damit, sich vorzubereiten. Sie überprüfte die Sicherheitsprotokolle ihres Laptops, aktualisierte Verschlüsselungen und richtete neue Backup-Routinen ein. Unter den Dielen der Hütte hob sie eine kleine Kiste hervor, die sie seit Jahren nicht mehr angerührt hatte. Darin lagen Relikte ihres früheren Lebens: ein tragbarer Datenentschlüssler, ein modifiziertes Handy und eine kleine Pistole. Sie nahm die Waffe in die Hand, fühlte das kalte Metall und erinnerte sich an die letzten Male, die sie sie benutzt hatte. Es fühlte sich an wie ein Leben, das nicht mehr ihres war.
Als das erste Licht des Morgens durch die Wolken drang, lehnte sie sich erschöpft in ihrem Stuhl zurück. Sie wusste, dass der Weg, den sie eingeschlagen hatte, sie wieder in die Dunkelheit führen würde. Aber vielleicht, nur vielleicht, konnte sie diesmal etwas ändern.
Am nächsten Abend war das Café Strandblick in schwaches Licht getaucht. Die wenigen Gäste wirkten wie Schatten, eingefangen in der warmen Atmosphäre. Lena zog ihren Hoodie enger um sich, ihre Augen scannten den Raum, während sie in einer Ecke Platz nahm.
Es dauerte nicht lange, bis sie Paul sah. Er saß an einem kleinen Tisch, seine Schultern waren eingefallen, und seine Hände zitterten leicht, während er sich an einer dampfenden Kaffeetasse festhielt. Sein einst präziser Blick war unruhig, gehetzt, wie der eines Mannes, der von etwas Unsichtbarem gejagt wurde.
„Lena“, sagte er leise, als sie sich setzte. Seine Stimme war rau, und er wirkte, als hätte er seit Tagen nicht geschlafen. „Ich wusste, dass du kommen würdest.“
„Das hier ist ein Fehler“, murmelte sie, ohne ihn aus den Augen zu lassen. „Was hast du getan, Paul?“
Er griff in seine Jackentasche und zog einen kleinen USB-Stick hervor, den er auf den Tisch legte. „Das hier“, sagte er und senkte die Stimme, während er sich nervös umsah. „Es sind Beweise. Labyrinth... sie sind größer, als wir alle dachten. Sie kontrollieren alles – Regierungen, Unternehmen, die Medien. Und sie wissen, dass ich etwas habe.“
„Warum ich?“ Ihre Stimme war ruhig, fast geflüstert. „Du weißt, dass ich mich aus all dem zurückgezogen habe.“
„Weil ich niemandem sonst vertrauen kann.“ Pauls Hände zitterten stärker, und sein Blick sprang unruhig durch den Raum. „Du bist die Einzige, die mit diesen Daten etwas anfangen kann. Du hast die Fähigkeiten, Lena. Und... du verstehst, was auf dem Spiel steht.“
Der Sturm draußen schien mit jeder Sekunde lauter zu werden, als wollte er die Spannung im Raum verstärken. Lena schloss für einen Moment die Augen, während die Worte ihres alten Kollegen in ihr nachhallten.
Noch bevor sie eine Antwort finden konnte, wurde die Tür des Cafés aufgestoßen. Kalte Luft drang herein, begleitet von zwei Männern in dunklen Jacken. Ihre Bewegungen waren präzise, ihre Blicke scannten den Raum mit der Kälte von Jägern.
Paul erstarrte, sein Gesicht wurde blass. „Sie sind hier“, flüsterte er, die Panik in seiner Stimme war nicht zu überhören. „Lena, du musst das nehmen und verschwinden.“
Ihre Augen ruhten auf den Männern, während ihre Gedanken unaufhörlich rasten. Sie griff nach dem USB-Stick und schob ihn in die Tasche ihres Hoodies. In diesem Moment wusste sie, dass es keinen Weg zurück gab. Ihre Wahl war längst getroffen.