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Liebesromane an einem Ort

Kapitel 1Heimkehr in die Schatten


Lukas

Die Dämmerung legte sich wie ein dunkler Schleier über Schwarzbach, während Lukas den steilen Pfad hinaufstieg. Es war kalt, und der Wind trug den feuchten Duft von Moos und altem Holz mit sich, als die stummen Wächter des Waldes – hohe, dunkle Tannen – ihre Äste wie drohende Finger gen Himmel reckten. Jeder Schritt hallte leise auf dem verwitterten Kopfsteinpflaster wider, das sich wie eine verblasste Narbe durch das Dorf zog. Schwarzbach war wie aus seiner Erinnerung herausgeschnitten: die alten, holzverkleideten Häuser mit geschnitzten Giebeln, deren Fensterläden, vom Zahn der Zeit gezeichnet, wie müde Augen in die Dämmerung starrten. Doch es lag mehr in der Luft als nur Herbstkälte – eine Schwere, die sich wie unsichtbare Hände auf seine Brust legte.

Er zog die Lederjacke enger um sich, die Hände tief in den Taschen vergraben. Die wenigen Dorfbewohner, die sich in der trüben Dunkelheit auf der Straße zeigten, warfen ihm scheue, verstohlene Blicke zu. Ihre Gesichter waren halb im Schatten verborgen, doch ihre Augen folgten ihm, während sie wortlos an ihm vorbeigingen. Er war weder ein Fremder noch ein Willkommenes – der Sohn von Elza Wolfsblut, ein Name, der wie ein Flüstern oder ein Fluch durch die engen Gassen des Dorfes wehte.

Das alte Elternhaus erhob sich am Rand des Dorfes, umgeben von knorrigen Bäumen, deren Äste sich wie ein Netz aus Schatten über das Dach spannten. Lukas blieb stehen, sein Blick wanderte über die Fassade. Das Haus hatte etwas Unveränderliches, und doch schien es wie erstarrt in der Zeit – die Fenster matt vor Staub, der Anstrich ein abgestorbenes Braun, die Farbe längst abgeblättert. Erinnerungen flackerten durch seinen Geist, eine Mischung aus Vertrautheit und Verlust, und ein schwerer Stein legte sich auf seine Brust. Mit zögernder Hand griff er nach dem rostigen Türknauf und drückte ihn herunter.

Drinnen war es still, nur das leise Knarren der Tür unterbrach die bedrückende Stille. Die Luft war abgestanden, erfüllt von dem muffigen Geruch der Vergangenheit – Holz, Staub und etwas Unbestimmtes, das wie eine stumme Warnung in der Dunkelheit schwebte. Lukas ließ die Tür hinter sich ins Schloss fallen, der dumpfe Klang hallte durch die Leere des Hauses. Sein Blick wanderte durch das Wohnzimmer. Die Möbel standen an denselben Plätzen wie damals – ein eingefrorenes Bild seiner Kindheit. Der Esstisch war übersät mit kleinen Kerben, die er einst mit einem Taschenmesser hineingeschabt hatte. Doch nun wirkte alles wie eine leere Hülle, ein Ort ohne Seele.

Er zog den Matsch von seinen Stiefeln ab, seine Schritte hallten dumpf auf den Dielen. Das Wohnzimmer war von einer Schicht aus Staub überzogen, doch ein Regal voller Bücher und alter Notizen schien fast unberührt. Lukas’ Finger fuhren über die Buchrücken, bis er innehielt. Seine Augen fielen auf ein Notizbuch, das sich vom Rest abhob. Das Cover war schlicht, aus abgenutztem Leder, und als er es aufschlug, schoss ein Stich durch seine Brust. Die Worte auf der Innenseite waren wie ein Flüstern aus der Vergangenheit: „Für Lukas. Solltest du je zurückkehren.“

Seine Hände zitterten, als er die Seiten umblätterte. Es war die Handschrift seiner Mutter. Skizzen von Maschinen, seltsame Runen, kryptische Formeln. Dazwischen verteilte Notizen, die ihn wie Schatten aus der Vergangenheit anstarrten: „Das Flüstern des Codes...“, „Die Wahrheit liegt tiefer verborgen...“, „Der Blutfluch.“ Das letzte Wort schnürte ihm die Kehle zu. Blutfluch. Sein Atem stockte. Das war das Erbe seiner Familie, der Schatten, der über der Wolfsblut-Dynastie hing. Der Fluch, der seine Mutter das Leben gekostet hatte.

Ein Knarren ließ ihn zusammenzucken. Lukas’ Kopf schoss herum, seine Sinne schärften sich. Für einen Moment glaubte er, ein Flüstern aus der oberen Etage zu hören – ein leises, klagendes Geräusch, das sich wie Stimmen anhörte, die durch dicke Wände drangen. Es war wieder still. Nur das alte Holz des Hauses, beruhigte er sich, doch sein Griff wanderte instinktiv zu dem Messer, das an seinem Gürtel hing. Mit einem letzten Blick auf das Notizbuch in seiner Hand atmete er tief durch und ging die knarrende Treppe hinauf.

