Kapitel 1 — Letzte Chance im Spiegel der Träume
Lena Winter
Der Regen prasselte unnachgiebig gegen die großen Fenster ihres kleinen Apartments, während Lena Winter mit einem angespannten Gesichtsausdruck auf den Bildschirm ihres Laptops starrte. Ihre schlanken Finger schwebten über die Tastatur, als könnten sie im nächsten Moment eine Eingebung erzwingen, und doch blieb das Dokument auf dem Bildschirm erschreckend leer. Nur ein paar spärliche Notizen standen darauf, fragmentarische Gedanken, die so weit entfernt wirkten von der investigativen Schärfe, die sie einst ausgezeichnet hatte. Der Cursor blinkte wie ein feindseliger Metronom, ein stummer Vorwurf, der sie daran erinnerte, dass ihre Zeit davonlief.
Sie ließ frustriert die Schultern sinken, ihre Hände fielen in den Schoß. Mit geschlossenen Augen lehnte sie sich in ihrem Stuhl zurück, ihre Stirn auf die Handfläche gestützt. Ihre tiefblauen Augen, die einst vor Zielstrebigkeit und Energie strahlten, wirkten nun stumpf und müde – eine Reflexion ihres inneren Zustandes. Die monotone Geräuschkulisse ihres Apartments – das Summen des Kühlschranks und das gelegentliche Klopfen der alten Heizungsrohre – verstärkte ihren Eindruck der Isolation.
Lenas Gedanken wanderten zurück zu dem Tag, an dem alles zusammenbrach: Der Skandal, der sie fast ihre Karriere gekostet hatte, war ein Schatten, der nie verblasste. Sie hatte einen Fehler gemacht. Einen unverzeihlichen Fehler. In der Welt der Medien gab es kein Vergessen, nur das ständige Ringen um Relevanz.
Ein schrilles Klingeln riss sie aus ihrer Trance. Ihr Handy vibrierte hektisch auf dem Couchtisch, rutschte fast über den Rand. Sie griff danach, und ihr Herz setzte einen Schlag aus, als sie die Nummer auf dem Display erkannte. Der Chefredakteur.
„Winter,“ meldete sie sich, ihre Stimme ruhig, obwohl sie innerlich die kalte Angst spürte, die sich in ihrer Brust zusammenkrampfte.
„Sind Sie zu Hause?“ fragte Johannes Keller, seine Stimme so scharf und geschäftsmäßig wie eine Klinge.
„Ja,“ antwortete sie zögernd.
„Gut. Kommen Sie ins Büro. Sofort.“
„Es ist schon nach sieben,“ versuchte sie einzuwenden und hoffte auf eine Spur von Vernunft.
„Und?“ Keller ließ ein spöttisches Lachen hören, das wie ein Schlag in die Magengrube wirkte. „Das hier hat keine Zeit. Wir müssen reden.“
Bevor sie etwas entgegnen konnte, legte er auf. Lena starrte auf das dunkle Display, ihr Herzschlag beschleunigte sich. Was wollte Keller? War dies das Ende? Oder vielleicht eine Möglichkeit, aus ihrer beruflichen Misere herauszukommen?
Mit einer Mischung aus Unruhe und Pflichtbewusstsein zog sie ihren schwarzen Blazer an, griff nach ihrer Tasche und eilte nach draußen. Der Regen hüllte Berlin in eine kalte, graue Unnachgiebigkeit. Die Autos rauschten über den glänzenden Asphalt, ihre Scheinwerfer warfen verwischte Lichter in die Nacht. Lena zog ihren Schal fester um den Hals und zwang sich in die U-Bahn, die sie ins Herz der Stadt brachte.
Als sie die Redaktion erreichte, wirkte der Raum wie eine Geisterstadt. Die meisten Schreibtische waren verwaist, nur die flimmernden Monitore und das gedämpfte Licht der Deckenlampen schienen noch zu arbeiten. Die Atmosphäre war schwer vom Druck, der immer über diesem Ort hing. Keller saß in seinem gläsernen Büro, sein makelloser Anzug und die akkurat zurückgekämmten grauen Haare wirkten wie ein Monument der Kontrolle.
„Setzen Sie sich,“ sagte er knapp, als Lena das Büro betrat.
Sie ließ sich in den Stuhl sinken und wartete, während er sie mit einem durchdringenden Blick musterte. Sein Gesicht war eine Maske aus Kalkül, doch seine Augen verrieten eine leise Spur von Ungeduld – oder war es Verachtung?
