Kapitel 1 — Gebrochene Versprechen
Liesel Wagner
Die schweren goldenen Vorhänge der Villa hingen regungslos, als hielten sie den Atem an. Draußen jedoch pfiff ein kräftiger Wind durch die Straßen und schüttelte die blutroten Fahnen, die an den Fassaden befestigt waren. Liesel stand reglos am Fenster, ihre Finger umfassten das kühle Messing des Fenstergriffs. Unten marschierten Soldaten in perfekter Formation über das Kopfsteinpflaster, die Stiefeltritte wie ein Herzschlag, der nicht ihrer war. Die Flaggen, die sie hochhielten, wehten stolz, doch die Welt, die sie repräsentierten, fühlte sich für Liesel wie ein fremdes Gefängnis an, dessen Mauern sie zu ersticken drohten.
Hinter ihr drang gedämpftes Gemurmel, das leise Klimpern von Gläsern und das schwere Parfüm der Gäste durch den Raum. Der Duft verwelkter Rosen aus den überbordenden Blumenarrangements vermischte sich mit Zigarrenrauch und dem Hauch von Möbelpolitur. Die Luft in der Empfangshalle war stickig, fast erstickend, und doch wagte Liesel es nicht, das Fenster zu öffnen.
"Liesel."
Die Stimme ihrer Mutter schnitt klar durch das Summen. Liesel zuckte zusammen, drehte sich abrupt um und begegnete dem kritischen Blick einer Frau, die die Verkörperung von Strenge und Perfektion war. Das marineblaue Kleid ihrer Mutter passte makellos, und die Perlenkette um ihren Hals schien in ihrem eisigen Blick zu glitzern.
"Du stehst da wie eine Statue, Kind. Die Gäste erwarten, dass du dich ihnen zeigst. Es ist deine Hochzeit."
Das Wort „Hochzeit“ ließ Liesels Magen sich zusammenziehen. Es war ein Wort, das die Erfüllung von Träumen bedeuten sollte, doch für sie war es ein Käfig. Sie zwang ein Lächeln auf ihre Lippen, ein Ausdruck, der nicht die Augen erreichte, und nickte gehorsam.
„Ja, Mutter.“
Ihre Mutter hielt inne, ließ ihren Blick prüfend über Liesels Erscheinung gleiten. Das elfenbeinfarbene Kleid, ein makellos gearbeitetes Meisterwerk aus Spitze und Perlen, war perfekt, doch es fühlte sich an, als hätte man ihr eine fremde Haut übergestülpt. Ihre blonden Haare waren zu einem eleganten Knoten zurückgesteckt, und ein unauffälliges Paar Perlenohrringe, das ihre Mutter ausgewählt hatte, schmückte ihre Ohren. Alles an ihr war ein Bild von Eleganz – und ein Bild, das sie nicht erkannte.
„Du bist hübsch“, sagte ihre Mutter schließlich, doch ihre Worte klangen wie eine Feststellung, nicht wie ein Kompliment. Dann wandte sie sich ab und verschwand mit festen Schritten wieder in der Menge.
Liesel atmete tief durch und strich mit zitternden Fingern über den glatten Stoff ihres Kleides. Ihr Blick wanderte über die hohen Wände der Empfangshalle, über die goldenen Tapeten, die im Licht der Kronleuchter schimmerten, und die schweren Holzvertäfelungen, die den Raum mit einer bedrückenden Pracht erfüllten. Es war eine Welt, die sie nicht gewählt hatte, eine Inszenierung, in der sie die Hauptrolle spielte, ohne jemals gefragt worden zu sein.
Am anderen Ende des Raumes fiel ihr Blick auf Friedrich, der von einer Gruppe hochrangiger Männer in makellosen Uniformen umgeben war. Sie lachten über eine seiner Anekdoten, während er den Champagner in seiner Hand wie ein Zepter hielt. Seine Haltung war aufrecht, sein Gesicht charmant, doch seine Augen – kalt und durchdringend – verrieten die Strenge eines Mannes, der gewohnt war, zu befehlen.
Friedrichs Blick traf ihren, und er hob das Glas leicht, ein Lächeln auf den Lippen, das für die Menge bestimmt war. Liesel erwiderte es mechanisch, obwohl ihre Hände den Stoff ihres Kleides so fest umklammerten, dass ihre Knöchel weiß hervortraten.
„Liesel, meine Liebe.“
Friedrichs Stimme war warm, als er sich durch die Menge bewegte, um zu ihr zu kommen. Die Gespräche verstummten, und die Blicke der Gäste richteten sich auf das Paar. Er reichte ihr die Hand, und obwohl sie es lieber nicht getan hätte, legte sie ihre Finger in seine. Sein Griff war kühl und fest, eine Berührung, die keine Wahl ließ.
