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Liebesromane an einem Ort

Kapitel 2Netz aus Schatten


Maria Helwig

Das scharfe Klicken ihrer Absätze hallte durch den sterilen Korridor des unterirdischen Kontrollzentrums – ein gleichmäßiger, fast maschinenhafter Rhythmus, der die unerschütterliche Präzision von Maria Helwig widerspiegelte. Die Beleuchtung war grell, fast schon unangenehm, doch Maria nahm sie nicht wahr. Stattdessen war ihr Blick starr nach vorn gerichtet, die eisblauen Augen kühl und berechnend. Die sterile Effizienz um sie herum – das leise Summen der Server, die klinisch weißen Wände, die makellose Ordnung – gab ihr die Kontrolle, die sie brauchte. Alles hier war ein Ausdruck ihrer Macht.

Vor ihr öffnete sich die automatische Tür zur Kommandozentrale mit einem leisen Zischen. Der Raum war ein technisches Meisterwerk, groß und kreisförmig angelegt, dominiert von holografischen Displays und Arbeitsstationen in makelloser Symmetrie. An der Decke pulsierte ein dreidimensionales Modell Europas, durchzogen von unzähligen, permanent fließenden Datenströmen. Es war ein digitaler Organismus, dessen Herzschlag für Maria die Essenz ihrer Vision war: Kontrolle, die jeden Winkel der Welt erreichte und in den Händen der Richtigen lag – ihrer Hände.

Die Stille im Raum war greifbar, als die Mitarbeiter aufblickten. Sie standen an ihren Stationen, in makellosen Anzügen, ihre Haltung steif, die Augen ein kurzer, nervöser Moment auf Maria gerichtet, bevor sie sich hastig wieder ihren Aufgaben zuwandten.

„Bericht“, forderte Maria, ohne den Blick von der Projektion abzuwenden. Ihre Stimme war ruhig, doch unnachgiebig, und sie verlangte Gehorsam, ohne ihn explizit auszusprechen.

Jonas Weidner, einer ihrer fähigsten Analysten, trat vor. Er war blass, die dunklen Ringe unter seinen Augen erzählten von Nächten, die er damit verbracht hatte, unzählige Daten zu durchforsten. Seine Bewegungen hatten etwas Eilfertiges, fast schon unterwürfig, als er eine Projektion aufrief.

„Wir haben die Spur des Journalisten Paul Reinhardt bestätigt“, begann er, seine Stimme leicht angespannt. „Gestern Abend hat er Kontakt zu einer Person aufgenommen – Lena Bergmann.“

Maria schwieg für einen Moment. Der Name Bergmann löste in ihrem Bewusstsein eine Welle von Gedanken aus, die sie sorgsam unterdrückte. Eine frühere BND-Analystin. Eine Frau, die einst eine vielversprechende Karriere hatte, bevor sie sich nach einem Vorfall ins Exil zurückgezogen hatte. Eine Frau, die sich der Kontrolle entzog – ein irritierendes und unberechenbares Element.

„Was wissen wir über Bergmann?“ fragte sie schließlich. Die Kälte in ihrer Stimme ließ Weidner leicht zusammenzucken.

„Sie lebt isoliert, zurückgezogen an der Nordseeküste“, erklärte Weidner und vergrößerte die Projektion. Ein holografisches Bild von Lenas unscheinbarer Hütte erschien über dem Tisch, umgeben von kargen Dünen und der endlosen Weite des Meeres. „Ihre digitale Präsenz ist minimal, aber wir haben Spuren von hochgesicherten Netzwerken entdeckt, die von ihrer Position aus betrieben werden. Sie hat ein außergewöhnliches Verständnis für Verschlüsselungstechnologien. Es ist sehr wahrscheinlich, dass sie die Daten entschlüsseln kann, die Reinhardt an sie übergeben will.“

Maria trat näher an die Projektion heran, ihre Bewegungen präzise, während sie die Details aufnahm. Ihr Verstand arbeitete mit der Effizienz eines Algorithmus. Lena Bergmann war nicht nur ein Störfaktor – sie war eine Wildcard. Und Wildcards hatten keinen Platz in Marias geordnetem Entwurf der Welt.

