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Liebesromane an einem Ort

Kapitel 1Flüstern des Blutes


Lea Rottwald

Die Luft war kalt und schwer, als Lea Rottwald aus dem Wagen stieg. Der Tatort lag tief verborgen in einem abgelegenen Teil des Waldes, wo die Schotterstraßen kaum noch befahrbar und die Geräusche der Stadt vom dichten Dickicht verschluckt wurden. Blaue und rote Lichter der Polizeisirenen tanzten unruhig zwischen den Schatten der Bäume, ein flackerndes Pulsieren gegen die Dunkelheit. Ihre robusten Stiefel sanken leicht in den feuchten Boden, das Knirschen des Kieses unter ihren Sohlen klang gedämpft. Der Geruch von feuchtem Moos und verwesendem Holz lag in der Luft – eine Mischung, die sie an Kindheitstage mit ihrem Vater erinnerte, als sie durch den Schwarzwald wanderten. Doch diese Erinnerung fühlte sich jetzt wie ein Fremdkörper in ihr an. Der Wald hier war anders. Bedrohlicher.

Ein Mann trat aus dem Lichtkegel eines der Polizeiwagen hervor. Kommissar Carsten Voigt, groß, hager und mit einem Gesicht, das in tiefen Schatten lag, streckte ihr ein Klemmbrett entgegen. „Rottwald,“ grummelte er, seine Stimme rau und schwer. „Gut, dass Sie hier sind. Wir haben hier etwas... Ungewöhnliches.“ Er sprach langsam, als ob er die Worte sorgfältig auswählte, doch in seinen Augen lag ein Ausdruck von Unruhe, den er nicht verbergen konnte.

Lea nickte knapp, griff nach ihrem Untersuchungsset und spürte, wie der kalte Metallgriff der Tasche ihre Handfläche kühlte. „Was genau meinen Sie mit ungewöhnlich?“ fragte sie, während sie ihm über den matschigen Boden folgte.

„Warten Sie, bis Sie es sehen,“ murmelte er und deutete mit einem Nicken in Richtung der Bäume. Seine Miene blieb verschlossen, doch seine Schultern wirkten angespannt. Die Polizisten, die in der Nähe standen, unterhielten sich flüsternd, warfen nervöse Blicke in Richtung des Waldes. Einer der Jüngeren machte ein hastiges Kreuzzeichen, bevor er sich abwandte.

Lea spürte, wie sich ihre eigenen Schultern versteiften. Es lag etwas in der Luft, etwas, das sie nicht benennen konnte, das aber ihre Sinne schärfte. Sie rückte den Kragen ihrer Jacke zurecht und folgte Voigt tiefer in den Wald. Die Schatten der Bäume wurden dichter, ihre Äste wirkten wie knorrige Finger, die sich gegen das Licht der Taschenlampen wanden. Schließlich erreichten sie eine kleine Lichtung, von der sie auf den ersten Blick wusste, dass sie nicht natürlich war. Die Symmetrie war zu perfekt, zu gezielt.

In der Mitte der Lichtung lag die Leiche. Es war ein Mann mittleren Alters, seine Gliedmaßen grotesk verdreht, als hätte ihn etwas mit unmenschlicher Wucht zu Boden geschmettert. Seine Brust war aufgerissen, die Wunden tief und rau, wie von Klauen, die keine präzisen Schnitte kannten, sondern rohe Gewalt. Die Haut war von Kratzern überzogen, einige so tief, dass die weißen Knochen darunter sichtbar waren. Blut hatte den Boden unter ihm dunkel gefärbt, doch es war merkwürdig, wie wenig davon tatsächlich verteilt war.

Das Ungewöhnlichste waren jedoch die Spuren. Rund um den Körper waren Abdrücke im feuchten Boden zu erkennen – groß, schwer, tief eingesunken. Auf den ersten Blick wirkten sie wie die eines riesigen Wolfes, doch die Form stimmte nicht. Die Zehen waren zu lang, die Krallen zu scharf und symmetrisch.

„Wie lange liegt er schon hier?“ fragte Lea und kniete sich neben die Leiche, zog ihre Handschuhe an und begann, die Szene in Augenschein zu nehmen.

„Nicht lange,“ antwortete Voigt knapp und zog an seiner Zigarette, die in seiner Hand fast erloschen war. „Vielleicht ein paar Stunden. Aber die Spuren...“ Er hielt inne, suchte offenbar nach Worten. „So etwas kenne ich nicht. Nicht hier. Und ganz sicher nicht so.“

Lea ignorierte seine Worte und konzentrierte sich ganz auf den Körper. Ihre professionellen Reflexe setzten ein. Fotos, Messungen, ein erster Blick auf die Wunden. Doch je länger sie sich mit der Leiche befasste, desto stärker wurde das Gefühl, dass etwas nicht stimmte.

