Kapitel 1 — Gebrochene Versprechen
Die goldenen Vorhänge im Salon waren nur halb zugezogen, und auf den Scheiben dahinter klebten noch die Papierstreifen, die der Gärtner im November kreuzweise über jedes Fenster gezogen hatte. Gegen den Luftdruck, hatte er gesagt. Liesel stand am Fenster und hielt den Messinggriff fest, als könnte sie es noch öffnen.
Unten am Tor bildeten Friedrichs Kameraden ein Spalier für die letzten Wagen. Graue Mäntel, Mützen, Absätze, die zusammenschlugen, sobald eine Wagentür aufging. Am Torpfosten hing die Fahne, die Friedrich am Morgen hatte anbringen lassen, schwer vom Nieselregen.
Vor einer Stunde, im Standesamt Tiergarten, hatte der Beamte sie gefragt, und sie hatte Ja gesagt. Es war ein kurzes Wort. Sie hatte geglaubt, es würde länger dauern, es auszusprechen.
Auf der Fahrt zurück waren sie an den Häusern vorbeigekommen, die im November gebrannt hatten. Von manchen standen nur die Fassaden, und in den Fensteröffnungen war Himmel. Friedrich hatte nicht hingesehen. Er hatte ihr erklärt, wer am Abend kommen würde und in welcher Reihenfolge man die Leute begrüßte.
Ihr Vater hatte ihr einmal etwas abverlangt. Sie war zwölf gewesen und hatte der Nachbarin versprochen, den Hund auszuführen, und es dann vergessen. „Sag nie Ja, wenn du Nein meinst, Liesel“, hatte er gesagt. „Ein Ja ist das Einzige, was man nicht zurückgeben kann.“ Er war Lehrer gewesen, Erdkunde, bis man ihn dreiunddreißig nicht mehr unterrichten ließ. Seit fünf Jahren war er tot.
„Liesel.“
Ihre Mutter stand hinter ihr. Margarete Wagner trug das marineblaue Kleid, das sie zu allen Anlässen trug, bei denen es darauf ankam, und die Perlenkette, die sie seit dem Tod ihres Mannes nur noch zu solchen Anlässen trug.
„Du stehst da wie eine Statue, Kind. Die Gäste erwarten, dass du dich zeigst. Es ist deine Hochzeit.“
„Ja, Mutter.“
Ihre Mutter musterte sie vom Knoten im blonden Haar bis zum Saum. Das Kleid war aus elfenbeinfarbener Seide, noch von vor dem Krieg, und hatte eine Schneiderin in Charlottenburg drei Wochen gekostet und ihre Mutter zwei Bezugsscheine und einen Gefallen, über den nicht gesprochen wurde. Es saß. Es fühlte sich an wie die Haut einer anderen.
„Du bist hübsch“, sagte ihre Mutter. Es war eine Feststellung. Dann trat sie näher. „Und sieh dich um. Friedrich hat das Haus neununddreißig erworben. Ein Glücksfall. So etwas bekommt man heute nicht mehr.“
„Von wem hat er es gekauft?“
„Von einer Gesellschaft, soviel ich weiß.“ Ihre Mutter steckte eine Nadel in Liesels Haar fester, die fest genug saß. „Das spielt keine Rolle. Geh zu deinem Mann.“
Friedrich stand am anderen Ende des Salons unter dem Kronleuchter, zwischen Männern in Uniform, und hielt sein Glas wie einen Marschallstab. Er war siebenunddreißig, Sturmbannführer, und erzählte eine Geschichte, bei der die anderen an den richtigen Stellen lachten. Sein Gesicht war freundlich. Seine Augen gingen dabei ruhig durch den Raum und merkten sich, wer mit wem sprach.
Dann fanden sie Liesel. Er hob das Glas eine Handbreit, ein Lächeln für die Umstehenden, und kam herüber. Die Gespräche in seiner Nähe verstummten, eins nach dem anderen.
