App herunterladen

Liebesromane an einem Ort

Kapitel 1Das Rufen des Amuletts


Der Regen lief in breiten Bahnen über die Fensterfront des Instituts, und Hanna Berger zählte ihn nicht mehr als Wetter, sondern als Verzögerung. Seit zwei Wochen hing das Tief über der Nordsee. Seit zwei Wochen verschob sich ihr Flug.

„Du bist spät“, sagte Jonas, ohne aufzusehen. Er saß zwischen ausgedruckten Karten, drei Bildschirmen und einem kalten Kaffee, und in der Hand hielt er die Wetterprognose, als sei sie ein Befund. „Und sie ist schlechter als gestern.“

„Dann fliegen wir bei schlechtem Wetter.“ Hanna schüttelte den Regen aus ihrer Jacke und stellte die Tasche ab. „Wir haben das Boot für Donnerstag. Danach ist die Insel bis April dicht.“

Jonas drehte sich auf dem Stuhl zu ihr um. Er war einunddreißig, zwei Jahre jünger als sie, und hatte die Angewohnheit, seine Sorgen als Tatsachen zu formulieren. „Draugaskär“, sagte er. „Weißt du, wie die Fischer den Ort nennen?“

„Den verfluchten Platz. Das steht in drei Quellen, und in allen dreien steht auch, dass dort niemand hingeht.“ Sie zog einen Stuhl heran und setzte sich ihm gegenüber. „Genau deshalb ist die Höhle unberührt. Keine Grabräuber, keine Sammler, kein Tourismus. Weißt du, wie selten das ist?“

„Ich weiß, wie steil die Klippe ist.“

Hanna lachte kurz und nahm ihm den Ausdruck aus der Hand. „Du hast Angst vorm Fliegen, nicht vorm Klettern. Verwechsle das nicht.“

Zwei Tage später standen sie am oberen Rand von Draugaskär, und Hanna verstand die Fischer zum ersten Mal.

Die Klippe fiel in schwarzen, nassen Stufen ins Meer, und das Meer kam mit einer Wucht zurück, die nicht nach Wasser klang, sondern nach etwas Schwerem, das gegen eine Tür schlägt. Der Wind kam von unten. Das war das Falsche daran. Er stieg aus der Tiefe herauf, roch nach Salz und kaltem Stein und drückte ihnen den Regen von unten ins Gesicht.

Der Abstieg dauerte vierzig Minuten für achtzig Meter. Der Eingang lag hinter einem Vorhang aus Efeu, so schmal, dass Hanna die Schultern drehen musste, und dahinter öffnete sich der Raum so plötzlich, dass ihre Taschenlampe ins Leere stach.

„Das ist keine natürliche Kammer“, sagte Jonas hinter ihr. Seine Stimme war um eine Stufe leiser geworden. „Sieh dir die Wände an.“

Hanna sah sie sich an. Sie sah sie sich lange an.

Die Runen liefen in drei Bändern um den Raum, dicht, tief eingeschnitten, und sie waren falsch. Nicht falsch geschrieben – falsch für diesen Ort und diese Zeit. Hanna kannte die älteren Futhark-Reihen, sie hatte über die Übergangsformen ihre Doktorarbeit geschrieben, und was hier stand, war keine Übergangsform. Es sah aus, als hätte jemand die Zeichen gekannt, bevor sie entstanden.

„Fotografiere alles“, sagte sie. „Jedes Band, überlappend. Wenn wir das nicht sauber dokumentieren, glaubt uns kein Mensch.“

Das Licht kam aus der hinteren Ecke.

Es war schwach und silbrig, und es pulste nicht wie eine Lampe, sondern wie etwas Atmendes. In einer flachen Mulde im Fels lag das Amulett. Es war kleiner, als Hanna es sich in dem Moment vorstellte, in dem sie es sah: handtellergroß, eine Scheibe aus einem Metall, das im Strahl der Taschenlampe grau blieb und aus sich selbst heraus hell wurde.

Und es trug Runen. Am Rand, im Kreis, sauber gesetzt.

