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Liebesromane an einem Ort

Kapitel 2Gefangen im goldenen Käfig


Um halb zwölf fiel die Haustür hinter den letzten Gästen ins Schloss. Friedrich schob den Riegel vor, sah auf die Uhr und nickte Liesel zu.

„Ich habe noch zu arbeiten“, sagte er. „Geh schlafen. Es war ein guter Tag.“

Dann ging er den Flur hinunter zu seinem Arbeitszimmer, und die Tür schloss sich mit einem sauberen, leisen Klicken.

Liesel blieb in der Halle stehen. Im Salon knackte das Holz im Kamin, im Flur tickte die Standuhr. Frau Lemke, die Hausdame, trug die letzten Gläser auf einem Tablett an ihr vorbei, wünschte der gnädigen Frau eine gute Nacht und sah dabei auf die Gläser.

So war das also. Man heiratete, und dann ging der Mann arbeiten.

Sie hätte erleichtert sein sollen. Sie war es auch, und gleichzeitig kam sie sich vor wie ein Möbelstück, das man geliefert und noch nicht ausgepackt hatte.

Schlafen konnte sie nicht. Sie ging durch das Haus, das seit heute ihr Haus sein sollte.

Marmor in der Halle, auf dem die Absätze zu laut waren. An der Treppe hingen die Hardenbergs, die Friedrich vom Gut seiner Familie in Pommern hatte kommen lassen: Männer mit Degen, Frauen mit Hauben, alle mit demselben Kinn. Es war ein Haus wie eine Ausstellung, in der man nichts anfassen durfte.

Die Bibliothek lag am Ende des Flurs. Regale bis zur Decke, eine Leiter auf Rollen, ein Geruch nach Leder und kaltem Tabak. Die Frau mit dem Fuchs hatte recht gehabt: Die Bücher waren alle noch da. Liesel zog einen Band Fontane heraus, einfach um etwas in der Hand zu haben, und schlug ihn auf.

Auf der Innenseite des Deckels klebte ein Exlibris. Ein kleiner Adler mit ausgebreiteten Flügeln, darunter in schmaler Schrift: Martin Adler.

Sie nahm einen zweiten Band heraus, einen dritten. Derselbe Adler. Derselbe Name.

Sie stellte die Bücher zurück, genau an ihren Platz, und merkte, dass sie das tat, als könnte jemand es nachprüfen.

Hinter der Küche führte ein schmaler Gang weiter, wo der Teppich aufhörte und das Haus schlichter wurde. Am Ende stand eine Tür einen Spalt offen. Kalte Luft kam herauf, und ein Geruch nach feuchtem Stein.

Liesel nahm die Taschenlampe vom Haken neben der Tür und ging hinunter.

Der Keller war der Luftschutzraum des Hauses. An der Tür stand es in schwarzer Schablonenschrift. Vier Pritschen mit grauen Decken, an jeder ein Koffer, Sandeimer in einer Reihe, eine Handspritze, ein Kanister Wasser.

An der Brandmauer, die die Villa mit dem Nachbarhaus teilte, hatte jemand einen weißen Pfeil gemalt und darunter ein Wort: Durchbruch. Dort war die Mauer dünner, für den Fall, dass man die Treppe nicht mehr nehmen konnte.

Hinter einem Vorhang am Ende des Raumes stand eine zweite Tür. Eine Stahltür, angelehnt. Durch den Spalt fiel Licht.

Liesel hätte umkehren sollen. Sie schob die Tür auf.

Ein kleiner Raum ohne Fenster. Regale mit Aktenordnern, ein Schreibtisch mit einer grünen Lampe, die brannte, in die Wand eingelassen ein Tresor. Auf den Rücken der Ordner klebten Schilder mit Jahreszahlen. Auf manchen Deckblättern saß der Adler mit dem Kranz, das Siegel, das auf jedem Formular des Reiches saß.

Auf dem Schreibtisch lag eine einzelne Mappe. Auf dem Etikett stand: Grundstück Tiergartenviertel – Adler.

Sie horchte. Von oben kam nichts. Sie schlug die Mappe auf.

Obenauf ein Kaufvertrag vom März 1939. Verkäufer: Martin Israel Adler, Verleger, und seine Ehefrau Hanna Sara Adler. Liesel wusste, woher diese zweiten Vornamen kamen; seit Neujahr neununddreißig mussten Juden sie führen. Käufer war eine Grundstücksverwaltung aus dem Havelland, vertreten durch einen Treuhänder. Kaufpreis: einundvierzigtausend Reichsmark. Am Rand, mit Bleistift und in einer anderen Schrift, stand eine zweite Zahl, die fast fünfmal so groß war.