„Hat Reinhardt die Daten bereits übermittelt?“

„Noch nicht“, antwortete Weidner hastig. „Unsere Überwachung deutet darauf hin, dass er vorhat, sich heute Abend mit ihr zu treffen. Das Café Strandblick in ihrer Nähe ist der vermutete Ort.“

Maria ließ den Blick über die Europakarte wandern, ihre Gedanken blitzschnell. Reinhardt, der idealistische Journalist, glaubte, dass die Wahrheit eine Waffe war. Aber er war kein Stratege. Wahrheit war keine Waffe – sie war ein Werkzeug, das von denen kontrolliert wurde, die die Macht hatten, sie zu formen.

„Schicken Sie ein Team“, sagte sie schließlich, ihre Stimme unnachgiebig. „Sorgen Sie dafür, dass dieser Austausch nie stattfindet. Reinhardt ist entbehrlich, aber ich will Bergmann lebend. Wenn sie die Daten hat, hat sie einen Wert.“

„Ja, Frau Helwig“, antwortete Weidner und eilte davon, seinen Fokus auf seine Aufgabe gerichtet.

Maria beobachtete ihn, wie er den Raum verließ, bevor sie ihren Blick wieder auf die Projektion richtete. Die pulsierenden Linien und Ströme schienen in ihrem Blick besonders lebendig, wie ein Netz, das die Welt durchdrang und von ihr gelenkt wurde.

Aber dann, tief in ihrem Bewusstsein, regte sich ein Schatten – ein leiser Zweifel, der wie ein kalter Wind an ihrer Fassade kratzte. Lena Bergmann erinnerte Maria an jemanden, den sie vor langer Zeit gekannt hatte: sich selbst. Eine idealistische Frau, die glaubte, die Welt verändern zu können, bevor sie erkannte, dass nur Kontrolle sie verändern konnte.

Für einen flüchtigen Moment tauchte ein Bild in ihrem Geist auf – eine jüngere Version von sich selbst, in einer Zeit, als sie noch an anderen Idealen festgehalten hatte. Der Geruch von Papier und alten Büroarchiven, das gedämpfte Licht eines BND-Büros, die naive Hoffnung, die sie damals verspürt hatte. Sie blinzelte das Bild weg. Es war irrelevant.

„Verdoppeln Sie die Überwachung sämtlicher Kommunikationskanäle“, sagte sie schließlich, ihre Stimme fest und ohne Emotion. „Kein Signal, keine Nachricht darf unbemerkt bleiben. Und ich will jede Einzelheit über Lena Bergmann innerhalb der nächsten Stunde auf meinem Schirm sehen.“

Die Männer und Frauen im Raum nickten eifrig und setzten sich wieder in Bewegung, ihre Körperhaltung angespannt und ihre Blicke auf die Bildschirme geheftet.

Maria blieb stehen, die Kälte in ihrem Inneren stieg auf wie ein vertrauter, schützender Mantel. Aber der Schatten war noch da, ein leises Flüstern in der Stille. War Lena wirklich nur eine Variable in ihrer Gleichung? Oder war sie etwas anderes – eine Erinnerung, ein Spiegel, ein Vorbote?

Sie schüttelte den Gedanken ab und straffte die Schultern. Schwäche hatte hier keinen Platz. Ihre Vision war größer als sie selbst, größer als jede einzelne Person.

Sie richtete ihren Blick wieder auf die Europa-Projektion. Die Datenströme zuckten und pulsierten, ein Beweis für die Macht, die sie hielt. „Labyrinth“ würde nicht scheitern. Nicht an einem idealistischen Journalisten. Nicht an einer Analystin, die sich verstecken wollte.

Und nicht an den Zweifeln, die tief in ihrem Inneren lauerten.