Hanna zählte sie, weil Zählen das Erste war, was sie tat, wenn sie nicht mehr weiterwusste. „Neun“, sagte sie laut. „Neun Runen. Alle leuchten.“

„Alle?“ Jonas kniete neben ihr. „Was heißt alle? Als könnten welche fehlen?“

„Ich weiß es nicht. Es sieht aus wie eine Reihe. Wie eine Zählung.“ Sie hob die Kamera, machte vier Aufnahmen, zwei davon mit Maßstab, und notierte die Uhrzeit im Feldbuch: 16:12, neun Zeichen, alle aktiv. Ihr war im selben Moment klar, wie unwissenschaftlich das Wort aktiv war, und sie schrieb es trotzdem hin.

„Hanna.“ Jonas’ Stimme hatte sich verändert. „Wir nehmen es nicht mit. Wir melden den Fund und kommen mit einem Team wieder.“

„Ich nehme es nicht mit.“ Sie zog die Handschuhe aus. „Ich will nur wissen, ob es warm ist.“

Später, wenn sie sich diesen Satz vorhielt, gab sie zu, dass es eine Lüge war, die sie sich selbst erzählte, und dass ihre Hand schon unterwegs gewesen war, bevor sie ihn zu Ende gesprochen hatte.

Es war warm.

Dann war es heiß, und die Hitze lief nicht in ihre Hand, sondern aus ihr heraus, den Arm hinauf, durch die Schulter, in die Brust, und die Höhle kippte. Die Farben lösten sich vom Stein wie Farbe von nassem Papier.

Hanna sah, ganz klar und ganz ruhig, wie eine der neun Runen am Rand der Scheibe erlosch. Sie sprang nicht und zerbrach nicht. Sie ging aus, wie eine Kerze ausgeht, wenn jemand an ihr vorbeigeht.

Acht.

„Jonas“, sagte sie, oder wollte es sagen.

Sie hörte ihn ihren Namen rufen, und die Entfernung, aus der er ihn rief, war falsch. Er kniete einen Meter neben ihr, und seine Stimme kam aus einem anderen Raum.

Dann Licht. Kein Blitz, eher ein Aufreißen, als sei die Luft ein Tuch, das entlang einer Naht nachgibt. Sie war schwerelos, und es war nicht angenehm. Sie fiel nicht. Sie wurde gehalten, von etwas, das keine Hände hatte, und was sie in diesem Halten dachte, war ein einziger klarer Satz: Ich habe es berührt, also habe ich bezahlt.

Bilder kamen durch das Licht wie Fische durch trübes Wasser. Ein brennender Wald. Ein Dorf mit Grasdächern, von oben gesehen. Ein Wolf, dessen Augen zu hell waren und der sie ansah, wie ein Mensch jemanden ansieht, den er erwartet hat.

Dann Dunkelheit, tief und still, und in der Dunkelheit nur der eigene Herzschlag, langsamer, als er sein sollte.

Gerüche kamen zuerst zurück. Holzrauch. Getrocknete Kräuter. Etwas Fettiges, das brannte – Talg, dachte sie, und der Gedanke kam aus der Studienzeit, aus einem Seminarraum mit Beamer und Kaffeeflecken auf dem Tisch, und passte nicht zu dem, was ihre Haut ihr meldete.

Über ihr wölbte sich eine Decke aus rohem Holz. Balken, mit dem Beil bearbeitet, nicht gesägt. Zwischen ihnen hing ein Bündel Kräuter, und der Rauch stieg daran vorbei und suchte sich ein Loch im Dach.

Eine Gestalt bewegte sich vor dem Feuer. Eine Frauenstimme, ruhig und dunkel, wie bei jemandem, der es gewohnt ist, dass ihm zugehört wird.

„Ruhig, Siv. Du bist zu Hause.“

Hanna wollte antworten, dass sie nicht Siv sei, dass sie eine Frage habe, dass die Fragen sich in ihr stapelten wie Kisten in einem zu kleinen Lager. Ihre Kehle war trocken wie Staub.

Ihre rechte Hand lag geschlossen auf ihrer Brust. Sie öffnete sie langsam, und in der Handfläche lag die Scheibe, kühl jetzt, und am Rand liefen die Zeichen im Kreis.

Sie zählte sie zweimal, weil sie beim ersten Mal nicht glauben wollte, was sie zählte.

Acht.

Linien der Sippe: Zeitsturm 1 - Kapitel 1 | EpicBooks.app