Darunter eine Schätzung vom selben Frühjahr, auf dem Briefpapier einer Kunsthandlung in Dresden, unterschrieben von einem Herrn Krämer. Tafelsilber, vierundachtzig Teile. Zwei Leuchter. Ein Gartenbild von Liebermann, eine Straßenszene von Lesser Ury. Ein Konzertflügel, Blüthner.

Neben dem Silber und neben den beiden Bildern standen Häkchen, mit Bleistift gesetzt. Und daneben, klein und ordentlich, mit Tinte, in einer Handschrift, die Liesel aus drei Monaten Briefwechsel kannte:

Fassaden müssen gewahrt bleiben.

Sie verstand den Satz nicht. Sie verstand nur, dass er nicht für sie geschrieben worden war.

Unter der Schätzung lag eine Mitteilung vom Sommer 1939. Martin, Hanna und Paul Adler – der Junge geboren 1934 – wurde eine Wohnung in Moabit zugewiesen, in einem Haus hinter dem Kleinen Tiergarten. Die Adresse war getippt, die Unterschrift unleserlich.

Auf die Rückseite des letzten Blattes war mit einer Büroklammer ein Foto geheftet.

Eine Frau in einem hellen Sommerkleid, die in die Sonne blinzelte. Ein Mann in Hemdsärmeln, der nicht in die Kamera sah, sondern auf das Kind. Zwischen ihnen, auf der obersten Stufe einer Steintreppe, ein kleiner Junge, der eine Hand auf den Kopf eines steinernen Löwen gelegt hatte, als gehörte der Löwe ihm.

Liesel kannte diese Treppe. Sie war am Nachmittag in ihrem Brautkleid hinaufgegangen. Die beiden Löwen standen noch dort, links und rechts vom Eingang.

Sie drehte das Foto um. Eine Frauenhandschrift, rund und schnell: Unser Haus. Juli 1937. Paul ist drei.

Über ihr knarrte eine Stufe.

Liesel legte das Foto zurück, die Blätter übereinander, die Mappe so schräg, wie sie gelegen hatte. Die Lampe ließ sie brennen. Sie zog die Stahltür wieder auf die Breite eines Spalts, trat hinter den Vorhang, knipste die Taschenlampe aus, und als die Schritte auf der Kellertreppe waren, lag sie schon zwischen zwei Pritschen auf dem Boden, eine graue Decke halb über sich gezogen.

Friedrich ging an ihr vorbei. Sie sah seine Schuhe, keine Armlänge entfernt. Die Stahltür quietschte. Ein Stuhl wurde gerückt, Papier raschelte, ein Rad am Tresor drehte sich in kleinen, gleichmäßigen Schritten.

Sie atmete durch den Mund, flach, und roch den Sand in den Eimern.

Nach einer Zeit, die sie nicht hätte schätzen können, erlosch das Licht hinter dem Vorhang. Die Stahltür fiel zu. Ein Schlüssel drehte sich zweimal. Friedrichs Schritte gingen die Treppe hinauf, ruhig, ohne Eile, und oben schloss sich die Kellertür.

Liesel blieb liegen, bis ihre Knie wehtaten.

In ihrem Zimmer brannte noch die Nachttischlampe, die Frau Lemke angelassen hatte. Friedrichs Schlafzimmer lag am anderen Ende des Flurs. Das hatte er ihr am Morgen gezeigt, höflich, wie man einem Gast das Bad zeigt.

Sie setzte sich an den Frisiertisch und begann, die Nadeln aus dem Haar zu ziehen, eine nach der anderen, und legte sie in eine Schale. Im Spiegel sah sie hinter sich die Tür zum kleinen Nebenzimmer, das jetzt ein Ankleidezimmer war. Die Tür stand offen.

Mit der letzten Nadel in der Hand stand sie auf und ging hinüber.

Der Türrahmen war frisch gestrichen, weiß, aber nur einmal, und die Farbe war dünn. Im Licht, das schräg aus ihrem Zimmer fiel, sah man darunter Striche. Kurze waagerechte Bleistiftstriche, einer über dem anderen, in unregelmäßigen Abständen. Neben jedem eine Jahreszahl.

Liesel fuhr mit dem Finger daran hinauf. Der höchste Strich reichte ihr bis zur Hüfte. Daneben stand, halb übermalt und trotzdem zu lesen:

Paul, 1938.