Der Geruch des Blutes – anfangs kaum wahrnehmbar – wurde allmählich überwältigend. Es füllte die Luft, verschluckte alles andere. Ihre Hände begannen zu zittern, ihr Atem beschleunigte sich. Sie spürte, wie ihr Herz raste, als hätte sie gerade etwas Schweres getragen.

Dann war da das Flüstern.

Es begann leise, kaum mehr als ein Hauch, und doch war es da – ein tiefes, rhythmisches Wispern, das nicht von den Bäumen um sie herum zu kommen schien, sondern von etwas Tieferem. Sie hielt inne, hob den Kopf. Der Wald war still, unnatürlich still, und doch drang das Flüstern an ihre Ohren wie ein Lied, das sie nicht verstand. Es schien unter ihrer Haut zu kriechen, sich in ihren Gedanken festzusetzen.

„Lea?“ Max' Stimme zerriss die Stille, und sie fuhr herum. Ihr Kollege stand am Rand der Lichtung, seine Stirn in Sorge gerunzelt. Sein Blick wanderte zwischen ihr und der Leiche hin und her. „Alles in Ordnung?“

„Ja, ich...“ Sie räusperte sich hastig, versuchte, ihre Fassung zurückzugewinnen. Ihre Stimme klang rau und fremd. „Alles gut. Ich mache weiter.“

Max trat näher, legte eine Hand auf ihre Schulter. „Das sieht hier verdammt seltsam aus. Wer oder was auch immer das getan hat...“ Er hielt inne, zögerte. „Hast du so etwas schon einmal gesehen?“

„Nein,“ gab sie zu und zwang sich, auf die Leiche zu blicken, auch wenn ein Teil von ihr sich abwenden wollte. „Noch nie.“

Doch ihre Worte fühlten sich hohl an. Es war, als ob ihre Sinne sie betrügen wollten. Die Gerüche waren zu stark, zu klar. Sie hörte das Rauschen der Blätter, als wäre es direkt in ihrem Kopf. Ihr Blick verschwamm für einen Moment, und sie blinzelte, doch es half nichts.

„Lea?“ Max zog seine Hand zurück, seine Stimme klang besorgt. „Du bist kreidebleich. Vielleicht sollt–“

„Nein!“ Ihre Stimme war schärfer, als sie wollte, und Max trat überrascht einen Schritt zurück. Sie schloss für einen Moment die Augen, versuchte, ruhig zu atmen, doch die Welt um sie herum schien sich zu verformen. Die Bäume neigten sich, der Boden unter ihren Füßen war plötzlich weicher.

Sie stolperte zurück, weg von der Lichtung, hinein in die Dunkelheit des Waldes. Der Nebel wurde dichter, schwerer, und die Schatten der Bäume schienen lebendig zu werden. Ihr Kopf war ein Chaos aus Bildern und Gefühlen, ein Wirbel aus Angst, Wildheit und etwas, das sie nicht benennen konnte.

Dann kamen die Visionen.

Vor ihrem inneren Auge tauchten Schatten auf, Wölfe, die durch endlose Wälder jagten, ihre Augen wie glühende Sterne im Dunkeln. Sie spürte die Wildheit in ihrem Blut, eine fremde, rohe Kraft, die sie zugleich erschreckte und anzog. Sie fiel auf die Knie, ihre Hände gruben sich in die feuchte Erde.

„Lea.“ Die Stimme war tief, fast ein Summen, und doch fühlte sie sich vertraut an.

Mit einem Ruck riss sie die Augen auf. Nichts war da. Keine Gestalt, kein Wolf – nur die Dunkelheit und der kalte Nebel, der sie umfing.

„Lea!“ Max’ Rufen drang durch den Nebel, und sie drehte sich um. Er kam auf sie zugerannt, seine Augen vor Sorge geweitet. „Was machst du? Alles in Ordnung?“

Sie öffnete den Mund, doch keine Worte kamen heraus. Stattdessen spürte sie, wie Tränen über ihre Wangen liefen, heiß und salzig. Es war, als ob etwas in ihr zerbrochen war, ein Teil von ihr, den sie nicht einmal gekannt hatte.

Max kniete sich neben sie, sprach mit gedämpfter Stimme auf sie ein, doch sie konnte seine Worte kaum hören. Alles, was sie spürte, war das Flüstern in ihrem Kopf und die Wildheit, die in ihrer Brust lauerte.

Die Wölfe waren nur der Anfang.