Die Schritte hallten seltsam laut in der Stille, und bei jedem Tritt schienen die Schatten dichter zu werden. Oben angekommen öffnete er die Tür zu dem Arbeitszimmer seiner Mutter. Der Raum war eine Zeitkapsel – der Schreibtisch war bedeckt mit zerknitterten Papieren, Skizzen und altertümlichen Geräten, die an eine längst vergangene Ära erinnerten. Doch die Luft hier fühlte sich anders an, schwerer, als ob sie eine unsichtbare Energie barg. Lukas trat näher, sein Blick wanderte über die Papiere, die mit komplexen Diagrammen und Formeln bedeckt waren. Die Runen schienen vor seinen Augen zu flimmern, als ob sie lebendig wären.

Dann fiel sein Blick auf ein Gerät, das halb unter einem Stapel von Notizen verborgen lag. Es war keine einfache Maschine – eine Mischung aus einem antiken Kompass und einem technologischen Artefakt. Er hob es vorsichtig auf und drehte es in den Händen. Es war überraschend schwer, und auf der Unterseite entdeckte er eine Gravur: ein Wolfskopf, umgeben von Zahnrädern. Ein Schauer lief ihm über den Rücken. Dieses Symbol hatte er schon einmal gesehen – in Träumen, die ihn seit Jahren verfolgten.

Seine Finger strichen über die Gravur, und eine plötzliche elektrische Ladung durchzuckte ihn. Das Gerät erwachte mit einem leisen Summen zum Leben. Bläuliches Licht strömte durch die Zahnräder, pulsierte wie der Herzschlag eines lebenden Wesens. Lukas stolperte zurück, sein Atem ging schwer. Das Licht flackerte, als würde es ihn mustern, bevor es abrupt erlosch. Das Summen verklang, und eine lähmende Stille legte sich über den Raum.

Lukas starrte das Gerät an, sein Herz raste. Was hatte seine Mutter hier erschaffen? Die Frage drängte sich auf, und mit ihr ein Gefühl von Unbehagen, das an seinen Nerven zerrte. Doch noch bevor er eine Antwort finden konnte, spürte er es – ein Ziehen tief in seinem Inneren, vertraut und doch gefürchtet. Seine Muskeln verkrampften sich, und er fiel auf die Knie. Die Schatten in den Ecken des Raumes schienen zu wachsen, lebendig zu werden, während sein Atem unregelmäßig wurde. Die gelben Augen, die er so oft im Spiegel gemieden hatte, begannen zu glühen, flackerten wie das Licht des Geräts.

„Nicht jetzt...“, murmelte er keuchend, die Hände in den Teppich gekrallt. Doch die Veränderung ließ sich nicht aufhalten. Sein Körper war kein sicherer Hafen mehr – er war ein Schlachtfeld. Bilder durchzuckten seinen Geist: ein dunkler Wald, ein steinerner Altar, ein Wolf mit leuchtenden Augen, der ihn aus der Dunkelheit heraus beobachtete. Immer wieder war es das Symbol des Wolfskopfes, das sich in sein Bewusstsein brannte.

Mit einem letzten Ruck riss er sich aus der beginnenden Verwandlung. Schweiß rann ihm über die Stirn, und seine Hände zitterten, als er sich aufrichtete. Das Gerät lag still auf dem Boden, doch es fühlte sich an wie ein schlafender Wächter, der jederzeit erwachen könnte. Lukas wusste, dass die Antworten hier waren – irgendwo zwischen den Notizen, den Maschinen und den Schatten, die seine Mutter hinterlassen hatte.

Er griff nach dem Notizbuch und klemmte es unter seinen Arm. Als er das Haus verließ, war die Nacht in vollem Gange. Der Wind heulte wie ein Rudel, das nach seinem Alpha rief, und die Dunkelheit schien dichter als zuvor. Plötzlich vibrierte sein Handy in der Tasche. Er zog es heraus, der Bildschirm flackerte. Für einen Augenblick glaubte er, das Gesicht eines Wolfes zu sehen, das ihn aus der Tiefe der digitalen Dunkelheit heraus anstarrte.

Dann erlosch der Bildschirm, und alles war still. Lukas schüttelte den Kopf. Die Schatten von Schwarzbach hatten ihn wieder aufgenommen, doch sie flüsterten, dass er in ihrer Umarmung nicht sicher war. Nicht, solange die Wahrheit verborgen blieb.

Er zog die Jacke enger und trat in die Nacht hinaus, bereit, den Spuren seiner Vergangenheit zu folgen.