Kapitel 3 — Der Pazifist im Krieg
Der Junge auf der Liege war sechzehn und trug die blaugraue Uniform der Luftwaffenhelfer, an der Schulter aufgeschnitten. Er kam vom Flakturm am Zoo. Ein Splitter von der eigenen Granate, hatte der Sanitäter gesagt, das komme vor.
„Halt still“, sagte Johann Keller. „Es tut nur kurz weh.“
„Ich hab keine Angst.“
„Dann halt trotzdem still.“
Die Pinzette fand das Metall beim zweiten Versuch. Der Junge biss die Zähne zusammen und sah zur Decke, wo ein Wasserfleck die Form eines Landes hatte, das es nicht gab. Johann zog, legte den Splitter in die Nierenschale, wo er leise klirrte, und begann zu verbinden. Es war der neunte Patient seit Mitternacht. Draußen roch die Stadt noch nach den Bränden der letzten Woche.
Auf dem Flur lehnte Dr. Weiss an der Wand, die Arme verschränkt, den Kittel voller Flecken, die nicht mehr herausgingen.
„Noch ein Held, der fürs Vaterland blutet“, sagte er. „Sechzehn Jahre. Und trotzdem werden sie nicht müde, den Krieg zu glorifizieren.“
„Sagen Sie das nicht so laut.“
„Wie denn sonst?“ Weiss zuckte mit den Schultern. „Wenn man es flüstert, hört es ja keiner.“
Eine Schwester kam vorbei und sagte, der Oberarzt wolle Dr. Keller sprechen, sofort.
Das Zimmer von Oberarzt Brandt hatte dunkelgrüne Vorhänge und einen Schreibtisch, an dem man sich klein vorkam. Brandt war groß und hager, mit einem Gesicht, das vor allem aus Knochen bestand, und er sah beim Sprechen selten auf.
„Setzen Sie sich, Keller.“
Johann setzte sich.
„Sie wissen, warum ich Sie hergebeten habe.“
„Nein, Herr Oberarzt.“
Brandt zog ein Blatt aus einem Stapel, drehte es um und legte es vor Johann hin, wie man eine Karte aufdeckt. Ein Einberufungsbefehl. Sanitätsdienst der Waffen-SS. Meldung am 10. Januar 1944, SS-Lazarett Berlin-Lichterfelde.
Johann las es zweimal.
„Ich bin nicht in der SS“, sagte er.
„Das sind jetzt viele nicht, die hingehen.“ Brandt faltete die Hände. „Die Truppe braucht Ärzte, und die Ersatzbehörden verteilen, wie sie es für richtig halten. Man fragt da nicht nach Vorlieben.“
„Ich bin Arzt. Meine Pflicht ist es, Menschen zu heilen, nicht, sie in den Krieg zu begleiten.“
„Sie sind Arzt, Keller, aber Sie sind auch ein Bürger des Reiches. In Zeiten wie diesen bedeutet das, dass wir alle Opfer bringen müssen.“ Jetzt sah Brandt doch auf. Seine Stimme wurde fast freundlich, und das war schlimmer. „Es gibt immer eine Wahl. Aber die richtige Wahl verlangt Opfer. Sie sind ein kluger Mann. Sie werden das verstehen.“
Er schob ein zweites Formular über den Tisch. Eine Empfangsbestätigung, eine Zeile für das Datum, eine für die Unterschrift.
„Bis morgen früh auf meinem Tisch.“
Am Abend fuhr Johann mit der Straßenbahn nach Wedding. In der Küche seiner Eltern roch es nach Kohl und nach dem Ersatzkaffee, den seine Mutter aus Gerste röstete und trotzdem Kaffee nannte. Grete saß am Tisch und nähte einen fremden Mantel um.
Er legte den Befehl neben die Kaffeekanne. Seine Mutter las ihn zuerst und sagte: „Wenigstens ein Lazarett.“
Grete las ihn danach und sagte nichts, aber sie legte die Nadel hin.
Sein Vater setzte die Brille auf, las, nahm die Brille ab und las noch einmal ohne sie, als könnte das Papier dann etwas anderes sagen.
„Du unterschreibst doch nicht etwa?“, fragte er.