„Die schönste Braut, die ich je gesehen habe“, sagte er mit einer solchen Sanftheit, dass Liesel für einen Moment fast glaubte, er könnte es ehrlich meinen. Doch die Ernsthaftigkeit in seinen Augen ließ sie daran zweifeln.
„Danke“, murmelte sie, ihre Stimme kaum hörbar.
Der höfliche Applaus der Gäste um sie herum klang wie ein Hohn in ihren Ohren. Friedrich beugte sich zu ihr, sein Atem streifte ihre Wange, als er leise sagte: „Du hast dich heute gut geschlagen, Liesel. Ich weiß, dass das nicht leicht für dich war.“
Liesel spürte einen leichten Stich in seiner Bemerkung. Es war, als ob er ihre Unsicherheiten wahrnahm und sie gleichzeitig daran erinnerte, dass er sie beobachtete. Sie erwiderte nichts, nahm jedoch die Champagnerflöte, die ein Kellner ihr reichte, und nippte daran, um die Spannung in ihrer Kehle zu lösen.
Der Abend zog sich dahin, wie in einem Traum. Die Gespräche wirkten oberflächlich, die Lacher künstlich, und die Gesichter der Gäste verschwammen zu einer einzigen unscharfen Masse. Später, als die Kerzen die Halle in ein warmes, sanftes Licht tauchten, fand sich Liesel in einer Ecke des Salons wieder. Friedrich war erneut von seinen Kameraden umringt, die übertrieben lachten, während er sprach.
Ihre Gedanken schweiften ab, zurück zu einer Zeit, in der ihr Leben einfacher gewesen war. Sie erinnerte sich an die Geschichten, die ihr Vater ihr früher erzählt hatte – von Abenteuern und fernen Ländern, von Freiheit und Mut. Sie hatte sie damals nie wirklich verstanden, doch jetzt waren sie wie ein ferner Traum, ein Flimmern am Rande ihres Bewusstseins.
Ein melancholisches Klavierstück zog ihre Aufmerksamkeit auf sich. Der Pianist, ein Mann mit grauen Schläfen, ließ seine Finger sanft über die Tasten gleiten. Die Melodie durchdrang Liesels Herz, verstärkte die Traurigkeit, die sie in sich trug, und doch war es ein Trost, ein Moment der Ehrlichkeit inmitten all der Fassade.
Der Klang zog sie wieder zum Fenster. Die Nacht hatte die Straße unter ihr verschluckt, doch in der Ferne glommen die Lichter eines vorbeifahrenden Zuges. Sie stellte sich vor, wie es wäre, in diesem Zug zu sitzen, irgendwohin zu fahren, wo sie niemand kannte, wo sie einfach sie selbst sein konnte. Doch die Schwere der Realität hielt sie zurück.
Ein leises Räuspern ließ sie aufschrecken. Friedrich stand hinter ihr, sein Gesicht im Halbdunkel des Salons kaum zu erkennen.
„Ein langer Tag“, sagte er, die Hände hinter dem Rücken verschränkt.
„Ja“, antwortete sie knapp, sich der leisen Spannung zwischen ihnen bewusst.
Er trat näher, sein Blick durchdringend. „Ich weiß, dass du das nicht wolltest, Liesel. Aber das Leben verlangt Opfer. Wir alle haben unsere Rolle zu spielen, besonders in Zeiten wie diesen.“
Seine Worte fühlten sich wie ein Urteil an, ein unausweichlicher Befehl. Liesel senkte den Blick, unfähig, ihm direkt zu widersprechen.
„Ich werde mein Bestes tun“, sagte sie schließlich, ihre Stimme ein Hauch.
„Das hoffe ich.“ Friedrichs Ton war sanft, doch die Strenge in seinen Worten ließ keinen Zweifel daran, dass er sie beobachten würde.
Als er ging, blieb Liesel allein zurück. Die Klaviermelodie verschmolz mit dem leisen Gemurmel der Gesellschaft, doch für sie war es, als herrschte völlige Stille. Sie legte die Hände auf die Fensterbank, atmete tief ein und schloss die Augen.
Die Nacht war lang, und der Weg, der vor ihr lag, schien endlos. Doch während sie sich die Lichter des Zuges in Erinnerung rief, spürte sie ein kleines Flackern in sich – einen Hauch von Hoffnung, dass dieses Leben, das heute begonnen hatte, nicht das einzige sein würde, das sie führen müsste.