„Ich mache es kurz,“ begann er, und seine Stimme schnitt durch die Stille wie ein Messer. „Die Verkaufszahlen sind katastrophal. Wenn wir nicht bald etwas liefern, das die Leute fesselt, können wir das Magazin dichtmachen. Und wenn wir scheitern, Winter, dann scheitern Sie mit uns.“
Lena spürte, wie sich ihr Magen zusammenzog. Sie verschränkte die Hände fest im Schoß und zwang sich, seinem Blick standzuhalten.
„Was genau erwarten Sie von mir?“ fragte sie, bemüht, ihre Stimme fest zu halten, obwohl ihr Inneres schrie.
Keller zog einen braunen Umschlag aus der Schublade und schob ihn langsam über den Tisch. „Ich habe eine Story für Sie,“ sagte er. „Eine große. Eine, die Ihre Karriere retten könnte – wenn Sie es nicht vermasseln.“
Lena griff nach dem Umschlag, zog die Papiere heraus, und ein Name sprang ihr ins Auge: Niklas Bergmann. Er war einer der größten Stars des deutschen Eishockeys, ein gefeierter Athlet, der sich jedoch eisern von der Presse fernhielt.
„Niklas Bergmann?“ Sie hob eine Augenbraue.
„Ein Phänomen auf dem Eis, ein Mysterium daneben. Niemand kommt an ihn heran. Finden Sie heraus, was er verbirgt. Und ich will keine belanglose Homestory. Ich will Substanz. Etwas, das die Leser elektrisiert.“
„Und wenn’s nichts gibt?“ wagte Lena zu fragen.
Keller lächelte dünn. „Jeder hat ein Geheimnis, Winter. Jeder. Es liegt an Ihnen, es zu finden.“ Seine Stimme wurde schärfer, als er sich nach vorne lehnte. „Das ist Ihre letzte Chance. Verkacken Sie das, und Sie können Ihre Karriere vergessen.“
Die Worte trafen sie wie ein Schlag. Lena wollte widersprechen, wollte sich wehren, aber etwas in ihr wusste, dass er recht hatte.
„Ich mache es,“ sagte sie schließlich, ihre Stimme leise, aber entschlossen.
Keller lehnte sich zufrieden zurück. „Das will ich hören. Ich erwarte Ergebnisse bis Ende der Woche.“
Mit dem Umschlag unter dem Arm verließ Lena das Büro. Ein kalter Windstoß empfing sie, als sie auf die verregneten Straßen zurückkehrte. Der Gedanke an die Aufgabe lastete schwer auf ihr. Niklas Bergmann – ein Mann, der sich hinter Mauern aus Eis und Schweigen verbarg. Wie sollte sie ihn knacken?
Als sie ihr Apartment betrat, wartete Sophie bereits mit einer geöffneten Flasche Wein auf der Couch. Ihr kastanienbraunes Haar fiel in lockeren Strähnen auf ihre Schultern, und ihre braunen Augen blickten Lena warm an.
„Und? Was wollte der alte Tyrann?“ fragte Sophie, während sie ihr ein Glas einfüllte.
Lena ließ sich auf die Couch fallen und rieb sich die Stirn. „Eishockey. Er will, dass ich eine Story über Niklas Bergmann schreibe. Es ist... na ja, wohl meine letzte Chance.“
„Eishockey?“ Sophie zog eine Augenbraue hoch. „Das ist nicht gerade dein Fachgebiet.“
„Das spielt keine Rolle. Es geht nicht um den Sport. Es geht um ihn.“ Lena schwenkte ihr Glas und blickte gedankenverloren hinein.
Sophie musterte sie schweigend, dann legte sie eine Hand auf Lenas Schulter. „Pass auf dich auf, Lena. Der Job hat dir schon genug weggenommen. Lass nicht zu, dass er dich ganz zerstört.“
Lena lächelte schwach, fühlte aber, wie die Tränen hinter ihren Augen brannten. „Ich habe keine Wahl, Sophie. Es ist das oder nichts.“
Sie saßen eine Weile schweigend da, der Regen prasselte gegen die Fenster, und das leise Ticken der Wanduhr füllte die Lücke zwischen ihnen. Trotz der Schwere der Situation spürte Lena einen Funken Hoffnung. Vielleicht, nur vielleicht, war dies ihre Gelegenheit, endlich wieder aufzustehen.