Niemand antwortete. Johann sah, wie sein Vater den Satz zu Ende dachte, bis zu der Stelle, an der zwei Männer in Mänteln in der Setzerei standen und nach dem Sohn fragten. Und nach der Tochter, die bei Siemens am Band stand und nebenher nähte.
„Er muss“, sagte Grete. Sie sagte es zu ihrem Vater, nicht zu Johann, und ihre Hände lagen dabei ganz still auf dem fremden Mantel.
Johann wohnte zur Untermiete zwei Straßen vom Krankenhaus entfernt, in einem Zimmer mit einem Bett, einem Tisch und einem Ofen, der zog, wenn er wollte. Als er zurückkam, legte er die beiden Blätter nebeneinander auf den Tisch und setzte sich davor, den Mantel noch an.
Er dachte nicht an die Waffen-SS. Er dachte an eine Treppe.
Im Oktober zweiundvierzig hatte ihn eine junge Hilfsschwester mit kurz geschnittenem Haar auf dem Gang angesprochen, deren Namen er nicht kannte. Ob er Scharlach erkenne. Ob er abends Zeit habe. Der Arzt, der in dem Haus sonst behandelte, sei abgeholt worden, und in dem Haus dürfe kein anderer behandeln.
Das Haus stand hinter dem Kleinen Tiergarten. Er war im Dunkeln eine Treppe hinaufgestiegen, deren Geländer klebte, bis in den zweiten Stock.
In der Wohnung lebten vier Familien in drei Zimmern, und an den Haken im Flur hingen Mäntel mit gelben Sternen. Der Junge lag auf einem Sofa unter zwei Decken. Acht Jahre alt, Fieber, die Zunge rot wie eine Himbeere, der Ausschlag bis zum Hals.
Die Mutter hatte schmale Hände und bot ihm Tee an, den sie nicht hatte. Johann hatte Tabletten aus der Krankenhausapotheke in der Tasche, die er nicht hätte nehmen dürfen, und er ließ sie da.
Der Junge hatte ihn die ganze Zeit angesehen. Dann hatte er gefragt: „Haben Ärzte auch Angst?“
„Ja“, hatte Johann gesagt.
„Wovor?“
„Dass sie sich irren.“
Der Junge hatte darüber nachgedacht, sehr ernst, und dann gesagt: „Dann irren Sie sich eben nicht.“
An der Tür hatte Johann der Mutter gesagt, der Junge werde wieder gesund. Er glaubte es sogar. Dann war er gegangen und nicht wiedergekommen. Er hatte sich gesagt, es sei zu gefährlich, und es war zu gefährlich, und trotzdem war das nicht der ganze Grund gewesen. Im März hatte er gehört, das Haus sei geräumt worden. Er hatte nicht gefragt, wohin.
Johann rieb sich die Augen.
Sein Vater war Schriftsetzer in Wedding. Er hatte nie viel geredet, und das Wenige hatte er meistens zweimal gesagt, damit es blieb. Einen Satz hatte er öfter gesagt: „Johann, die größte Stärke eines Menschen liegt nicht in den Fäusten, sondern in seiner Fähigkeit, anderen zu helfen.“
Johann hatte den Satz als Kind für eine Ausrede gehalten, mit der ein kleiner Mann sich über die großen tröstete. Später war er Arzt geworden, und der Satz war geblieben.
Wenn er nicht unterschrieb, würde man ihn holen. Das war einfach. Nicht einfach war das Bild, das er seit dem Abend nicht mehr loswurde: Gretes Hände, still auf einem fremden Mantel, und sein Vater, der die Brille abnahm, weil er nicht noch einmal lesen wollte, was da stand.
Gegen vier Uhr ging der Ofen aus. Johann legte nicht nach.
Als es draußen grau wurde, stand er auf und zog das Verdunkelungspapier vom Fenster. Die Stadt lag unter einem Himmel ohne Farbe, die Dächer gegenüber hatten Lücken, und aus einem Schornstein weiter hinten stieg Rauch, der nicht aus einem Ofen kam.
Er setzte sich wieder hin, schraubte den Füller auf und schrieb das Datum in die erste Zeile.
In die zweite Zeile schrieb er seinen Namen.
Es war das erste Mal, dass er seinen Namen unter etwas setzte, woran er nicht glaubte.