„Liesel, meine Liebe.“ Er nahm ihre Hand. Sein Griff war kühl und sicher, ein Griff, der nicht fragte. „Die schönste Braut, die ich je gesehen habe.“
Jemand klatschte, die anderen folgten. Friedrich beugte sich zu ihr, als wollte er ihr etwas Zärtliches sagen, und sagte an ihrem Ohr: „Du hast dich heute gut geschlagen. Ich weiß, dass das nicht leicht für dich war.“
Es klang wie ein Lob. Es war eine Mitteilung: Er hatte hingesehen. Liesel nahm eine Sektschale vom Tablett eines Kellners und trank, damit ihr Mund etwas zu tun hatte.
Der Abend zog sich. Ein General a. D. erklärte ihr den Unterschied zwischen zwei Jahrgängen. Eine Frau mit einem Fuchs um die Schultern fragte, wie sie die Bibliothek einrichten wolle, die Bücher seien ja alle noch da. Liesel sagte, das wisse sie noch nicht.
Am Flügel saß ein Pianist mit grauen Schläfen, den Friedrich für den Abend bestellt hatte. Er spielte Walzer und Schlager, die niemanden störten. Einmal, als die Männer zum Rauchen in den Wintergarten gegangen waren und der Salon sich leerte, begann er etwas anderes.
Liesel kannte die ersten Takte. Ihr Vater hatte die Platte besessen, bis er sie fünfunddreißig verbrannt hatte. Der Komponist hieß Mendelssohn.
Nach drei Takten brach der Pianist ab, als hätte ihn jemand am Ärmel gezogen, und ging ohne Übergang in einen Walzer über. Niemand hatte es bemerkt. Nur sie.
Später, als die Kerzen heruntergebrannt waren und das schwarze Verdunkelungspapier längst hinter jedem Vorhang hing, stand sie wieder am Fenster und sah durch einen Spalt hinaus. Jenseits der Bäume fuhr ein Zug der Stadtbahn vorbei, die Lampen zu schmalen blauen Schlitzen abgeblendet. Sie stellte sich vor, darin zu sitzen und so lange zu fahren, bis niemand mehr ihren Namen kannte.
„Verzeihen Sie, gnädige Frau.“
Der Pianist stand neben ihr, die Notenmappe unter dem Arm, den Hut schon in der Hand. Er sah nicht sie an, sondern den Flügel, einen schwarzen Blüthner mit einer feinen hellen Narbe am Deckel.
„Das Instrument ist gut gehalten“, sagte er. „Ich habe schon einmal darauf gespielt.“
„Hier im Haus?“
„Bei einer Hausmusik. Sechsunddreißig.“ Er machte eine Pause, in der er zu überlegen schien, ob er weitersprechen sollte. „Bei den Leuten, die hier gewohnt haben.“
„Welche Leute?“
Vom Flur rief jemand, der Wagen für den Klavierspieler stehe bereit. Er nickte ihr zu, knapp, fast entschuldigend, und ging. Sie sah ihn nicht wieder.
„Ein langer Tag.“
Friedrich war hinter sie getreten, die Hände auf dem Rücken. Im Halbdunkel des Salons war von seinem Gesicht nur das Kinn zu sehen.
„Ja“, sagte sie.
„Ich weiß, dass du das nicht wolltest, Liesel.“ Er sagte es ohne Vorwurf, beinahe sachlich. „Aber das Leben verlangt Opfer. Wir alle haben unsere Rolle zu spielen, besonders in Zeiten wie diesen.“
„Ich werde mein Bestes tun.“
„Das hoffe ich.“ Er berührte kurz ihren Ellbogen, wie man einen Gegenstand zurechtrückt, und ging zu seinen Gästen zurück.
Liesel blieb stehen. Der Salon roch nach Zigarren, nach Möbelpolitur und nach den Rosen, die ihre Mutter aus einem Gewächshaus in Dahlem hatte kommen lassen und die an den Rändern schon braun wurden. Über dem Flügel hing ein Jagdstück in schwerem Rahmen, ein erlegter Fasan und zwei Hunde.
Um das Jagdstück herum zeichnete sich auf der Tapete ein Rechteck ab, auf allen vier Seiten eine gute Handbreit größer als der Rahmen. Darin war das Gold noch satt. Ringsum hatte das Licht es blass gemacht. Dort hatte einmal ein anderes, größeres Bild gehangen, lange genug, dass die Wand es sich gemerkt hatte.
Jemand hatte es abgenommen. Niemand hatte die Wand neu tapezieren lassen.